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Regionalsport

Im Innern brennt «Feuerchen»

Auf den ersten Blick ähnelt Reinhard Winkelgrunds Sportgerät einer Tischtennisplatte. Näher betrachtet sind eine Kunststoff-Umrandung, Tor-Löcher mit einem Netz dran und ein etwa 15 Zentimeter über der Platte angebrachtes Brett zu erkennen. «Tischball» nennt der Cottbuser das Spiel, «eine Art Tischtennis für Blinde» , fügt er hinzu. Für den 62-Jährigen ist das Spiel nicht nur eine Freizeitbeschäftigung. Ihm als Blinden bringt es einen großen Gewinn an Spaß und Lebensqualität.
02.07.2005
Blinde
Immer montags ist Tischball-Wettkampftag bei Winkelgrunds in Cottbus. Hier liefern sich Reinhard Winkelgrund (l.) und Siegfried Krause (r.) – beide blind – ein Match. Der ebenfalls sehbehinderte Dietmar Mierisch hält die Hand ans Mittelbrett und fühlt, ob der Ball dagegen fliegt, denn dann gibt es einen Spielpunkt für den Gegner.Ohne Handschuh mit Knöchelpolsterung wird Tischball schnell zur schmerzhaften Angelegenheit. Der Plastik-Ball wird von den Spielern über die Platte geschmettert, um ihn im benetzten Torloch des Gegners zu versenken.
Ohne Handschuhe geht nichts beim «Tischball» , oder «Show Down» , wie das Spiel in Holland genannt wird. «Wenn man so einen harten Plastikball an die Fingerknöchel bekommt, tut das tagelang weh» , spricht der Cottbuser aus schmerzhafter Erfahrung. Jeden Montagnachmittag wird die Winkelgrundsche Garage zur Wettkampfzone. Dann liefern sich der Hausherr und drei weitere, ebenfalls blinde beziehungsweise stark sehbehinderte, Mitspieler heiße Wettkämpfe. «Nach den ersten Turnieren hatte ich’s im Rücken» , erinnert sich Winkelgrund. Wer den Spielern zuschaut, weiß auch warum: Tief über die Platte gebeugt, schmettern sie sich den mit Klangkugeln gefüllten Ball per selbstgebauten Kellen hin und her. Mit ihrem feinen Gehör nehmen sie war, wo der Ball an die Bande kracht, fangen ihn ab und schlagen ihn zurück.

Gehör den Augen überlegen
Gegen dieses Gehör kommen die Augen sehender Spieler kaum hinterher. Die Kelle haut oft ins Leere, der Ball ist längst wieder auf der anderen Seite oder im Torloch. Dort klingeln Glöckchen, wenn der Ball ins Netz fällt. Man müsse mit Taktik spielen, «die Schwächen des Gegenübers ausnutzen» , erklärt Reinhard Winkelgrund. «Ich habe immer eine leichte Deckungslücke auf der linken Seite» , beschreibt er seinen Schwachpunkt.
Neben den wöchentlichen Treffen mit den sozialen Kontakten und der Spielfreude schätzt Reinhard Winkelgrund noch etwas an dem Spiel: «Ich kann es ohne die Hilfe Sehender aufbauen und spielen.» Diese Unabhängigkeit sei für blinde Menschen sehr wichtig. Winkelgrund weiß dies als begeisterter Langstreckenläufer besonders gut. «Zum Laufen brauche ich immer einen sehenden Partner, sei es bei den Wettkämpfen oder beim Training, wenn meine Frau mit dem Fahrrad fährt und ich seitlich nebenher laufe.»
Der 62-Jährige gibt frei zu, dass er natürlich lieber «richtiges» Tischtennis als Sehender spielen würde. «Doch es ist das mir Machbare. Es ist der Spatz in der Hand.» Dass er überhaupt wieder so aktiv ist und, wie er sagt, «das Feuerchen im Innern brennen spürt» , hätte Reinhard Winkelgrund vor gut fünf Jahren selbst nicht geglaubt.
Durch eine Unfall erblindete der gelernte Zimmermann und studierte Bauingenieur sowie stets aktive Hobbysportler im Alter von 40 Jahren. «Nach dem Unfall habe ich mir nichts mehr zugetraut, 15 Jahre lang nicht» , erzählt er von der schwierigsten Zeit in seinem Leben. Den (sportlichen) Umschwung für den Frührentner leitete ein ebenfalls blinder Freund ein, «der mir von seinem Lauftraining erzählte» , so Winkelgrund. Er erinnert sich: «Ich habe mich und meine Ängste überwunden und wieder mit dem Laufen angefangen, 50 Meter waren es am Anfang.» Mittlerweile nimmt Reinhard Winkelgrund sogar an den Langstreckenläufen des Niederlausitz-Cups teil. Fünfmal pro Woche trainiere er, «oft schon die ersten zehn bis 20 Kilometer vor dem Frühstück» , erzählt der Cottbuser.
Den Tischball-Sport betreibt er erst seit gut einem Jahr – und das von der ersten Schraube an. Denn Reinhard Winkelgrund hat sich nicht nur die Kellen, sondern auch die gesamte Platte samt Untergestell in gut dreimonatiger Arbeit selbst angefertigt. «Bei dem ebenfalls blinden Ehepaar Uduc in Forst habe ich das Spiel kennengelernt. Sie hatten es von Gerd Franzka geschenkt bekommen» , erzählt Reinhard Winkelgrund. Begeistert habe er Kontakt zu dem blinden, in Lübben wohnenden Franzka aufgenommen und dessen Idee mit seinen Zimmermanns- und Ingenieurkenntnissen weiterentwickelt. «Gerds Prototyp war komplett aus Holz und unheimlich schwer. Außerdem konnte die Platte nicht auseinandergebaut werden» , beschreibt Winkelgrund den Nachteil des ersten Modells.

Baupläne im Kopf gewälzt
Wochenlang wälzte er in seinem Kopf Baupläne, «ich kann mir ja nichts aufmalen» , sagt er. So leicht und so stabil wie möglich sollte die Konstruktion sein. «Außerdem musste alles auseinandergebaut in der Garage oder zum Transport im Auto Platz finden» , spricht aus ihm der Ingenieur. Im Werkstoff Polycarbonat fand der Cottbuser die Lösung. Platte, Umrandung und sogar die Schläger sind aus dem strapazierfähigen Material. Nur der Unterbau ist aus Holz.
Baut Reinhard Winkelgrund immer montags seine Konstruktion auf, dann steige bei ihm schon die Freude auf das Spiel an. Sein Leben sei, seit er wieder aktiver ist, ausgefüllter. «Für Blinde ist die Welt sehr klein, doch durch den Sport wird sie für mich ein Stückchen größer» , beschreibt er sein neues Lebensgefühl.
Von Anke Richter
 
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