Und dann kommt das Lächeln doch noch zurück
Vier Spielfilme machen das Wettbewerbsprogramm komplett / Preisverleihung am heutigen Sonnabend
Cottbus Das „Porträt im Zwielicht“, „Ich heiße Ki“ und „Personalausweis“ sind am Freitag ins Wettbewerbsrennen gegangen. Als zehnter und letzter Beitrag startet am heutigen Sonnabend „Mein Vater Baryshnikov“.
Marina ist verheiratet mit einem gut verdienenden Mann, könnte sich zu den Gewinnern der Gesellschaft zählen. Als Sozialarbeiterin hat sie es mit häuslicher Gewalt und möglichem Kindesmissbrauch zu tun. Eines Tages wird sie selbst zum Opfer: Ein Polizist, den sie in der Vorstadt um Hilfe bat, vergewaltigt sie. Marina will Vergeltung, aber als sie dem Mann dann gegenübersteht, unternimmt sie das komplette Gegenteil . . .
Warum? Unterwerfungs-Sehnsucht? Das begreife, wer will. „Portrait im Zwielicht“ ist das Spielfilm-Debüt der Russin Angelina Nikonova, die gemeinsam mit Hauptdarstellerin Olga Dihovichnaya auch das Drehbuch geschrieben hat. Der Film, der alltägliche Gewalt anprangern will, bleibt selbst irgendwie im Zwielicht.
Ebenfalls eine Frau ist die Hauptfigur in dem Streifen des polnischen Regisseurs Leszek Dawid, der 2005 mit seinem Kurzfilm „Moje Miejsce“ in Cottbus vertreten war: „Ich heiße Ki“. Kinga, also Ki, schnappt sich ihren zweijährigen Sohn Pio, verlässt ihren unzuverlässigen Freund und zieht zu einer Freundin, die mit dem stillen Mikolaj in einer Wohngemeinschaft lebt. Kaum angekommen, mischt sie die Bude auf, als hätte sie schon immer da gelebt. Für Miete und Stromrechnung reicht das Geld aus Gelegenheitsjobs aber nicht . . . Dann kündigt sich auch noch das Sozialamt an. Ki bittet Mikolaj, den soliden Verlobten und fürsorglichen Ziehvater Pios zu spielen . . . Kurz, die junge Frau nutzt ihre Umgebung recht schamlos aus, gibt kaum was zurück und steht am Ende völlig verlassen da. Das ist schlüssig und atmosphärisch dicht erzählt und wird getragen von der sehr lebendigen Hauptdarstellerin Roma Gasiorowska.
Sieben der bisherigen Wettbewerbsfilme thematisierten die unmittelbare Gegenwart, „Der Feind“ handelte im Jahr 1995. Zwei Beiträge aber spielen vor sozialistischem Hintergrund. Am weitesten zurück, bis 1974, geht „Personalausweis“, konsequenterweise eine tschechisch-slowakische Koproduktion unter Regie des in Prag geborenen Ondrej Trojan. Der war auch schon mit Filmen in Cottbus und entwirft nun das Bild einer Jugend, die sich zunehmend an kommunistischen Regeln stößt und die Gewalt der Staatsmacht zu spüren bekommt – aber nie den Willen zur Opposition – und sei sie noch so klein – verliert. So verbreitet dieser Film tatsächlich mehr Hoffnung als die acht Wettbewerbsbeiträge vor ihm.
Und der Streifen, der als letzter ins Rennen um den mit 20 000 Euro dotierten Hauptpreis geht, setzt sogar noch eins drauf. Auch hier spielt 1974 eine Rolle: Es ist das Jahr, in dem der außergewöhnliche Ballett-Tänzer Mikhail Baryshnikov nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehrte. 1986, zum Beginn von Glasnost und Perestroika ist der 14-jährige Boris Fishkin der kleinste Junge seiner Ballett-Klasse. Aber er hat große Pläne. Er möchte der Klassenschönsten, Tochter eines Partei-Oberen, imponieren, und er will ins weltberühmte Bolshoi-Ballett. Er übt daheim nach Videos, so zu tanzen wie der große Baryshnikov. Und sehen wir doch mal genau hin, sieht er ihm nicht auch ähnlich?
„Mein Vater Baryshnikov“ ist eindeutig der entspannteste Wettbewerbsbeitrag dieses Festival-Jahrgangs. Wohl, weil eine Zeit des Aufbruchs beschrieben wird – des persönlichen und des gesellschaftlichen. Aber sehr wohl auch deshalb, weil der russische Regisseur Dimitri Polotovsky offensichtlich spielend aus dem Vollen schöpfen konnte. Er hat selbst Klassisches Ballett an der Bolshoi-Akademie studiert. Die Filmemacher Trojan und Polotovsky haben dem Festival das Lächeln wiedergegeben.
Extras zum Artikel
Artikel gehört zur Serie:
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 05. November 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 01. März 2012, 14:01 Uhr
Autor: Von Peter Blochwitz

Jüngste Kommentare
Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden