14. Juni 2011, 15:45 Uhr

Geburtstags-Fontänen vom Feuerwerks-Professor

Wolfgang Spyra, weit über die Lausitz hinaus bekannt für seine Himmelsbilder, plant besondere Kracher für die BTU – und seinen Abgang

Cottbus Wenn am heutigen Dienstagabend das große Geburtstagsfeuerwerk auf dem Uni-Campus in die Höhe steigt, hat er mit seinen Studenten wieder die Chemikalien dafür gemischt: Prof. Wolfgang Spyra, auch bekannt als Feuerwerks-Professor. Dass er die Pyrotechnik ansatzweise im Namen trägt, ist sicher ein Zufall. Trotzdem hat sich der 67-Jährige den Themen mit Zündstoff verschrieben und auch geholfen, in Osteuropa Raketen unschädlich zu machen. Im Frühjahr 2012 geht Spyra in den Ruhestand.

-
Qualm auf dem Uni-Sportplatz: Das kann bei Prof. Wolfgang Spyra schon mal passieren - hier experimentiert er mit seinem Team mit Sprengstoffen, um bessere Bedingungen bei Bombenentschärfungen in Oranienburg zu entwickeln. Foto: mih2

Wenn Wolfgang Spyra auftritt, gibt es oft Radau. So auch an diesem heißen Vormittag auf dem sonnenüberfluteten Uni-Sportplatz. Mit ohrenbetäubendem Knall steigt eine Rauchwolke aus dem Sand des Beachvolleyball-Feldes auf, Blechteile fliegen durch die Luft. Zufriedene Gesichter bei den umstehenden Männern. „Das war Schwarzpulver, das hat mehr Anschauungskraft als der Sprengstoff TNT“, erklärt Wolfgang Spyra mit leuchtenden Augen. Gemeinsam mit einigen Mitarbeitern seines Lehrstuhls Altlasten und zwei Studenten macht er hier Vorversuche in Sachen Bombenentschärfungen in Oranienburg. Seit Jahren werden dort Bombenblindgänger gefunden, zuletzt im Mai Zehn-Zentner-Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. „Wir forschen an einem System, um den Sicherheitsabstand von 2000 Metern Durchmesser bei der Entschärfung stark zu verringern, damit weniger ins öffentliche Leben eingegriffen werden muss“, so Spyra.

Dazu haben die Männer das Schwarzpulver in Blechblumenkübel, die oben eine große Öffnung haben, gefüllt und mit Sicherheitsmaterial gedämmt. Denn sonst würden den Mitarbeitern hier die Splitter um die Ohren fliegen.

Wieder wird heruntergezählt, die Männer gehen auf einem kleinen Hügel in Deckung, und per Fernzündung wird eine Detonation ausgelöst. Der Knall ist diesmal noch lauter, die Rauchwolke noch größer, die Blumenkübel-Splitter fliegen noch höher. „Später werden wir das in Großversuchen auf einem Truppenübungsplatz testen“, sagt Wolfgang Spyra, vorerst glücklich mit den ohrenunfreundlichen Tests.

Für den Professor ist auch dies ein Beitrag zur Demilitarisierung, zur Unschädlichmachung von Kriegshinterlassenschaften. In Aserbaidschan und Usbekistan hat er dies im Auftrag der Nato getan, hat beispielsweise ´flüssigen Raketentreibstoff in ein ungefährliches Düngemittel verwandelt. Die Sanierung des Heeresgasschutzlaboratoriums der Deutschen Wehrmacht in der Zitadelle Spandau bezeichnet er als einen Höhepunkt seiner Arbeit auf diesem Gebiet. Spyra gilt als einer der wenigen Experten Deutschlands, die sich mit den Altlasten – jeglichen für den Menschen schädlichen Hinterlassenschaften – beschäftigen. Er wird auch von überregionalen Medien immer wieder zu Interviews geladen.

Denn er hat auch den polizeilichen und kriminaltechnischen Hintergrund. Doch dazu später. Erst soll es um die Feuerwerke gehen.

Über 100 hat er inzwischen abgefackelt, und auch zum 20. BTU-Jubiläum hat er sich mit seinen Studenten wieder etwas Besonderes ausgedacht. Was genau, ist allerdings geheim. Doch es werden, wie von den Spyra-Feuerwerken bekannt, wieder außergewöhnliche Figuren und Effekte zu erwarten sein. „Ich hatte einst Studenten, die an der Pyrotechnik Feuer gefangen hatten und beim Internationalen Feuerwerkswettbewerb in Hannover als Helfer bei allen Feuerwerken mitmachen durften – und das sind dort die Besten der Welt“, freut sich Spyra, der auch zwei Jahre in der Jury des Wettbewerbs saß. „Das Wissen ist dann nach Cottbus gelangt.“ Wunderschöne Himmelsbilder zeugen davon.

Angefangen hatte eigentlich alles 1995 mit der Bundesgartenschau (Buga) in Cottbus. Der damalige Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt hatte nach Beiträgen gefragt, und Spyra hatte ein Feuerwerk vorgeschlagen. Zunächst war er müde belächelt worden. Nach dem Feuerwerk war Kleinschmidt jedoch so begeistert, dass er Spyra zu weiteren Feuerwerken überredete – so auch zu den Fontänen und der Millenniums-Kugel, die er zum Jahreswechsel 1999/2000 vom Dach des Rathauses abbrannte. „Kleinschmidt ist der Einzige, der es geschafft hat, dass ich zu Silvester arbeite“, schmunzelt Spyra.

-
Den einzigen künstlichen Vulkan Europas im Wörlitzer Park bei Dessau brachten Prof. Spyra und seine Studenten zum Brodeln. Foto: BTU
 Besonders lieb sind dem 67-Jährigen die Musikfeuerwerke: Gesamtkunstwerke, die alle Sinne ansprechen. Wie bei der Buga und bei den inszenierten Ausbrüchen von Europas einzigem künstlichen Vulkan im Wörlitzer Park. „Ich mag mehr die leisen Töne – so sind auch die Illuminationen in den Parks von Bad Muskau und Branitz meine Favoriten“, sagt Spyra. Und die Feuerwerke, bei denen aufwendige und kaum noch gezeigte Pyrotechnik zum Einsatz kommt, wie das Schnurfeuerwerk beim Fest am Cottbuser Amtsteich, wo zur Musik „Feuervogel“ am Himmel Vogelkinder geboren wurden.

Dass auch den Studenten das ungewöhnliche Fach Pyrotechnik gefällt, zeigt die Tatsache, dass jedes Wintersemester bis zu 500 Studenten der verschiedensten Fachrichtungen zuhören. Sie erfanden während der allerersten Vorlesung auch den Begriff „Spyrotechnik“, der ab sofort den Kittel des Professors zierte. Besonders stolz ist Wolfgang Spyra darauf, dass einer seiner ehemaligen Studenten den Beruf eines Feuerwerkers gewählt hat. „Ich versuche, den jungen Leuten zu vermitteln, dass es sich lohnt zu kämpfen“, sagt er.

Denn auch Spyra selbst habe in seiner beruflichen Laufbahn immer Mentoren gehabt, die es gut mit ihm meinten. Nach seinem Chemie-Studium und seiner Promotion hatte der in Friesack Geborene zunächst die Leitung des Präsidialamtes der TU Berlin übernommen. Dort lernte er die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen kennen und erfuhr, wie viel ein Professor bewegen kann.

Dann wurde er gefragt, die polizeitechnischen Untersuchungen im Berliner Polizeipräsidium zu leiten. Er tat sich schwer mit dem Wechsel. Doch er fand Gefallen an der Kriminaltechnik, blieb zehn Jahre – und führte den genetischen Fingerabdruck als Nachweis in Strafverfahren mit ein. „Ein Paukenschlag damals“, so Spyra.

1994 wurde er wieder gefragt: ob er als Professor nach Cottbus kommen könne. Er bekam den Lehrstuhl Altlasten – einmalig in Deutschland. Dort konnte er seitdem einiges bewegen. Auch der berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengang Forensik, der im Herbst an der BTU starten soll, geht auf seine Initiative zurück. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, bekennt Wolfgang Spyra, der im Februar in den verspäteten Ruhestand geht. Vor drei Jahren hatte er die neue Ausnahmeregelung, die eine dreijährige Verlängerung nach 65 vorsieht, in Anspruch genommen. „Meinen Lehrstuhl wird es dann nicht mehr geben“, sagt er. „Aber es ist die Chance, mit einem Generationswechsel, der sich in der Fakultät vollzieht, auch neue, aktuelle Trends aufzunehmen.“

Arbeit auf dem Altlasten-Gebiet gibt es genug, meint Spyra, der gerade erst aus dem Kosovo zurückgekehrt ist. Gemeinsam mit einem Studenten kümmert er sich dort im Auftrag der EU um Ackerland, das durch Pestizide und anderes verseucht ist.

Er wird im Herbst auch eine Abschiedsvorlesung zum Thema Feuerwerkerei geben mit einer internationalen Tagung, wo er auch ein Stück Bilanz ziehen will. „Es ist ja alles gut gelaufen“, resümiert er.

Doch jetzt will Prof. Spyra erstmal mit den Studenten und den Cottbusern und viel Feuerzauber feiern.

Extras zum Artikel
Artikel gehört zur Serie:
Schlagworte zum Artikel:
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:

Erstellt am: 14. Juni 2011, 15:45 Uhr
Geändert am: 29. Februar 2012, 15:05 Uhr
Autor: Steffi Schubert

Jüngste Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden
Kommentar hinzufügen

Noch kein Passwort? Hier registrieren