18. März 2010, 00:00 Uhr

Plötzlich war die eigene Stimme wichtig

Lausitzer erinnern sich an die erste freie Volkskammerwahl

Weißwasser Heute vor 20 Jahren fand die erste und gleichzeitig auch letzte freie Wahl zur Volkskammer der DDR statt. Sie fand in einer Zeit statt, in der sich die Ereignisse überschlugen. Die RUNDSCHAU hörte sich um, welche Gefühle und Hoffnungen die Menschen aus der Region damals mit dieser Wahl verbunden haben.

Christoph Lamm, Pfarrer der Katholischen Kirche in Weißwasser, kann sich noch ganz genau an diese Wahl erinnern. „Ich hatte damals als Kaplan meine erste Stelle in Lübben. Bei der Stimmauszählung zur Volkskammerwahl war ich dabei. Ich war sehr glücklich über das Wahlergebnis, denn nun war es endgültig, dass die Zeit der Kommunisten vorbei war“, sagt Christoph Lamm. Allerdings habe er damals manches durch die rosarote Brille gesehen und gar nicht geahnt, was noch alles auf die Menschen zukommt. „Es war eine Aufbruchstimmung, und wir waren richtig euphorisch“, sagt er. Besonders gut sei das Gefühl gewesen, dass nun die eigene Stimme gefragt war. „Die Allianz für Deutschland hat ja dann gleich in Richtung Wiedervereinigung gearbeitet.

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Es war nur ein kurzes geschichtliches Zeitfenster, in dem so unglaublich viel möglich war“, sagt Christoph Lamm. Neben vielen Dingen, die man aus heutiger Sicht hätte besser machen können, sei es gelungen, dass Deutschland wieder ein Vaterland ist.

Gerold Patzelt hat bereits 1989 einen Elektronikhandel gemeinsam mit seinem damaligen Geschäftspartner Udo Wolfrum gegründet. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich es genossen habe, in die Kabine zu gehen, ohne misstrauisch beäugt zu werden. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass meine Stimme etwas bewegen kann.“ Zu Beginn habe er im Geschäft noch drei Währungen entgegengenommen: DDR-Mark, Forum-Schecks und D-Mark. „Wir haben busweise Fernsehgeräte und Radios aus Westberlin geholt. Da es damals noch den Zoll gab und nur zwei Fernseher auf einmal über die Grenze gebracht werden konnten, haben wir in Ostberlin ein Zwischenlager eingerichtet, bis das Fahrzeug voll war“, erinnert sich Gerold Patzelt. Es habe eine Art Goldgräberstimmung geherrscht. „Ich habe große Hoffnungen für die Entwicklung von Weißwasser gehabt, aber noch nicht gewusst, dass die Glasindustrie verscherbelt wird.“

Liane Kosciecha, Kita-Leiterin, hat bei der Volkskammerwahl in der Wahlkommission gesessen. „Ich habe damals von Parteien auf dem Stimmzettel gelesen, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte“, sagt sie. Am Wahlabend sei sie erst gen morgen nach Hause gekommen, weil so lange zu tun war. Die gesamte Zeit hat sie als sehr aufregend erlebt. „Am meisten habe ich mich darauf gefreut, reisen zu können, wohin ich will“, sagt sie.

Udo Zange, amtierender Bürgermeister von Rietschen, kann sich nicht mehr genau an die Volkskammerwahlen erinnern, wohl aber an diese Zeit der großen politischen Umwälzungen. „Ich habe damals noch im Kraftwerk Boxberg gearbeitet. Von daher lag mir und meinen Kollegen besonders eine wirtschaftlich stärkere und stabilere DDR am Herzen“, sagt Udo Zange. Die persönliche Reisefreiheit habe für ihn keine große Rolle gespielt. „Aber als Beschäftigte auf dem Energiesektor wollten wir schon längt einmal über unseren kleinen Tellerrand hinausblicken und nur zu gern Kraftwerke in der Bundesrepublik kennenlernen. Das wurde jetzt möglich.“ Udo Zange ist 1990 vom Gemeinderat zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt worden und hat diese Funktion bis heute.
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Erstellt am: 18. März 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Mai 2012, 11:26 Uhr
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