Lachen verboten!
Anja Röger arbeitet als Dolmetscherin beim Filmfestival
Cottbus Anja Röger schlüpft an diesem Nachmittag in Dutzende Rollen, darunter mehrere pubertierende Teenager und der cholerische Leiter eines Pfadfinderlagers im slowenischen Gebirge. Als der mit einem Kuhhorn zum Morgenappell bläst, muss Anja Röger losprusten.
Anja Röger ist eine von elf Dolmetschern, die dafür sorgen, dass auch Besucher die Filme des Festivals verstehen, die kein slowenisch, russisch oder englisch sprechen. Das Dolmetschen passiert simultan: Anja Röger sitzt während des Films in der Sprecherkabine und übersetzt den englischen Text aus ihren Unterlagen passend zur Handlung. In der Stadthalle kann sie von der Kammer durch eine Scheibe auf die Leinwand schauen. Nur eine Tischlampe spendet Licht in dem engen schwarzen Raum. Die junge, warme Stimme der 40-Jährigen ist wie gemacht für den Jugendfilm „Wir gehen unseren Weg“.
Drei Filme - Dutzende Rollen
Es ist ihr erster Spielfilm an diesem Tag, zwei weitere folgen noch. Ihr Blick wandert zwischen Leinwand und Manuskript hin und her. Wenn die Protagonisten im Film schweigen, nippt sie kurz am Wasser.
Es ist ihr dreizehntes Filmfestival in Cottbus. „In den ersten Jahren saß ich noch im Gladhouse zwischen den Zuschauern, um mich herum nur ein Vorhang. Ich durfte nicht zu laut sprechen, das haben ja alle gehört.“ Mittlerweile ist alles gut organisiert, abgesehen von kleinen technischen Schwierigkeiten.
Ein paar Tage vor der Anreise nach Cottbus bekommt Anja Röger das Material, meist ein englisches Manuskript und die Film-DVDs. Damit bereitet sie sich vor. Manchmal bekommt sie drei unterschiedliche Texte pro Film, die sie zusammenstückeln muss.
„Während des Films habe ich keine Zeit zum Überlegen.“ Sie versucht Leben in ihre Übersetzung zu bringen, geht mit der Stimme runter, wenn der Lagerleiter die Küchenhilfe anbaggert, klingt lässig, wenn einer der Jungs vor einem Mädel prahlt. Nicht immer sind die Übersetzungen so abwechslungsreich, manchmal klingt das Gesprochene monoton, mancher Dolmetscher kapituliert vor wortlastigen Dialogen.
„Ich bin immer wieder überrascht, dass die Leute das so ertragen. Denn wir sind verwöhnt von perfekt synchronisierten Filmen“, sagt Anja Röger. Das jedoch könnte das Filmfestival nicht leisten. „Die Filme vorab zu übersetzen und synchronisieren ist zu teuer“, sagt Karin Fritzsche, Festival-Kuratorin und verantwortlich für die Dolmetscher. Tagessätze wie bei Konferenzen kann sie nicht zahlen. „Wir sind darauf angewiesen, dass die Leute für uns arbeiten, weil es ihnen Spaß macht.“
Tücken des Dolmetschens
Anja Röger ist freiberufliche Dolmetscherin. Sie schreibt Untertitel, dolmetscht auf Festivals, am Gericht oder auf Konferenzen, ihre Sprachen sind Englisch und Französisch.
Das simultane Übersetzen hat seine Tücken. „Bei langen verschachtelten Sätzen oder wenn die Schauspieler alle durcheinanderreden, kommt man ganz schön ins Schwitzen“, erklärt Röger. Hustenanfälle, Lachkrämpfe oder andere Geräuschkulissen irritieren den Zuhörer. „Einmal musste ich bei einem sehr traurigen Film fast losheulen“, erinnert sich Röger. Da bleibt nur – Mikrofon aus.
Nach 110 Minuten flimmert der Abspann über die Leinwand. Anja Röger lehnt sich zurück, nimmt die Kopfhörer ab und stöhnt: „Puh, die haben ganz schön viel geredet.“ In einer knappen Stunde sitzt sie wieder hinterm Mikrofon.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 05. November 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 01. März 2012, 14:01 Uhr
Autor: Juliane Preiß

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