31. Januar 2012, 00:00 Uhr

Doping oder Humbug?

SPORTMEDIZIN „Erfurter Liste“ mit prominenten Athleten entwickelt sich zum Streitfall

Berlin/Bonn Rund 30 Sportler sollen sich beim Erfurter Sportarzt Andreas Franke der unzulässigen UV-Bestrahlung ihres Blutes unterzogen haben. Die NADA hat von der Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal Akteneinsicht erhalten. Der Erfurter Olympiasieger Nils Schumann sagt: „Humbug“.

Sydney-Olympiasieger Nils Schumann steht offenbar auch auf der Liste, spricht aber von „Humbug“. Foto: dpa Foto: dpa
Die Blutdoping-Affäre um den Erfurter Sportmediziner Andreas Franke wird für den deutschen Leistungssport immer bedrohlicher. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) hat angekündigt, in 28 weiteren Fällen die Einleitung sportgerichtlicher Verfahren zu prüfen. Gegen die Eisschnellläuferin Judith Hesse und Radfahrer Jakob Steigmiller sollen laut ARD-Recherchen bereits Verfahren vor der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit laufen.



Von den Stars, die laut eines ARD-Berichts in der Sportschau auf der „Erfurter Liste“ stehen sollen, wollte sich keiner direkt dazu äußern. Auch der Erfurter Olympiasieger Nils Schumann wiegelt ab. „Ich halte das Ganze für Humbug“, sagte der 33-Jährige. „Wenn sich Jahre nach meiner Sportlerkarriere irgendwelche Dopingstatuten verändern, dann kann und will ich das aus heutiger Sicht nicht weiter bewerten. Ich selbst habe niemals verbotene oder auch fragwürdige Behandlungsmethoden genossen und distanziere mich davon ausdrücklich“, erklärte der Leichtathlet, der 2000 in Sydney überraschend Gold über 800 Meter gewonnen hatte.

Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, die laut ARD ebenfalls zu Frankes Patienten gehören soll, ließ verlauten: „Wie bekannt ist, bin ich weder Betroffene der Ermittlungen noch der daraus resultierenden Verfahren der Nada. Von daher bitte ich um Verständnis, dass ich mich im Rahmen von Verfahren, die sich zum Teil gegen eine meiner Teamkolleginnen richten, nicht äußern werde.“ Die Berlinerin bekräftige erneut, in ihrer Karriere „niemals zu unerlaubten Mitteln oder Methoden“ gegriffen zu haben.

Gegen ihre Teamgefährtin Hesse soll ein Disziplinarverfahren der Nada wegen möglicher Blutbehandlungen durch Franke laufen, so die ARD. Hesse wollte sich bei der Sprint-WM in Calgary nicht dazu äußern. Cheftrainer Markus Eicher nahm die Erfurterin in Schutz: „Nach allem, was ich aus Informationen von unserem Mannschaftsarzt weiß, war das ein Fehler des Erfurter Sportmediziners und nicht von der Sportlerin.“

Auf der Liste soll auch Radprofi Marcel Kittel stehen. „Der Arzt war im Thüringer Olympiastützpunkt tätig, und deshalb waren auch Radprofis dort in Behandlung, wenn sie krank waren“, sagte Kittels Manager Jörg Werner, der auch Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin und Nachwuchs-Sprinter John Degenkolb betreut. „Keiner von den Dreien wurde in dieser Angelegenheit von der Staatsanwaltschaft Erfurt als Zeuge befragt, gegen sie ermittelt wird erst recht nicht.“ Werner, gleichzeitig auch Manager von Steigmillers Team, bestätigte zudem, dass Steigmiller vor Staatsanwaltschaft und Nada aussagen musste.











Bernd Neudert, Leiter des Olympiastützpunktes Thüringen, erklärt, dass er bereits 2007 in einem Brief an die Nada „haarklein“ über die UV-Bluttherapie von Franke berichtet und um eine Stellungnahme gebeten habe, ob diese Methode zulässig ist. „Ich habe bis heute keine Antwort erhalten – auch auf Nachfragen nicht“, behauptet Neudert.

Nada-Sprecher Berthold Mertes widerspricht dem, bestätigte den Eingang der Neudert-Mail vom 4. Juni 2007 um 15.57 Uhr und berichtete, dass die Antwort bereits 40 Minuten später erfolgt sei. In der Antwort habe die Nada darauf hingewiesen, „sich immer strikt gegen eine Eigenblutbehandlung ausgesprochen“ zu haben.

Zum Thema:

Zum ThemaDer Vorwurf: Der Erfurter Sportarzt Andreas Franke soll in seinen Praxisräumen das Blut von Athleten einer UV-Behandlung unterzogen haben. Das sagt die Wada: Nach dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ist Athleten jede Manipulation oder Transfusion ihres Blutes verboten.Das sagt die Staatsanwaltschaft: Die Erfurter Ermittler sehen einen „Anfangsverdacht der unerlaubten Anwendung von Arzneimitteln bei anderen zu Dopingzwecken“.Das sagt der Arzt: Franke behauptet, seine Methode sei als präventive Infektbehandlung zulässig.
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Erstellt am: 31. Januar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 31. Januar 2012, 03:38 Uhr
Autor: dpa/jal

dpa/jal

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