08. Oktober 2011, 00:00 Uhr

„Seit dem Ziesmer-Unfall ist es schwer für uns Trainer“

TURN-WM Männer-Chefcoach Andreas Hirsch im Interview

Tokio. Am Sonntag steht für die deutschen Männer um Vize-Weltmeister Philipp Boy aus Cottbus bei der Turn-WM in Japan die wichtige Qualifikation auf dem Programm. Im Interview mit Bundestrainer Andreas Hirsch spricht der Berliner über die Degradierung von Andreas Toba, die Finalchancen von Fabian Hambüchen, gutes Essen für Boy und das unbewältigte Trauma nach dem Unfall des Cottbusers Ronny Ziesmer.

Andreas Hirsch, wie schwer war es, Andreas Toba so kurzfristig aus dem Team zu streichen?



Es tut mir persönlich sehr leid, weil ich eigentlich weit weg bin von bösen Überraschungen. Andreas ist ein junger Mann, dem ich eigentlich nicht wehtun will. Seine Einstellung stimmt. Aber wir können keinen vorne im Team gebrauchen, der flattert.

Wie gehen Sie mit Toba um?



Ich werde probieren, ihm Zeit zu geben und ihn zu unterstützen. Wir müssen ihm auf die Schultern klopfen, denn es wird sicherlich schwer, das Ereignis so schnell abzubauen.

Ist Thomas Taranu für das Ziel Olympia-Qualifikation besser geeignet?



Wir haben Tobas Übungen auf Taranu, Sebastian Krimmer und Fabian Hambüchen aufgeteilt. In dieser Situation ist das die beste Lösung. Bei der WM im letzten Jahr hätte ich mir angeschaut, wie Toba im Wettkampf reagiert. Aber hier ist mir das Eis zu dünn.

Bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften hat Deutschland Bronze geholt. Zittern Sie nun ernsthaft um einen Platz unter den besten Acht?



Es gibt mehr als acht Mannschaften, die um diese Plätze kämpfen. China und Japan sind außen vor, Russland ist wieder dabei. Vor allem am Sprung sind die stark, und das ist unser Defizit. Von übertriebenen Vorgaben sehen wir daher ab. Die Fahrkarte ist das Ziel.

Woher rührt das deutsche „Sprung-Problem“?



Es soll keine Ausrede sein, aber seit dem schweren Unfall von Ronny Ziesmer ist es einfach schwer für uns Trainer. Ich mache mir seitdem 1 000 Mal mehr Gedanken über mögliche Sprünge, ich analysiere viel mehr. Andere Nationen sind da einfach unbedarfter. Wir haben unter dem Eindruck des Erlebten eine gewisse Stille um dieses Gerät walten lassen. Ein Umbruch wird erst mit einer neuen Trainergeneration kommen können. Fabian Hambüchen zumindest wird springen.

Ist Fabian Hambüchen nach seiner Achillessehnen-Verletzung auf dem richtigen Weg?



Er hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Sein Ziel ist ganz klar London 2012, und da ist er definitiv auf dem richtigen Weg. Jetzt soll er aber erstmal seinen ersten Sechskampf turnen.

Kann Philipp Boy seine Leistung aus Rotterdam wiederholen? Neben Titelverteidiger Kohei Uchimura zählt er zu den Favoriten.

Philipp sieht körperlich sehr gut aus, hat kein Gramm Fett, obwohl er gut gegessen hat das letzte Jahr (lacht). Allerdings muss man auch sagen: Die Vorstellung von ihm in Rotterdam war einmalig. Dass ein Turner vom ersten bis zum letzten Tag so stabil turnt, habe ich noch nie erlebt.

Konnte er die Form nicht halten?

Das Level konstant so hoch zu halten, war nicht möglich. Seine Form musste neu aufgebaut werden. Jetzt müssen wir sehen, wie gut das gelungen ist.
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Erstellt am: 08. Oktober 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 08. Oktober 2011, 03:06 Uhr
Autor: dapd/tus

dapd/tus

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