Rüstig, wissbegierig, ausgebucht

Immer mehr Senioren besuchen Vorlesungen und Kurse an den Lausitzer Hochschulen in Cottbus und Senftenberg

Cottbus/Senftenberg Von wegen Schattendasein – die Senioren haben in den vergangenen Jahren die Lausitzer Hochschulen erobert. Hoch motiviert und bestens vorbereitet sitzen wöchentlich etwa 400 betagte Studenten in Cottbus und Senftenberg in eigens für sie veranstalteten Vorlesungen, Kursen oder Projektgruppen. Einige schnuppern in Vorlesungen der „normalen“ Studenten hinein. Die Anmeldelisten für Seminare und Exkursion platzen aus allen Nähten. Ebenso die Terminkalender der Senioren.

 

Haben Spaß am Englisch-Kurs und wenig Zeit (wie es auch auf Englisch an der Tafel steht: „Sorry, I'm out of time“): Dr. Manfred Strunz, Dieter Mattheß und Anita Willemsen (v.l.) an der Seniorenuniversität der BTU Cottbus. Fotos: Steffi Schubert
Ein strahlender Mittwochnachmittag auf dem Senftenberger Campus der Hochschule Lausitz (FH): Obwohl noch eine halbe Stunde Zeit ist bis zum Beginn der Seniorenakademie-Vorlesung, sind die Sitzreihen im Hörsaal des Konrad-Zuse-Medienzentrums – wohlgemerkt, die vorderen – schon gut gefüllt. Schreibblöcke werden ausgepackt, Grüppchen finden sich zum Schwatzen zusammen. Viele haben hier ihre ehemaligen Kollegen wiedergetroffen, aus der Kohle beispielsweise.

 

Auch Regina (71) und Horst Sabbath (73) aus Ruhland sind schon da. Die ehemalige Grundschullehrerin, und der diplomierte Maschinenbauer, der viele Jahre im Synthesewerk und dann bei der BASF gearbeitet hat, kommen seit zehn Jahren fast jede Woche nach Senftenberg. „Wir hatten in der RUNDSCHAU davon gelesen und wollten einfach geistig fit bleiben“, berichtet Regina Sabbath. Die beiden sind des Lobes voll über die Seniorenakademie. Während sich Horst Sabbath vor allem für die technischen Vorträge begeistert – besonders interessant fand er den im März über Home-Netzwerke – sind es bei seiner Frau die Themen Ernährung und Gesundheit. „Wir erfahren viele aktuelle Dinge, die wir nicht wussten“, sagen sie. „Am schönsten sind die Exkursionen. Vor Kurzem waren wir im Dresdner Flughafen und bekamen dort Dinge gezeigt, die wir sonst nie sehen würden.“

 

Beeindruckt von Professoren

 

Auch Renate Gottwald (74) aus Senftenberg, die „nebenbei“ auch noch aktiv im Kinderschutzbund, im Frauenbund und im Theaterförderverein ist, schwärmt von der Seniorenakademie. „Ich bin neugierig, will wissen, was in der Region los ist – und bin beeindruckt von den gescheiten Professoren, die hier die Vorträge halten“, erzählt die ehemalige Deutsch-Lehrerin.

 

Einer davon ist Prof. Bernhard Glück, der jetzt unten im Hörsaal mit seiner eigens für die Senioren aufbereiteten Vorlesung zum Thema „Fotovoltaik oder Fotothermie“ beginnt. Schon öfter hat er die betagten Studenten unterrichtet und ist jedes Mal begeistert von deren Disziplin und Interesse. „Das ist schon anders als bei den jungen Studenten“, findet er. Und so ist es auch mucksmäuschenstill, als Prof. Glück die Strahlkraft der Sonne erklärt, nach wenigen Minuten kommt die erste Frage aus dem Rund.

 

Das freut Dr. Wolfgang Friedrich natürlich besonders. Der 72-Jährige, der zuletzt an der Hochschule als Wirtschaftswissenschaftler gearbeitet hat und Direktor der Vorgängerhochschule, der Ingenieurschule für Bergbau und Energetik war, gehörte vor elf Jahren zu den Gründungsvätern der Seniorenakademie. Noch heute kümmert er sich um seine „Schützlinge“. „Der Frauenanteil ist auf 43 Prozent angestiegen“, sagt er stolz. „Es gibt bei uns keine Altersgrenze, von 58 bis 82 ist alles vertreten.“ Besonders freut er sich darüber, dass zunehmend Teilnehmer der Seniorenakademie selbst Vorträge halten, wie beispielsweise jüngst Dietmar Ziller, ehemaliger Direktor des Gymnasiums Schwarzheide, zum Thema „Hochbegabung – Segen oder Fluch?“

 

Legen ihre Hände nicht in den Schoß, sondern sind aktiv bei der Seniorenakademie der Hochschule Lausitz dabei: Horst und Regina Sabbath und Renate Gottwald (v.l.) vor dem Konrad-Zuse-Medienzentrum auf dem Senftenberger Campus.
An der Seniorenuniversität der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus ist derweil gerade ein Englischkurs für Fortgeschrittene zu Ende gegangen. Dr. Manfred Strunz (80), Anita Willemsen (66) und Dieter Mattheß (62) kommen strahlend und mit den neuesten Vokabeln auf den Lippen heraus. Dr. Strunz hat nicht viel Zeit, der nächste Termin drückt. Er und Anita Willemsen haben beide im Institut für Kraftwerke Vetschau, das heute Power Consult heißt, gearbeitet und sind seit fünf Jahren im Englisch-Kurs. „Wir reisen alle viel ins englischsprachige Ausland, ich selbst bin Südostasienfan und habe in den letzten Jahren schon viele Länder wie Vietnam, Burma und Indien besucht“, sagt Anita Willemsen. „Da hilft der Kurs sehr bei der Vor- und Nachbereitung, die ja im Alter immer gründlicher wird. Und manches geht eben nicht mehr so schnell wie früher.“ Dr. Strunz ergänzt: „Wir legen viel Wert auf moderne Redewendungen. Im Kurs wird auch ausschließlich Englisch gesprochen, wir haben das neueste Lehrmaterial und mit Frau Wiener eine sehr kompetente Dozentin.“ Nicht zu unterschätzen seien auch die sozialen Kontakte. „Wir freuen uns jede Woche auf den Kurs“, sagt Dieter Mattheß. Der ehemalige Telekom-Teamleiter arbeitet gleichzeitig als Dozent und gibt die Senioren-Kurse „Mentales Aktivierungstraining“, „Lern- und Gedächtnistechniken“ und „Mathematik für Jedermann“. „Das hatte mich schon in meiner Berufszeit interessiert und hat mir auch den Übergang von meinem anspruchsvollen Job in den Ruhestand erleichtert.“ An der BTU scheint das Angebot für Senioren schier unerschöpflich. Das Seniorenkolleg, das einmal im Monat eine Vorlesung eines Uni-Professors anbietet, ist nur ein Teil, hinzu kommen Kurse, Workshops, Seminare und Sportangebote. Uta Galow von der Zentralstelle für Weiterbildung koordiniert die Angebote seit zwei Jahren und ist selbst manchmal überrascht vom Engagement der rüstigen Studenten.

 

Chronik und Homepage

 

„Häufig sind Kurse sofort ausgebucht, egal ob traditionelle oder neu aufgenommene Veranstaltungen“, berichtet sie. Eine Herausforderung anderer Art sind die Projektgruppen, in denen das klassische Schüler-Lehrer-Verhältnis aufgehoben ist und die Senioren unter wissenschaftlicher Anleitung selbst aktiv werden. „Eine Projektgruppe gestaltet gerade eine Chronik der Seniorenuniversität, die wir 2011 zum zehnjährigen Bestehen publizieren möchten“, sagt Uta Galow. „Eine andere Gruppe arbeitet an einer Homepage für die Seniorenuniversität – die Grundlagen dafür haben sie im Computerkurs gelernt.“

 

In Senftenberg hat Prof. Glück inzwischen seine Vorlesung beendet, und glücklich entschwinden die Senioren in den sonnigen Nachmittag. Renate Gottwald hat nicht alles verstanden. Dennoch verkündet sie augenzwinkernd, sich eine Solaranlage aufs Dach zu bauen. „Zumindest bin ich beruhigt, dass es auch in Zukunft Energie geben wird“, fügt die 74-Jährige ernsthaft hinzu.
 
Zahlen Fakten und Kontakte:
Die Seniorenakademie der Hochschule Lausitz (FH) startete im Januar 1999 und wuchs von etwa zwei Dutzend Zuhörern auf inzwischen etwa 150 Senioren. In jedem Semester gibt es mittwochs von 14.30 bis 16 Uhr eine Vorlesung und meist zwei Exkursionen. Alle Senioren bekommen einen Gasthörerausweis. Kosten: 45 Euro pro Semester, pro Einzelveranstaltung 7,50 Euro. Anmeldung und Kontakt über Marlies Hennig, Telefon: 03573 85278, E-Mail: marlies.hennig@hs-lausitz.de, Internet: www.ifw-fhl.de

 

Die Seniorenuniversität der BTU Cottbus begann 2001 mit 87 Gasthörern. Inzwischen ist die Zahl der Interessenten auf zirka 450 angestiegen, über die Hälfte nimmt derzeit aktiv teil. Im Angebot sind wissenschaftliche Vortragsreihen (Seniorenkolleg, Ringvorlesungen), die kostenfrei sind. Für Seminare, Kurse, Workshops, Projektgruppen, Exkursionen, Sportangebote oder Gasthörerschaft wird eine Gebühr von derzeit 30 Euro pro Semester erhoben. Kontakt: Uta Galow, Telefon: 0355 693615, E-Mail: weiterbildung@tu-cottbus.de, Internet: www.tu-cottbus.de/weiterbildung

 

Der Cottbuser Seniorenbeirat bietet in Zusammenarbeit mit dem Carl-Thiem-Klinikum ebenfalls eine Vortragsreihe an, die 1998 zusammen mit der damaligen Fachhochschule Lausitz entstand. Es gibt meist drei Vorträge im Halbjahr im Hörsaal-Altbau in der Thiemstraße, so auch am heutigen Dienstag, 16 Uhr, zum Thema „Gesunde Ernährung im Alter“. Ansprechpartner ist Eberhard Karwinski von Karwin, Vorsitzender des Seniorenbeirats, unter Telefon: 0355 6122989
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Erstellt am: 11. Mai 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 01. März 2012, 15:13 Uhr
Autor: Von Steffi Schubert

Von Steffi Schubert

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