Aus Angst vor Demenz nehmen sich viele Senioren das Leben
Cottbus Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland rund 10 000 Menschen das Leben, mehr als 100 000 überleben einen Selbsttötungsversuch. Die Suizidrate aber ist in keiner Bevölkerungsgruppe so hoch wie in der der Senioren.
Es ist ein stiller Tod, belegt mit Scham, Wut und Fassungslosigkeit der Angehörigen. Wenn jemand freiwillig aus dem Leben scheidet, steht hinter diesem Tod oft auch ein ungesagtes: „. . . ich sterbe, weil Ihr mir nicht mehr helfen konntet.“
Leben mit diesen unausgesprochenen Worten müssen vor allem Kinder und Enkel. Denn es sind gerade alte Menschen, genauer alte Männer, die sich selbst töten: Von 9500 statistisch erfassten Suiziden im Jahr 2007 wurden 42 Prozent von über 60-Jährigen begangen, dabei gingen doppelt so viele Männer wie Frauen den Schritt in den Freitod.
Einer von ihnen war Johannes Weber* aus einem kleinen Dorf am Rand von Cottbus. 79 Jahre alt, lebte er gemeinsam mit seiner Frau Ruth* in einer kleinen Einliegerwohnung bei Tochter und Schwiegersohn. Ruth Weber war bereits schwer an Demenz erkrankt, als ihr Mann glaubte, bei sich ebenfalls erste Symptome zu erkennen. „Wir merkten erst nur, dass er plötzlich kaum noch essen wollte und oft scheinbar grundlos weinte“, erinnert sich seine Tochter. Dann sei eine – eigentlich völlig banale – Stromnachzahlung für ihren Vater eingetroffen. „Die hat ihn derart aus der Bahn geworfen und solche Angst ausgelöst, dass er keinen Ausweg mehr sah“, erzählt die Tochter. „Erst versuchte er, sich in einem Seitenarm der Spree zu ertränken. Aber er konnte zu gut schwimmen und musste tropfnass nach Hause zurückkehren.“ Gesprochen habe er nach diesem gescheiterten Versuch nur noch wenig, fing aber wieder an zu essen und nahm bereitwillig die Tabletten, die der Neurologe ihm verschrieben hatte. „Wir waren sicher, dass er seine Krise überwunden hatte“, so seine Tochter. Doch eines morgens, während die Familie beim Frühstück saß, erhängte sich Johannes Weber mit dem Gürtel seines Bademantels. „Mit dieser Last werde ich leben müssen“, sagt seine Tochter. „Damit, dass ich ihn nicht mehr erreichen konnte. Und mit der Vorstellung, wie er sich bemüht haben muss, leise zu sterben, um nicht zu früh entdeckt zu werden.“
Dr. Ute Lewitzka, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Dresden kennt viele Fälle wie diesen. „Hausärzte haben oft nicht die Zeit, bei Senioren eine Depression zu erkennen. Ältere Menschen haben nie gelernt, über Gefühle zu sprechen, sie gehen eher mit körperlichen Beschwerden zum Arzt.“ Dazu kommt die Schwierigkeit, dass Demenz und Depression eng beieinanderliegen. Oft bedingen beide Krankheiten einander, manchmal werden sie aufgrund ähnlicher Symptome miteinander verwechselt. Ute Lewitzka: „Lange galt zudem die Auffassung, dass älteren Patienten nur schwer geholfen werden könne. Heute wissen wir, dass eine Kombination aus Psychotherapie, Medikamenten und Soziotherapie auch bei Hochbetagten sehr gut anschlägt.“
Voraussetzung dafür aber ist, dass die Menschen ihre Schwermütigkeit zugeben. Lewitzka: „Angehörige sollten sich nicht scheuen, das Thema Selbstmord anzusprechen.“ Auch Sätze wie „besser, ich wäre tot“ oder „das hat doch alles keinen Sinn mehr“ seien wichtige Alarmsignale. Wenn Senioren unter chronischen Schmerzen, Einsamkeit oder einer beginnenden Demenz leiden, sollten Angehörige einen derart angekündigten „Bilanzsuizid“ als Ausdruck einer behandelbaren Depression sehen.
Oberarzt Michael Rapp, Leiter einer gerontopsychiatrischen Forschungsgruppe an der Berliner Charité: „Ziehen alte Menschen ins Heim oder erleiden Schicksalsschläge, unterbindet dieser Stress die Produktion bestimmte Botenstoffe im Gehirn.“ So steigt das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Angehörige aber auch Ärzte und Altenpfleger sehen sich in einer solchen Situation in einem Dilemma. Oft glauben sie, einem Lebensmüden nicht wirklich helfen zu können, da seine Situation objektiv nicht zu verbessern ist. „Aber es geht bei Selbstmord niemals nur um objektive Lebenslagen“, so Ute Lewitzka. „Auch bei alten Menschen kann eine gute Behandlung dazu führen, dass sie wieder Freude empfinden.“
*Namen geändert
Erstellt am: 23. November 2009, 17:35 Uhr
Geändert am: 01. März 2012, 14:39 Uhr
Autor: Von Andrea Hilscher

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