16. März 2010, 00:00 Uhr

Wenn der Mund wie zugeschnürt ist

Selbsthilfegruppe „Sexuelle Gewalt“ will sich in Weißwasser gründen

Weißwasser „Warum schweigen die Opfer von sexueller Gewalt?“, ist eine Frage, mit der sich Ellen Rachut als Betroffene und ihr Mann Siegfried Rachut seit vielen Jahren beschäftigen. In einem Vortrag in Weißwasser diskutierten sie mit interessierten Zuhörern über die Mechanismen, die bei sexuellem Missbrauch deutlich werden.

„Ich habe am eigenen Leib Missbrauch erfahren und bei einer längeren Therapie mein Trauma überwunden. Nun möchte ich anderen helfen, mit ihren schlimmen Erlebnissen fertig zu werden“, sagt Ellen Rachut. Ihr Mann Siegfried, hat an ihrer Seite erlebt, wie Betroffene leiden.

Durch die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen steht das Thema im Fokus der Öffentlichkeit wie kaum zuvor. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, warum die Opfer nicht früher etwas gesagt haben. „Die Opfer konnten nichts sagen“, betont Ellen Rachut. Wie ein Stein laste die furchtbare Erfahrung des Missbrauchs auf der Seele eines Kindes. „Ein Kind wagt nicht, über sexuelle Übergriffe zu sprechen und sieht keine Möglichkeit, dem Dilemma zu entkommen.“

Auch die Gesellschaft trage nach Ansicht des Ehepaares Rachut ihren Teil zum Schweigen der Opfer bei. „Die Missbrauchsopfer erfahren durch die Medien und die Öffentlichkeit, dass sexueller Missbrauch nicht nur verwundet, sondern auch entehrt “, sagt Ellen Rachut.

Missbrauch in der Familie

99 Prozent aller Missbrauchsfälle geschehen laut Statistik aus dem unmittelbaren Umfeld des Opfers. „Kinder müssen Erwachsenen glauben und gehorchen“, sei nur eine der überholten Erziehungsregeln, die es den Tätern leicht machen, an ihr Opfer heranzukommen. „Es ist wichtig, dass Kinder ernst genommen werden und auch Nein sagen dürfen“, sagt Ellen Rachut. Wenn ein Kind keinen Gute-Nacht-Kuss geben möchte, dann müsse das auch respektiert werden.

Opfer zu erreichen und einen Weg zu ihren Seelen zu finden, sei ein schwerer Weg. „Wer missbraucht wurde, hat das Gefühl, sich selbst schuldig gemacht zu haben. Zumindest wird ihnen das von den Tätern eingeredet“, weiß Ellen Rachut aus eigenem Erleben. Sie selbst wurde von ihrem Musiklehrer umgarnt und mit Komplimenten überhäuft. Schließlich habe er es geschafft, sich das Vertrauen der Eltern zu erschleichen, sie von Freunden zu isolieren. „Er hat mir immer erklärt, dass ich den sexuellen Kontakt so wolle und alle Aktivitäten von mir ausgingen“, erzählt sie. Die schlimmen Erlebnisse, die ihr den Mund zuschnürten und über die sie mit niemandem reden konnte, hat Ellen Rachut Jahrzehnte verdrängt und schließlich gar nicht mehr gewusst. „Erst als ich wegen häufiger Kopfschmerzen eine Psychotherapie gemacht habe, kamen die schlimmen Kindheitserlebnisse wieder hoch“, sagt sie. Ihrem Mann hat sie es erst Tage später erzählt. „Ich war ziemlich überfordert und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich habe sie einfach nur in den Arm genommen“, erinnert sich Siegfried Rachut. Danach sei ihm auch klar geworden, warum sich bei seiner Frau keine normale Beziehung zur Sexualität entwickeln konnte. „Wir hatten es immer auf eine prüde Erziehung geschoben“, sagt er.

„Haben Sie gleich gewusst, dass der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat, oder brauchten Sie erst eine Bestätigung aus ihrem Umfeld“, möchte eine Zuhörerin wissen. Sie selbst habe lange daran gezweifelt, ob es tatsächlich so war, oder ob sie sich alles nur einbilde. „Die erste Erinnerung bei der Therapie war bei mir so klar und deutlich, dass ich wusste, dass es stimmte“, sagt Ellen Rachut.

Die fehlende Erinnerung bei Missbrauchsopfern sei psychologisch darauf zurückzuführen, dass die Gefühle und das Geschehen selbst an anderen Orten im Gehirn gespeichert werden. Der Sinn der Therapie bestehe darin, das Geschehene und die Gefühle wieder zusammenzuführen.

Bei ihren Untersuchungen hat das Ehepaar Rachut festgestellt, dass sich Missbrauchsfälle häufig ähneln und die Täter nach dem gleichen Schema vorgehen. So versuchten Täter, die Kontrolle über ihre Opfer zu erlangen und sie ihrer Selbstständigkeit zu berauben. Ein Mittel, um die Kinder gefügig zu machen, sei die Bindung durch Komplimente. Weiterhin werde beim Opfer Angst erzeugt und es werde ihm eingeredet, aus eigenem Antrieb mitgemacht zu haben.

Eine Studie mit verurteilten Sexualstraftätern offenbart, dass die Täter immer eine Mitverantwortung bei ihren Opfern sehen. „Sie glauben tatsächlich, dass die Kinder einen Nutzen aus den Sexualkontakten mit Erwachsenen haben und dass es ihnen nicht schadet“, sagt Ellen Rachut.

Kinder würden eingeschüchtert werden, indem man ihnen die Schuld an den Folgen gibt. „Wenn du davon erzählst, wird die Mama krank oder verlässt uns“, sei nur eine Drohung, die Täter gern gebrauchen. Häufig werde Kindern auch gar nicht geglaubt, wenn sie sich Erwachsenen in ihrer Not anvertrauen. „Kinder können aus dem Berg von Schuldzuweisungen und Scham regelrecht erdrückt werden“, sagt Ellen Rachut.

Erwachsene, die als Kind missbraucht wurden, lebten häufig in dem Widerspruch zwischen dem Wunsch, das furchtbare Geschehen laut auszusprechen und auf der anderen Seite der Hoffnung, dass niemand in der Familie davon etwas erfährt. Wer sich outet und seinen Peiniger anzeigt, hat es nach den Erfahrungen vieler Betroffener nicht leicht. Die Verjährungsfrist beginnt mit dem 18. Lebensjahr des Opfers und endet nach zehn Jahren, in besonders schweren Fällen nach 20 Jahren. „Man braucht schon einen sehr guten Anwalt, um das zu überstehen. Es ist nicht so einfach, die Beweise vorzulegen“, sagt Siegfried Rachut. Er rät Betroffenen, sich bei der Opferhilfe Sachsen zu informieren, die auch Anwälte vermitteln.

Neben einer Therapie empfehlen Ellen und Siegfried Rachut den Opfern, sich in einer Selbsthilfegruppe zusammenzuschließen. Eine solche befindet sich in Weißwasser gerade im Aufbau.

Betroffenen Mut machen

Katharina Hannusch aus Bad Muskau und Katja Mehley aus Weißwasser haben das Grauen sexueller Übergriffe in ihrer Kindheit erlebt. „Ich litt später unter Essstörungen und hatte große psychische Probleme“, erzählt Katharina Hannusch. Durch eine Therapie hat sie es geschafft, mit ihrer Vergangenheit klarzukommen. „Ich möchte gern anderen Mut machen, dass es trotzdem möglich ist, ein normales und erfülltes Leben zu haben“, sagt die 43-Jährige.

Auch Katja Mehley wurde in der Familie missbraucht. Genau dort, wo Kinder normalerweise Geborgenheit suchen und finden. Sie möchte ebenfalls Betroffene ermutigen, die Probleme nicht mit sich allein auszumachen, sondern im Austausch mit anderen Kraft und Halt zu finden. „Es hilft sehr, zu wissen, dass es auch andere gibt, denen so etwas Furchtbares widerfahren ist“, sagt sie. „Egal welches Alter oder welches Geschlecht. Bei uns ist jeder willkommen, und wir garantieren Anonymität“, betont Katja Mehley.

Selbsthilfegruppe Unter dem Dach der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe und an Selbsthilfeinteressierte (KISS), die sich in Trägerschaft des Diakonischen Werkes Hoyerswerda befindet, gründet sich die Selbsthilfegruppe „Sexuelle Gewalt“. Für Treffs , die künftig einmal im Monat stattfinden sollen, stehen die Räume in der Glückaufstraße 11 A in Weißwasser zur Verfügung. Interessenten können unter der Telefonnummer 03576/ 213736 dienstags von 14 bis 18 Uhr und donnerstags von 10 bis 14 Uhr zu Annette Uplegger, Leiterin der KISS, Kontakt aufnehmen. Alle Anfragen werden vertraulich behandelt.
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Erstellt am: 16. März 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Mai 2012, 11:26 Uhr
Autor: Von Angelika Brinkop

Von Angelika Brinkop

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