07. November 2011, 00:00 Uhr

Filmfestival Cottbus: Siegeszug für strikten Pessimismus

Russische Dominanz: „Portrait im Zwielicht“ siegt beim 21. FilmFestival Cottbus, „Gromozeka” ist Publikumsliebling

Cottbus Der Spielfilm „Portrait im Zwielicht“ von Angelina Nikonova aus Russland hat den mit 20 000 Euro dotierten Hauptpreis beim 21. FilmFestival Cottbus gewonnen. Der von der RUNDSCHAU gestiftete Publikumspreis ging wie der Spezialpreis für die beste Regie ebenfalls nach Russland: „Gromozeka“ von Vladimir Kott.

Für Regisseur Vladimir Kott aus Russland ist Cottbus ein „Glücksfestival“, wie er bei der Preisverleihung am Sonnabend in der Stadthalle Cottbus erklärte. Denn sein Film „Gromozeka“ war nicht nur für die beste Regie und mit dem Publikumspreis geehrt worden, schon im Jahr 2008 hatte er hier für „Mukha“ den Preis für den besten Debütfilm erhalten. „Eine schöne Tradition!“, freute sich Kott. Jury und Publikum honorierten mit „Gromozeka“ einen Spielfilm, der einerseits drei desillusionierte Männer im angeblich besten Alter zeigt, aber nicht ohne Wärme und auch Witz daherkommt.

Gleich den Hauptpreis mit ihrem Spielfilmdebüt räumte die Russin Angelina Nokinova mit ihrem „Portrait im Zwielicht“ ab. Der Film über eine Frau aus der russischen Mittelschicht, die sich an ihrem Vergewaltiger rächen will, sich ihm dann aber unterwirft, ist harter Tobak und war nicht unbedingt ganz vorn zu erwarten gewesen. Aber dieser Preis setzte den Schlusspunkt unter ein Festival, das von Wettbewerbsfilmen geprägt wurde, die in der Hauptsache eher nicht gute Laune verbreitet haben. Sieben dieser Beiträge hatten die unmittelbare Gegenwart thematisiert, ein achter, „Der Feind“ (Serbien und Montenegro) von Dejan Zecevic handelte im Jahr 1995 unmittelbar nach dem Kriegsende in Bosnien und galt als konsequente Horrorvision als Geheimfavorit vieler Kinogänger. So kann man sich irren, der Streifen ging völlig leer aus.

Die Gegenwartsfilme haben auf strikten Pessimismus gesetzt und endeten nicht selten tödlich. Der erste Beitrag „Sonnige Tage“ des Kasachen Nariman Turebayev, hatte den Takt vorgegeben: Ein junger Mann, dem alles verlorengeht, der nicht die geringste Hoffnung haben kann und an seinem 25. Geburtstag unter die Räder eines Lastwagens kommt.

Mit auffälliger Stilistik bestach immerhin der auch prämierte Film „Crulic – Der Weg ins Jenseits“ von Anca Damian aus Rumänien. Die wahre Geschichte eines 33-Jährigen Rumänen, der in Polen unschuldig inhaftiert wird, aus Protest in den Hungerstreik tritt und – von allen Behörden vergessen – stirbt, wird mit verschiedenen Mitteln des Animationsfilms erzählt.

Eine ebenfalls wahre und extrem aufwühlende Story, die bis heute die Gemüter bewegt, hat der Pole Krzysztof Lukasziewicz mit seinem Film „Lynchen“ aufgearbeitet. Ein mehrfach vorbestrafter Obdachloser terrorisiert die Bewohner eines kleinen Dorfes im Nordosten Polens. Die unterbesetzte Polizei ist überfordert, irgendwann greifen die Männer des Ortes zur Selbstjustiz und erschlagen den Mann. Auch die anderen Gegenwartsfilme hatten diesen einen Tenor: Es gibt in den postsozialistischen Ländern viele Verlierer.

Den Schlusspunkt aber setzten zwei Beiträge, die vor sozialistischem Hintergrund spielen. Bis ins Jahr 1974 zurück geht „Personalausweis“, eine tschechisch-slowakische Koproduktion unter Regie des in Prag geborenen Ondrej Trojan. Er entwirft das Bild einer Jugend, die sich zunehmend an kommunistischen Regeln stößt und die Gewalt der Staatsmacht zu spüren bekommt – aber immer den Willen zur Opposition bewahrt.

Als letzter ins Rennen gegangen ist „Mein Vater Barysnikov“. 1986, als Gorbatschow Glasnost und Perestroika umzusetzen beginnt, ist der 14-jährige Boris der kleinste Junge seiner Ballett-Klasse. Er möchte der Klassenschönsten imponieren und er will ins Bolshoi-Ballett. Er übt daheim nach Videos, so zu tanzen wie der große Mikhail Baryshnikov. Und behauptet irgendwann selbstbewusst, dieser sei allen Ernstes auch sein Vater. Auch wenn sich seine Träume letztlich nicht wie gewünscht erfüllen, war „Mein Vater Baryshnikov“ der Wettbewerbsbeitrag dieses Jahrgangs, bei dem sich die Zuschauer schmunzelnd in die Kinosessel zurücklehnen konnten.

Insgesamt waren seit Dienstag mehr als 140 Filme aus 33 Ländern zu sehen gewesen. Mit zehn Weltpremieren, sieben internationalen und 43 deutschen Erstaufführungen hat es ein regelrechtes Premieren-Festival gegeben. Nach dem gestrigen Tag zum Festival-Ausklang hoffen die Organisatoren auf einen neuen Besucher-Rekord, der bei einer Zahl von 20 000 Zuschauern liegen könnte. Im Fokus stand diesmal das länderübergreifende „Osteuropa der Regionen“ mit einem besonderen Augenmerk aus Polen und die Ukraine, den beiden Gastgeberländern der Fußball-Europameisterschaft 2012. Im kommenden Jahr soll das „Osteuropa der Religionen“ im Fokus stehen. Die diesjährige Retrospektive unter dem Titel „Location Lausitz“ brachte Begegnungen mit Filmemachern wie dem Cottbuser Donald Saischowa, dessen Dokumentation „. . . so wie mit anderen auch“ in die schwierige Umbruchzeit Anfang der 90er-Jahre zurückblickte.
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Erstellt am: 07. November 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 01. März 2012, 14:01 Uhr
Autor: Von Peter Blochwitz

Von Peter Blochwitz

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