An der Cottbuser Uni hat sich ein einzigartiger Lehrstuhl einer lebenswichtigen Materie verschrieben
Cottbus
Er beschäftigt sich mit dem, was normalerweise nicht zu sehen ist, und wenn doch, dann zum Problem wird – Luft. Prof. Detlev Möller ist Inhaber des deutschlandweit einzigen Lehrstuhls für Luftchemie und Luftreinhaltung. Stationiert ist er an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus und in Berlin. Detlev Möller weiß, dass uns die Luft selbst heute nicht mehr krank machen kann. Aufgabe Nummer eins ist es für ihn, den Anstieg des Treibhausgases Kohlendioxid in der Luft zu vermindern – mit neuen Technologien.
Prof. Detlev Möller mit der Abdeckung eines Regenwassersammlers. Im Hintergrund alte Messgeräte. Foto: Michael Helbig/mih1 (Michael Helbig/mih1)
Die Luft ist rein hier draußen, sehr rein. Auf dem BTU-Campus Nord hinter dem Flugplatz, an der Burger Chaussee, vermutet wohl keiner mehr Gebäude der Universität. Doch hier haben mehrere Lehrstühle ihre Labore. Und ganz im letzten Winkel, hinter Nadelbäumen versteckt, taucht ein kleines Häuschen mit blauen Fensterläden auf: der Lehrstuhl Luftchemie und Luftreinhaltung. „Hausherr“ Prof. Detlev Möller nennt den Bau mit Spitzdach nicht von ungefähr „meine Villa“. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Gebäude die Villa des Standortkommandanten, zu DDR-Zeiten dann der Kindergarten für Armeeangehörige. Seit 1994 residiert hier Möllers Lehrstuhl – der allerdings nur aus ihm besteht und das auch nur einige Tage pro Woche. Seine neun wissenschaftlichen Mitarbeiter und auch er arbeiten den Rest der Woche in Berlin-Adlershof und betreiben dort die Forschungen (siehe Kasten). „Unsere Labore im ehemaligen Lazarett-Gebäude unweit der ,Villa' sind zehn Jahre später fertig geworden als geplant – so sind wir bis heute in Berlin geblieben“, erklärt Möller. Die inzwischen fertigen Labore hat der 63-Jährige an andere Lehrstühle weitergegeben. Was forscht nun einer zum Thema Luftreinhaltung? Das ist gar nicht so einfach herauszubekommen, denn Detlev Möller ist einer, der gerne spricht, vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Im hellblau karierten Hemd schwärmt er bei Kaffee und Plätzchen ausschweifend von seinem Fachgebiet. In die Luft verliebt Als er Mitte der 60er-Jahre in Berlin Chemie studierte, hörte er zum ersten Mal von Umweltforschung – und verliebte sich in die Luft. „Luft fand ich toll, die kann sich beispielsweise vermischen. Im natürlichen Wasser war mir zu viel Biologie“, so Möller. Schnell kam er an der damaligen Akademie der Wissenschaften zum Thema Luftverschmutzung – eine im früheren Ostblock schwierige Materie. „Es gab aber trotzdem den Druck, sie zu erforschen, wenngleich die Ergebnisse auch verschwiegen wurden.“ Er gehörte zu der Handvoll Wissenschaftler in Ost-Europa, die sich mit der Luftchemie beschäftigten, hatte damals erste Veröffentlichungen im Westen und war dort bereits bekannt. „Mein Leben war wie eine Spirale, es ging immer nach oben“, erzählt Detlev Möller nicht ohne Stolz. Nur zweimal gab es eine „Pause“, denn er wurde nicht als „Reisekader“ bestätigt. Es war damals sein größter Wunsch, auch seine Fachkollegen im Westen zu besuchen. Doch dort bleiben, das wollte er nicht. Auch nach der Wende meinte es seine Lebens-Spirale gut mit ihm. Bei einem großen Projekt zur Sanierung der Atmosphäre in den neuen Bundesländern lernte er den BTU-Professor Reinhard Hüttl kennen – und kam nach Cottbus. Heute sagt er: „Luftverschmutzung spielt keine Rolle mehr als Gesundheitsfaktor in Europa und anderen entwickelten Ländern.“ Einmal sei die Schadstoffbelastung im Vergleich zu den 90er-Jahren auf ein Zehntel der damaligen Werte gesunken. Andererseits seien heute andere Faktoren wie Ernährung oder Bewegung weitaus einflussreicher auf die menschliche Gesundheit. Bei den Schadstoffen in der Luft spiele inzwischen der Feinstaub eine besondere Rolle, der auch in der Cottbuser Bahnhofstraße zum Problem wurde. Möllers Lehrstuhl erarbeitete vor einigen Jahren eine Studie zur Feinstaubbelastung der sprichwörtlichen Berliner Luft und stellte fest, dass 80 bis 90 Prozent des tückischen Staubes gar nicht aus Berlin stammen, sondern aus dem Brandenburger Umland und sogar aus ganz Europa in die Stadt (und dann weiter) geweht werden. Im Jahr 1998 beteiligten sich die Cottbuser Forscher an Europas größter Ozon-Messkampagne Berlioz. „Wir haben außerdem untersucht, was in den Wolken passiert als Faktor für die Luftverschmutzung.“ Möller baute daher bereits 1991 eine wolkenchemische Messstation auf dem Brocken auf. „Der Brocken eignet sich zum Messen von Luftproblemen, weil kein Berg weltweit so viele Wolken bietet.“ Seit 18 Jahren werden hier etwa 1000 Proben Wolkenwasser pro Jahr genommen. Dokumentiert werden konnte hiermit beispielsweise die Saure-Regen-Periode um 1995 und der Ozonabbau in den Wolken. Allerdings hinke die Datenauswertung hinterher. Möller, der die Station aus Altersgründen abgeben will, hat dazu eine Förderung beantragt. Weiterhin entwickelten die Cottbuser Forscher eine Maschine zur Nebelauflösung. „Denn Nebel bringt Gefahren, beispielsweise auf Flughäfen, Autobahnen oder im Tagebau, auch ökonomische Verluste“, so Möller. Die Idee war, den Nebel mit Trockeneisgranulat zu bestrahlen, um Eiskristalle zu bilden, die sich am Boden ablagern. Weil warmer Nebel jedoch weit häufiger auftritt, entwickelte Möller die Idee, diesen mit Wassereispartikeln zu beseitigen. Beide Patente kamen jedoch nie zum Einsatz, weil die Förderung bis zum Bau eines Protoyps nicht vorhanden war. Untertanen der Natur „Es ging in unserer Forschung immer um eine intelligente Luftreinhaltung“, erklärt der Professor. In den 90er-Jahren lag das Augenmerk darauf, die Prozesse, die dabei ablaufen, zu erklären. Jetzt sollen Verfahren zur Luftreinhaltung entwickelt werden. An zwei Technologien forscht die Möller-Gruppe derzeit: Einmal geht es um die Reinigung von Luft und Abwasser mittels Photokatalysatoren. Zum anderen soll Kohlendioxid mithilfe von Ultraschall aus Rauch- und Prozessgasen herausgefiltert werden. Dieses Verfahren wird gerade im Labor entwickelt und soll dann an einer Biogasanlage in Cottbus getestet werden. „Denn das CO&-2; ist zu 70 Prozent verantwortlich für die globale Erwärmung“, sagt Möller, der deshalb ein Verfechter des Desertec-Konzeptes ist: Strom aus den sonnenreichen Wüsten nach Europa zu leiten. Allerdings muss er dort auch gespeichert werden können, was am besten durch Umwandlung von CO&-2; in „solare Brennstoffe“ geht, die dann beispielsweise auch in Autos und Flugzeugen genutzt werden könnten. Um die Schaffung eines globalen menschlichen Kohlenstoffkreislaufes geht es ihm im neuesten Projekt Sonne, das er als Sprecher mit weiteren BTU-Kollegen und Partnern aus Potsdam und Berlin gerade bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt hat. „Bisher nutzen wir nur ein Prozent der Sonnenenergie, der Rest verpufft. Hier muss die Politik umdenken.“ Die Vorfälle in Fukushima hätten ihn einmal mehr gelehrt: „Wir sind Untertanen der Natur.“ Deshalb wünscht er sich, dass das Thema Nachhaltigkeit einen größeren Stellenwert bekomme, auch in Lehre und Forschung der BTU. „Wir müssen Prinzipien für die Zukunft entwickeln, dürfen nicht mehr nur kurzfristig denken“, sagt Möller und blickt aus dem Fenster der Villa ins Grüne. Das versucht er auch den Studenten des Umweltingenieurwesens und des internationalen Studiengangs Environmental and Resource Management (ERM) beizubringen. Damit auch in vielen Jahren noch die Luft rein ist. Nicht nur hier draußen. „Luftverschmutzung spielt keine Rolle mehr als Gesundheitsfaktor in Europa und anderen entwickelten Ländern.“ Prof. Detlev Möller Luftchemie in Berlin und Cottbus Die Arbeitsgruppe Luftchemie hat auf dem Adlershofer Wissenschaftsgelände bereits eine lange Tradition und ihr Leiter, Professor Möller, begann seine Arbeiten zur Luftchemie bereits 1975 in der Forschungsstelle Umweltgestaltung bei der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW). Der Lehrstuhl für Luftchemie und Luftreinhaltung wurde 1994 an der BTU Cottbus eingerichtet und ging aus der Berliner Außenstelle für Luftchemie des damaligen Fraunhofer-Instituts für Atmosphärische Umweltforschung (1992 gegründet) hervor. Diese wiederum hat ihren Ursprung in der Abteilung Atmosphärenchemie des ehemaligen Heinrich-Hertz-Instituts für Atmosphärenforschung und Geomagnetismus der AdW.
Jüngste Kommentare
Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden