NBA-Auftritt in Berlin offenbart Schwächen
Berlin Hochnotpeinlich reckte der öffentlich-rechtliche Fernsehreporter in der Dienstagnacht sein Mikrofon ein letztes Mal in die Höhe.
Er fragte jenen farbigen 2,06-Meter-Basketballer, dem er schon banale Statements über „einen tollen NBA-Auftritt“ und die „historische Stadt Berlin“ entlockt hatte, tatsächlich, wer er denn eigentlich sei und auf welcher Position er spiele. „Ich bin DerMarr Johnson und spiele als Small Forward“ antwortete der Gefragte brav und hatte dennoch ein großes Staunen in den Augen. Johnson ist NBA-Spieler bei den Washington Wizards, er wirft seine Körbe in der besten Liga der Welt. Und bei den Amerikanern ist er zumindest wegen seiner Kapriolen sehr bekannt: Autounfall mit angebrochener Wirbelsäule, Fahren unter Drogen, Festnahme vor einem Nachtclub in Denver.
Etliche leere Plätze in BerlinUnd dennoch – kein Vorwurf an den Reporterkollegen – gehörte Johnson trotz seiner 19 Punkte am Dienstag beim Berliner NBAeurope-Auftritt der Wizards und der New Orleans Hornets (80:96) zu der langen Liste der in Europa nahezu Unbekannten, die in der O2-World für ihre Liga Reklame machen sollten. Das ist nicht nur ob der augenscheinlichen Wissenslücken bei den Medienvertretern dringend nötig. Denn die Arena war keineswegs ausverkauft, und unter den 15 000 Besuchern (Fassungsvermögen 17 000) saßen gerüchteweise einige Schulklassen, an die die Tickets klammheimlich verschenkt worden sein sollen. Es ist eben nicht alles Nowitzki, was in Deutschland auf den Korb wirft. Der hiesige Basketball steckt in der Krise, der Trendsportart der 90er-Jahre fehlen die Talente. Gute Ansätze, wie beispielsweise in Cottbus beim Regionalliga-Team der White Devils, werden vom übermächtigen Fußball klein gehalten. Die breite Masse an Basketballfans fehlt.
Nur die Arena ist NBA-reifAuch nicht alle, die am Dienstag in Berlin waren, gehen als fachkundiges Publikum durch. Standesgemäß wurde es zwar halbwegs laut, als Olympiasieger und Hornets-Superstar Chris Paul vorgestellt wurde. Doch richtiges Getöse gab es nur, als eine Hähnchenfleisch-Fastfood-Kette einen Essensgutschein für den lautesten Fan auslobte. Bezeichnend: Als ein Witzbold während einer der ansonsten langen Schweigepausen des Publikums anstimmte: „Wo ist die Stimmung hin, wo ist die Stimmung hin?“, wurde prompt reagiert. Die Verantwortlichen drehten am Lautstärkeregler und forderten per Einspielung „Clap your hands“ (Klatscht in die Hände).
Das soll die sportlichen Leistungen keineswegs schmälern. Was die Hornets und vor allem eben Chris Paul gegen die ersatzgeschwächten Wizards ablieferten, war absolut in Ordnung und lässt vermuten, dass New Orleans in dieser Saison ganz lange um die Meisterschaft mitspielen wird. Ob die NBA aber wie erhofft in Kürze auch in Europa mit ihrem Millionengeschäft Fuß fassen wird, bleibt dagegen abzuwarten. Wenn es nach NBA-Chef David Stern geht, soll bald eine europäische Division an den Punktspielen teilnehmen. Berlin sei ein ganz heißer Kandidat dafür, ein Team ins Rennen zu schicken, sagte er. Doch als einziges Argument dafür kann er nur die "unglaubliche O2-World" anbringen. Beim Rest müsse man noch "an den Grundlagen arbeiten". Das dürfte nicht nur für TV-Reporter gelten.
Erstellt am: 16. Oktober 2008, 00:00 Uhr
Geändert am: 09. November 2008, 14:44 Uhr
Autor: Jan Lehmann

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