Der Radsport ist wie eine Sucht
1979 fanden sie sich als Weltmeister zum Gruppenbild zusammen – ein Jahr später, 1980, hielten sie alle olympisches Edelmetall in den Händen: Das Cottbuser Radsport-Quintett mit (v.l.) Hans-Joachim Hartnick, Bernd Drogan, Lothar Thoms, Lutz Heßlich und Volker Winkler. Foto: Fotos: LR-Archiv

«Man musste sich
durchbeißen.»«Die Kameradschaft, die wir damals hatten, gibt es nicht mehr.»
Lothar ThomasVolker Winkler


Wie empfanden Sie den Moment, in dem Sie Ihre Medaillen gewannen«
Drogan: An das Rennen erinnere ich mich nur bruchstückhaft, wir mussten ja zwei Stunden lang Gas geben. Für mich war es eine Tortur. Ich hatte mir zuvor bei der Friedensfahrt das Schlüsselbein gebrochen. In Moskau sollten wir eine Goldmedaille erringen, konnten aber nur mit Mühe und Not Silber verteidigen – mit nicht mal einer Sekunde Vorsprung vor den Tschechen. Trotzdem war es eines der größten Ereignisse meiner sportlichen Laufbahn. Die Olympischen Spiele sind etwas Besonderes. Sie sind mit keiner Weltmeisterschaft oder Rundfahrt zu vergleichen.

Hartnick: Es war ein sehr hartes Rennen für jeden von uns vier. Die Russen hatten Heimvorteil und waren einfach besser drauf. Hinter uns lag zudem eine knallharte Vorbereitung und ein Stechen in Deutschland, um die besten Fahrer zu ermitteln. Unsere Bestform hatten wir bereits in Deutschland und nicht mehr bei Olympia. Die Auswahlkriterien waren damals viel härter als heutzutage.

Thoms: Mein Rennen war abends gegen 22 Uhr, gefolgt von der Siegerehrung und Doping-Kontrolle sowie einem Empfang im Deutschen Haus. Danach sah ich bei anderen Sportarten zu, zum Beispiel bei den Ruderern und Kanuten. Beim Gang durchs olympische Dorf traf ich viele berühmte Sportler, von denen ich bis dahin nur gehört hatte wie den äthiopischen 10 000-Meter-Läufer und Goldmedaillengewinner Muruse Yefter.

Winkler: Wir waren erst einmal froh, dass wir im Finale standen, denn damit hatten wir ja auf jeden Fall eine Medaille sicher. Wir spekulierten zwar auch auf Gold, aber letztlich waren die Russen stärker und haben verdient gewonnen.

Lutz Heßlich, war für Sie der Olympiasieg von 1980 anders als der von 1988»
Heßlich: Der zweite war schöner. Den habe ich genossen, auch weil er nicht so weh tat wie der erste. 1980 verausgabte ich mich zu sehr. So etwas habe ich mir nie wieder angetan. 1988 war ich relativ überlegen. Ich strengte mich zwar an, aber ich hatte so eine gute Form, dass ich das mehr auskosten konnte.

Die Spiele in Moskau wurden von vielen westlichen Ländern wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan boykottiert. War dadurch Olympia für Sie weniger wert«
Drogan: Wer nicht da ist, ist nicht da – so sahen wir das damals. Als es uns 1984 bei Olympia in Los Angeles traf, konnten wir nachvollziehen, wie es den Sportlern 1980 ging. Für viele ist Olympia der absolute Höhepunkt. Wenn der einem genommen wird, kommen nicht viele weitere Chancen.

Thoms: Vor Moskau war ich bereits dreimal hintereinander Weltmeister, was noch keiner in meiner Disziplin geschafft hatte. Die guten Zeiten vor Ort waren vielleicht wegen der schnellen Lärchenholzbahn in Krylatskoje relativ. Aber ich gewann dort mit einem neuen olympischen Rekord, der Bestand hatte. An diese Zeit kam jahrelang niemand heran.

Hartnick: Im Radsport war es nicht so entscheidend. Die damals stärksten Nationen kamen aus dem Ostblock und waren alle anwesend. Von der Stimmung her merkten wir wenig davon, dass viele fehlten. Wenn ich es mit den Spielen 1976 in Montreal vergleiche, an denen ich auch teilnahm, kann ich kaum Unterschiede feststellen.

Winkler: Irgendwie war es ein komisches Gefühl, dass nicht alle da waren. Das erzeugte schon eine schlechte Stimmung. Dem Radsport tat es zwar keinen Abbruch, weil die Weltspitze mit den Russen und den Tschechen dabei war. Aber das richtige Flair Olympischer Spiele haben wir damals nicht erlebt.

Inwieweit hat der Radsport Ihr Leben geprägt»
Thoms: Ich fuhr als Bahnfahrer 25 000 Kilometer im Jahr. Da musste man sich durchbeißen. Das half mir bei meiner Krankheit. Vor drei Jahren erlitt ich einen Schlaganfall, die rechte Körperseite war gelähmt und ich musste im Rollstuhl sitzen Mit viel Reha und Therapie kam ich wieder auf die Beine. So ganz geht es nicht mehr, ich habe immer noch Probleme und kann nicht mehr arbeiten. Aber ich kann mich alleine versorgen. Das ist viel wert.

Drogan: Der Radsport hat Charaktereigenschaften wie hohes Durchsetzungsvermögen erfordert. Ich habe beruflich und geschäftlich schon einige Tiefschläge erlitten und wäre ohne den Sport wohl manches Mal zu Boden gegangen. Außerdem ist der Radsport wie eine Sucht. Du kommst nicht davon los. Darüber freut sich meine Familie nicht unbedingt. Doch drei Viertel meines Lebens waren vom Radsport geprägt. Das kann ich nicht einfach wegwischen.

Heßlich: Der Radsport bestimmt mein Leben, seitdem ich mit elf Jahren damit anfing. Mein Herz schlägt für den Sport und gerade für den Bahnradsport. Da gibt es manchmal Reibereien zwischen Bernd und mir, denn er möchte aus den Rennfahrern lieber Straßenfahrer machen, und ich sehe sie lieber als Bahnfahrer.

Hartnick: Auch ich habe mit elf Jahren mit dem Radsport angefangen und kenne eigentlich nur das Rad fahren. Bis auf die zwei Jahre als Berufsschullehrer drehte sich alles bei mir um den Radsport und ich hoffe, es wird auch weiterhin so sein. Ich möchte junge Sportler unterstützen, damit sie international erfolgreich sind. Ich habe das als Bundestrainer mit Erfolg versucht, aber bei der Wirtschaftskrise derzeit in Deutschland wird auch in dem Bereich mächtig gestrichen.

Wie ging es nach Olympia 1980 weiter« Sie haben zu unterschiedlichen Zeiten mit dem aktiven Sport aufgehört, dann kam die politische Wende.
Thoms: Ich arbeitete bis Ende 1990 als stellvertretender Generalsekretär für Wettkampforganisation. Danach versuchte ich, mir eine andere berufliche Existenz aufzubauen, was in die Brüche ging, weil meine Ex-Frau nicht rechnen konnte. Wir hatten eine Boutique in Berlin, doch bald reichte eine nicht mehr aus, es mussten zwei, drei sein. Irgendwann war das Ende absehbar, auch das Ende meiner Ehe. Ich versuchte dann, hier in Cottbus wieder Fuß zu fassen. Erst arbeitete ich bei der Stadt, dann beim RSC. Danach absolvierte ich eine Ausbildung als Physiotherapeut, um wieder im Sportbereich zu arbeiten. Doch wegen meiner Krankheit wurde daraus nichts.

Drogan: 1990 wurde ich Cheftrainer und wollte den Radsport in die Bahn bringen. Aber nach anderthalb Jahren bin ich gescheitert. Es war ein Hauen und Stechen unter den Kollegen. Ich musste Trainer kündigen, mit denen ich aufgewachsen bin. Das habe ich nicht verkraftet. Ich bin Mitte 1991 raus aus dem Sport, habe eine Zeit lang in Italien als Hobbytrainer gearbeitet und dann umgeschult in Richtung Computer und BWL. Drei Jahre arbeitete ich als Buchhalter und machte 1995 mein eigenes Geschäft auf. Das ging neun Jahre. Seit drei Jahren bin ich Landestrainer, seit dem vergangenen Jahr mit Haut und Haar.

Winkler: 1985 beendete ich meine aktive Sportkarriere und ging den normalen Weg als Trainer-Assistent und dann Trainer. Dann kam die Wende. Da ging es überall drunter und drüber, auch im Sport. Man musste sich kümmern, um überhaupt Arbeit zu haben. Ich habe für eine Weile Autos und Büromöbel verkauft, halt die ganze Palette. 1996 ging ich dann zurück in den Sport als Trainer beim RSC. Aus familiären Gründen zog ich 2000 nach Berlin um und heute arbeite ich als Landestrainer für den Nachwuchs beim Landessportbund Berlin.

Hartnick:
Ich habe 1982 meine aktive Laufbahn als Sportler beendet, danach als Berufsschulsportlehrer gearbeitet und war dann beim RSC Cottbus als Trainer tätig. Seit der Wende war ich bis Ende vergangenen Jahres Bundestrainer. Im Augenblick suche ich nach einer neuen Beschäftigung und habe viele Bewerbungen weggeschickt. Einige bekam ich schon zurück, aber es sind noch einige Sachen offen.

Ziehen Sie heute noch Vorteile aus Ihren damaligen Erfolgen»
Drogan: Die Erinnerungen kommen mir heute zugute, weil es noch genau um das Gleiche geht. Wenn ich an die Auswertung des vergangenen Zyklus’ denke, als wir keine Olympiamedaille gewannen, dann kommt mir das alles sehr bekannt vor. Für mich ist aber das Allerwichtigste, dass mir meine Vergangenheit hilft, wenn ich in die Schulen gehe und versuche, Kinder für den Radsport zu begeistern.

Thoms: Ich habe bis zu meiner Krankheit auch Anfänger trainiert. Da sind sogar aus anderen Sportarten welche gekommen, unter anderen viele Fußballer. Es zieht eben doch, wenn man etwas vorzeigen kann. Aber persönlich ist da nur wenig. In der Stadt werde ich ab und zu mal angesprochen, «na, wie geht es den alten Weltmeistern» . Ich werde eingeladen und bekomme noch Fanpost, zum Beispiel aus Holland und Belgien, den typischen Radsportländern, und aus Westdeutschland. Ich staune immer wieder, was da über einige Ecken ankommt, da sind die tollsten Adressen drauf.

Heßlich: Mir haben die Kontakte aus meiner aktiven Zeit durchaus bei der Entwicklung meines Geschäftes genützt – angefangen bei Eddi Merckx bis hin zu Rudi Altig oder Francesco Musea. Nach der Wende knüpfte ich zum Beispiel Kontakte zu Campaniole in Italien. Dabei half mir mein Bekanntheitsgrad. Ich hatte immer einen kleinen Vorsprung gegenüber den anderen Fahrradhändlern, kam immer etwas schneller an das neueste Material heran.

Trauern Sie dem Umstand hinterher, dass ihr Karriere-Höhepunkt so zeitig vor der Wende lag« Wenn Sie 1990 Weltmeister geworden wären, dann hätten Sie richtig Geld verdienen können.
Drogan: Diese Wenn und Aber sollten aus dem Spiel gelassen werden, weil man sonst kaputtgeht. Wir hatten eine super Zeit und haben unsere Möglichkeiten gut genutzt. Ich träumte zehn Jahre lang von der Tour de France. Auch wenn wir nicht mitfahren durften, war das für uns das Größte. Ich fuhr aber damals einige Profirennen gegen Greg LeMond oder Laurent Fignon. Klar kam das mit der Wende noch mal hoch. Aber ich habe 1984 aufgehört, wollte 1986 wieder anfangen, doch das war zu DDR-Zeiten nicht mehr möglich. Nach einer solchen Auszeit wieder in Schwung zu kommen, ist eigentlich auch sinnlos.

Thoms: Man muss seine Zeit nutzen. Ich bereitete mich 1984 nach vielen Knieoperationen noch einmal auf Olympia vor. Anfang Mai 1984 hörte ich im sowjetischen Fernsehen das «Njet» . Da hab ich Lutz angerufen: «Die Russen haben gerade abgesagt, das wird bei uns genauso sein.» An dem Tag war das für mich gegessen. Ich wurde überredet, mit Malchow einen würdigen Nachfolger aufzuziehen. Der hat bei den Ersatzspielen in Moskau mit seinem zweiten Platz den Plan erfüllt. Damit konnte ich abtreten.

Heßlich: Fragt man einen Rentner, ob er gern noch einmal 20 wäre, würde er sagen: «20 nicht, aber vielleicht 45.» Ich will auch nicht mehr jünger sein. Klar, es wäre schön gewesen, mehr Geld zu verdienen, aber die Zeit war damals einfach so. Gerd Müller als Fußballer drüben hat auch nicht fünf Millionen Jahresgehalt bekommen. Ich verdiente zu DDR-Zeiten relativ viel Geld wie etwa ein guter Ingenieur oder Diplom-Sportlehrer.

Winkler: Unter den damaligen Bedingungen lebten wir gut. Sich im Nachhinein zu ärgern, ändert überhaupt nichts. Es war eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Als Trainer sehe ich, dass es die Erlebnisse und die Kameradschaft, die wir damals hatten, heute nicht mehr gibt. Es dreht sich alles nur noch ums Geld. Bei uns gab es auch noch andere Werte.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Radsports in der Lausitz am Standort Cottbus»
Heßlich: Wenn wir 2008 keine Medaille holen, sehe ich Kürzungen auf den Radsport zukommen. Dann bleiben von den jetzt sieben Trainern vielleicht drei und der Olympiastützpunkt geht nach Frankfurt oder Berlin. Die größte Chance auf eine Medaille haben wir auf der Bahn. Das ist besser planbar.

Hartnick: Die Medaille ist ein Ziel, aber das wird verdammt hart, das ist klar. Wir hoffen, dass wir einen Sportler finden, der das kann. Mit Trixi Worrack haben wir im Frauenradsport eine, die international ganz weit vorne sein kann. Und mit Levy einen Juniorenfahrer, der sehr erfolgreich im Sprint ist. Ob es 2008 bereits etwas wird, weiß ich nicht. Aber da wird viel, viel Kraft reingesteckt, um das Letzte herauszukitzeln.

   Mit HANS-JOACHIM HARTNICK, BERND DROGAN, LOTHAR THOMS, LUTZ HEßLICH und VOLKER WINKLER sprachen Thomas Juschus, Wolfgang von der Burg, Wolfgang Swat, Christian Taubert und Katrin Schröder