In Frankfurt saß Martin Fenin noch auf der Bank, jetzt will er so schnell wie möglich zurück auf das Spielfeld. Foto: Eibner/ebn1 Foto: Eibner/ebn1

Alle Kameras sind angeschaltet, die Mikrofone justiert. Martin Fenin nimmt dort Platz, wo sonst der Cheftrainer die Taktik für die kommende Zweitliga-Partie erklärt. Doch im Presseraum des Stadions der Freundschaft geht es an diesem Mittwoch nicht um ein simples Fußballspiel. Es geht vielmehr um das Spiel des Lebens, das Fenin zuletzt nicht unbedingt auf der Gewinnerseite erlebt hatte.

Der 24-Jährige versucht ein Lächeln, es sieht ein bisschen schief aus. Mit beiden Händen traktiert der Tscheche einen Kronkorken, knetet das Metallstück im Laufe der halben Stunde regelrecht durch. Es ist wohlgemerkt der Verschluss einer Mineralwasserflasche. Dieser Hinweis ist wichtig, denn die zahlreichen Journalisten haben Fenins Vorgeschichte im Gepäck. Aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt sind neben 14 Erstliga-Toren aus 89 Spielen auch einige Eskapaden überliefert. Einmal setzte er sein Auto in den Straßengraben, ein anderes Mal fackelte er mit einem Teamkameraden beim Grillen seine Dachgeschosswohnung ab. Immer wieder wird über Alkohol gemunkelt. Auch wenn von der tschechischen Nationalelf kleinere Skandälchen nach Deutschland drangen, war er meist involviert. "Und dann ist Martin Fenin vier Wochen in Cottbus und fällt aus dem Fenster." Wenn der 24-Jährige so in der dritten Person von sich spricht, scheint er selbst kaum zu glauben, dass das alles ihm passiert sein soll.

Verein musste reagieren

Dieser Fenstersturz am 15. Oktober in einem Cottbuser Hotel ist der Grund, warum Fenin am Mittwoch nun so offen über seine Krankheit spricht. Plötzlich lag er mit einer Hirnblutung im Krankenhaus, die Gerüchteküche brodelte. Der Verein musste reagieren und tat dabei das einzig Richtige – heute ist Fenin dafür sehr dankbar. Die Verantwortlichen bei Energie brachten den Spieler dazu, sich öffentlich zu bekennen: Depressionen, Medikamentenmissbrauch, Alkohol.

Seither ist Martin Fenin in psychologischer Behandlung. Ohne die Geschehnisse dieses Samstagabends, über die er nicht reden will, hätte er diesen Schritt wohl nicht getan. Fenin erzählt leise: "Ich habe mich ja nicht depressiv gefühlt. Ich war nicht glücklich, aber keiner hat etwas gemerkt. Niemand wusste, dass es mir nicht gut geht. Nicht mal Mama habe ich etwas gesagt."

Fenin stockt, das zu sagen fällt ihm nicht leicht. Gerade, dass er seine Eltern so schockiert hat, tut ihm leid. Seine Mutter ist Ärztin, hart für sie, zu erfahren, dass ihr Sohn Medikamenten-abhängig ist. Fenin will sich entschuldigen, am liebsten bei allen. Bei Eltern, Freunden, beim Verein, auch bei Eintracht Frankfurt. Zuletzt war geschrieben worden, dass seine erfolglose Zeit unter Eintracht-Trainer Armin Veh ihn krank gemacht habe. Fenin stellt richtig: "Niemand ist schuld daran, dass das passiert ist. Nur ich. Ich habe mich selbst krank gemacht."

Aber wie kann es passieren, dass ein junger Fußballer so tief in die Lebenskrise rutscht? So wie es sich anhört, hat ihn dann doch das Fußballgeschäft krank gemacht. Nach vier Jahren in Frankfurt, in denen er zum Publikumsliebling avancierte, sortierte ihn Trainer Veh kurz vor Ende der Transferperiode aus. Auch wenn Fenin es anders verkaufte: Der Wechsel aus der Mainmetropole in die ferne Lausitz war garantiert nicht sein Wunschtraum. Und ausgerechnet im ersten Auftritt für Cottbus ging es gegen seinen Ex-Club Frankfurt: "Dieses Spiel war so speziell für mich – und bis zur 89. Minute war ich noch Sieger." Fenin hatte ordentlich gespielt, war nach einer Stunde ausgewechselt worden. Von der Bank aus musste er zusehen, wie Energie einen 3:1-Vorsprung in der Schlussphase noch in ein 3:3-Remis verspielte. Danach kassierte Cottbus hintereinander drei deftige Niederlagen. "Und ich saß alleine im Hotel", erinnert sich Fenin mit hängenden Schultern.

Der Fall Enke beschäftigt ihn

Innerhalb dieser vier Wochen verschlimmerte sich seine Krankheit, er geriet in die Krise. Dabei hatte er sich noch bei seiner Ankunft in Cottbus selbstbewusst auf die Brust geklopft und erklärt, dass sein Ziel die Teilnahme an der Europameisterschaft 2012 mit der tschechischen Nationalelf sei. Heute sagt Fenin: "So große Ziele können schlimm sein. Der Druck von den Medien und von den Zuschauern war mir egal. Aber ich habe mir selbst so viel Druck gemacht. Zu viel."

Seit dem Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke weiß man, wohin diese Spirale führen kann. Fenin hat sich mit dem Fall beschäftigt, gibt zu: "Jetzt kann ich das verstehen. Früher habe ich alles abgetan, wollte bloß immer weiter." Auch wenn Fenin jetzt einen "Neustart, oder egal wie man es auch immer nennt" postuliert – diese Immer-weiter-Mentalität steckt ihm weiter in den Knochen. Sie ist eine wichtige Triebfeder im Fußballgeschäft, in dem am Ende nur Ergebnisse zählen. Und genau dabei will Fenin auch wieder mitmischen. Wieder ein Profi sein, der vom Gegner attackiert oder vom Publikum ausgepfiffen wird. Dem die Medien auch mal eine vergebene Torchance um die Ohren hauen.

Packt er das? Fenin glaubt fest daran. Aber sein Ehrgeiz ist auch gefährlich. Bei Energie beobachtet man das sehr sorgsam. Trainer Rudi Bommer fragt den Tschechen jeden Tag, wie er sich fühle, versucht, ihn zu bremsen. So fand er auch für das emotionale Spiel in Frankfurt eine gute Lösung, indem er den Rückkehrer als 19. Spieler mit auf der Ersatzbank sitzen ließ. Fenin betont: "Der Trainer gibt mir unheimlich viel Vertrauen. Überhaupt hat mich der Verein unglaublich unterstützt." Das will er zurückzahlen, auf dem Platz, mit Toren.

Das ist verständlich, und dennoch mag man ihn irgendwie etwas stoppen. So eine Depression ist schließlich in fünf Monaten nicht komplett zu heilen. Und was passiert, wenn sein Comeback misslingt? Fenin kennt die Fragen, bespricht sie mit seinem Psychologen in Tschechien. Der hatte ihm ein Aha-Erlebnis beschert. Fenin erinnert sich: "Ich war verzweifelt, habe nicht geglaubt, dass das alles was bringt."

Nach einem achtstündigen Test gab es dann die Diagnose Depression. Fenin berichtet von seiner Verblüffung: "Der Mann hat mir dann aber meinen Charakter ganz genau beschrieben. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber es war so. Da habe ich gedacht: Hier hätte ich schon eher hingehen sollen." An diesem Tag sei ihm klar geworden, was für ein Glück er gehabt habe. "Ich war wie neugeboren, seitdem ging es nur bergauf", sagt er erleichtert.

Die Pressekonferenz ist beendet, Fenin hat seine Sache sehr gut gemacht. Er hofft, dass nun ein Haken unter der Vergangenheit sei. Doch diese Hoffnung kommt vermutlich etwas zu früh. Erst wenn der Tscheche tatsächlich wieder in Pflichtspielen aufläuft, wird man sehen, wie gesund er wirklich ist. Am liebsten würde Fenin das bereits am kommenden Montag beim Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf ausprobieren. Ob diese Partie, die live im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt wird und auf großes Interesse stoßen wird, die richtige Bühne für die Rückkehr ist, muss Trainer Bommer entscheiden. Es ist keine leichte Entscheidung.

Zum Thema: Volkskrankheit DepressionSymptome: Die Betroffenen fühlen sich traurig, gedrückt und pessimistisch. Sie ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten. Oft kommen Angst sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit hinzu. Ursachen: Depressionen können aus psychischer Überlastung entstehen. Auch Arbeitslosigkeit kann Depressionen auslösen. Manche haben erbliche Veranlagungen, andere erlebten Schicksalsschläge oder leiden unter ungelösten Konflikten. Behandlung: Mit modernen Psychopharmaka und Psychotherapie kann oft geholfen werden. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist bis zu einem Jahr fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.Selbstmordgefahr: Depressionen sind in Deutschland Hauptursache für Selbstmorde. Die meisten der jährlich etwa 10 000 Suizide erfolgten nach nicht optimal behandelten Erkrankungen.

Großes Medieninteresse am Mittwoch im Cottbuser Presseraum. Insgesamt gab es 64 Interviewanfragen an Martin Fenin. Foto: Aswendt/asw1 Foto: Aswendt/asw1