07. Februar 2010, 15:19 Uhr

Die Stimme des FCE sagt Tschüss

Cottbus 16 Jahre lang hat Ronny Gersch für den FC Energie Cottbus gearbeitet. Als Stadionsprecher machte er das Stadion der Freundschaft zum "Fightclub" und informierte als Pressesprecher die Medien. Im Interview spricht er über Identifikationsfiguren, seine neue Aufgabe und harte Hunde.

2. Fußball-Bundesliga - 21. Spieltag Saison 2009/10 - FC Energie Cottbus - TuS Koblenz
06.02.2010 - 2. Fußball-Bundesliga Saison 2009/2010 - 21. Spieltag Saison 2009/10 - FC Energie Cottbus - TuS Koblenz: Ronny Gersch Foto: Peter Aswendt (www.aswendt.de)
Herr Gersch, haben Sie den Knopf schon gefunden, mit dem Sie von rot-weiß auf blau-weiß umschalten?
Es gibt keinen Schalter. Energie Cottbus wird mein Verein bleiben. Ich bin hier aufgewachsen, habe als Kind schon im Stadion gestanden, mein Vater hat hier gespielt... das ist keine Jacke, die man einfach auszieht. Das wird mir auch jeder Schalker nachsehen.

Man muss also nicht unbedingt Fan eines Vereins sein, um gute Arbeit dort zu leisten?
Ich denke schon, dass man sich von der Faszination eines Vereins schon anstecken lassen muss. Das wird auf Schalke sicherlich kein Problem sein. Trotzdem bleibt der Virus Energie in mir drin. Das ist unheilbar.

Was war eigentlich die Motivation für den Wechsel?
Das Angebot kam zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Wir waren im Trainingslager, wo ich mich auch als Pressesprecher auf wichtige Projekte in der Rückrunde vorbereite. Ich habe dann auch erst mal zwei Nächte drüber schlafen müssen, bis ich Ja gesagt habe. Es ist eine unheimlich reizvolle Aufgabe, für den erfolgreichsten deutschen Profi-Trainer der letzten Jahre zu arbeiten. Er hat bei Schalke 04 ein Projekt angefangen, dass ich hochgradig interessant finde. Wenn man - wie ich - 16 Jahre für einen Verein gearbeitet hast, ist es auch legitim, zu sagen: Ich will mal was anderes machen. So schön, wie es hier ist.

Wie kam man bei Schalke auf Sie?
Ich werde Assistent des Sportdirektors Felix Magath und als solcher verantwortlich für die Lizenzspielerabteilung. Ich bin ihm von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen worden. Dann haben wir uns getroffen und festgestellt, dass wir das miteinander probieren wollen.



Es gibt Fans, die beklagen, dass mit Ihnen eine der letzten Identifikationsfiguren den Verein verlässt. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, dass es genug gibt beim FC Energie Cottbus, mit dem man sich identifizieren kann. Außerdem ist der Wechsel von Gesichtern auf dem Platz und daneben bei einem Proficlub auch normal. Ich hoffe aber, dass das Umfeld und die Fans den jungen Spielern in Cottbus die Chance geben, zu solchen Gesichtern zu werden.

Wie hoch schätzen Sie Ihren Anteil an der Erfolgsgeschichte des FC Energie Cottbus ein?
Das kann man prozentual nicht sagen. Das Wichtigste in einem Fußball-Verein ist immer der sportliche Erfolg. Wenn wir diesen in den vergangenen Jahren unter anderem mit zwei Aufstiegen in die 1. Bundesliga nicht gehabt hätten, stünde auch meine Arbeit heute in einem anderen Licht dar.

Jetzt mal aus dem Nähkästchen geplaudert: War denn Eduard Geyer wirklich der harte Hund, wie er immer dargestellt wurde und was war tatsächlich für Geld hinter Klaus Stabachs Waschmaschine versteckt?
Was das für Geld war, weiß ich nicht. Er hat es aber nach der Ermittlung komplett zurückbekommen, deshalb ist davon auszugehen, dass er sich nichts vorzuwerfen hat. Ede Geyer war wirklich der harte Hund, aber nur, wenn es um seinen Sport ging. Er ist ein sehr, sehr offener, warmer Mensch, ein guter Gesprächspartner und Zuhörer mit einer Menge Lebenserfahrung.

Hatten Sie eigentlich in den ganzen 16 Jahren einen Lieblingsspieler und vielleicht auch einen, mit dem Sie gar nicht konnten?
Beides Nein. Ich hatte immer ein freundschaftlich-professionelles Verhältnis zu den Spielern. Man muss eine gewisse Distanz haben. Es hätte die gemeinsame Arbeit auch schwieriger gemacht, wenn ich mit denen zu den Partys gezogen wäre. Normal ist aber, dass man für solch langjährige Spieler wie Tomislav Piplica besondere Sympathien hat.



2. Fußball-Bundesliga - 21. Spieltag Saison 2009/10 - FC Energie Cottbus - TuS Koblenz
06.02.2010 - 2. Fußball-Bundesliga Saison 2009/2010 - 21. Spieltag Saison 2009/10 - FC Energie Cottbus - TuS Koblenz: Ronny Gersch Foto: Peter Aswendt (www.aswendt.de)
Wie emotional darf man als Stadionsprecher sein?
Klar, muss man Leidenschaft zeigen. Man muss sich aber der großen Verantwortung bewusst sein. Wenn ich im Abstiegskampf nur einen falschen Halbsatz sage, kann es dem ganzen Verein und sogar der Gesundheit von Menschen schaden.

Wer übernimmt denn von Ihnen nun das Mikrofon?
Es gibt mehrere Kandidaten, aber es steht noch niemand fest.

Es gab diesen Ärger bei der Verabschiedung von Timo Rost. Wie sehr ärgert Sie das im Nachhinein?
Für mich war das einer der traurigsten Momente in meinen 16 Jahren beim FCE. Es kam nämlich so rüber, wie es nie gemeint war. Es war nicht abgesprochen, dass Timo etwas ins Mikro sagen will. Es gab auch in den elf Jahren, in denen ich hier Stadionsprecher bin, nie einen Spieler, der etwas ins Mikro sprechen wollte. Zwischen ihm und mir gab es nie ein Problem. Und dann kommt sowas einfach falsch daher und bekommt so eine Eigendynamik.

Gibt es denn auch ein schönstes Erlebnis der vergangenen 16 Jahre?
Als Stadionsprecher sicher der erste Bundesligaaufstieg 2000. Nach dem Abpfiff hatte ich auch fünf Minuten einen Weinkrampf und konnte gar nichts sagen. Als Pressesprecher war es das Pokalfinale 1997 in Berlin. Als für den kleinen Verein, der noch vor kurzem in der Amateur-Oberliga vor 300 Leuten spielte, auf einmal die deutsche Nationalhymne ertönt, war schon bewegend.

Stimmt es, dass Sie in den ganzen Jahren nie ein einziges Energie-Spiel verpasst haben?
Ja, ich habe seit 2000 nicht ein einziges Spiel, auch kein Testspiel verpasst. Das wird jetzt ein echtes Vakuum.

Wie hat sich eigentlich die Fan-Stimmung im Stadion mit den ganzen Umbauten verändert?
Das hat sich sehr verändert. Vor den Umbauten standen die Fans überall und machten von dort Stimmung. Heute sind die lauten Fans auf der Nordwand gebündelt. In einigen anderen Stadionbereichen sind die Zuschauer dann eher weniger laut. Zu Oberligazeiten war die Westtribüne beispielsweise eine gefürchtete Waffe. Ich will aber nicht sagen, dass die Atmosphäre jetzt schlechter ist, sie ist nur anders.

Ihr Tipp: Wo steht der FCE am Saisonende und wo landet Schalke?
Energie erreicht definitiv einen einstelligen Tabellenplatz. Schalke landet auf jeden Fall im internationalen Wettbewerb. 
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Erstellt am: 07. Februar 2010, 15:19 Uhr
Geändert am: 07. Februar 2010, 15:19 Uhr
Autor: Es fragte Daniel Steiger

Es fragte Daniel Steiger

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