06. Februar 2012, 00:00 Uhr

Manchmal möchte Blessing unsichtbar sein

Flüchtlinge in Sedlitz fragen: „Warum wird uns im Kreis das Leben schwer gemacht?“

Sedlitz Sie sind aus Nigeria, Kamerun, Libanon, Irak, Iran, Tschetschenien oder der Türkei gekommen. In jüngster Zeit auch wieder aus Syrien und Afghanistan. Meist ist es die Angst vor Unruhen oder Verfolgung, die sie aus der Heimat getrieben hat. In der Fremde suchen sie Schutz und Hilfe. Statt Wärme oder Verständnis finden sie aber oft Ablehnung und Misstrauen

Einkauf mit Hindernissen. Die Asylbewerber müssen mit Gutscheinen ihre Lebensmittel einkaufen. Aber nur zwei Märkte in Senftenberg nehmen Gutscheine an, bei Rückgeld wird es oft schwierig. Der Flüchtlingsrat Brandenburg hat den Landkreis Oberspreewald-Lausitz aufgefordert, wie andere Kreise auch, nur noch Bargeld auszuhändigen. Foto: Steffen Rasche
Blessing will nicht mit ihrer Mutter zum Einkauf gehen. „Mir ist das unangenehm“, sagt die 16-Jährige. Vor allem, wenn die Mutter an der Kasse mit Gutscheinen statt Geld bezahlt. Dann richten sich, so fühlt es Blessing, alle Augen aus der langen Schlange hinter ihr auf sie, und sie möchte am liebsten unsichtbar sein. Ist sie aber nicht.

Im Gegenteil. Blessing fällt besonders auf. Sie ist schwarz. Sie ist eine von 90 Flüchtlingen, darunter 25 Kindern, die zurzeit im Übergangswohnheim des Oberspreewald-Lausitz-Kreises in Sedlitz leben. Der „Übergang“ dauert für sie schon ihre ganze Teenagerzeit an. Blessing war zwölf, als sie mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern aus Nigeria nach Deutschland gekommen ist. Zuerst lebte die Familie im Bahnsdorfer, seit dessen Schließung im Sedlitzer Wohnheim. Sechs Quadratmeter stehen ihr zu. Küche und andere Räume teilen die Bewohner miteinander.

Der Gemeinschaftsraum ist karg und wenig gemütlich. Eine Schrankwand mit dem morbiden Charme vergangener Zeiten wirkt verloren im großen Raum, in dem sich am Abend große und kleine Bewohner versammeln. Ganz selbstverständlich spielen die Kinder verschiedener Nationen miteinander. Da versucht sich die vierjährige Su Li aus Vietnam zwischen den Dreirad fahrenden Jungen aus der Türkei und Tschetschenien zu behaupten.

Und der zehnjährige Mahmud aus dem Libanon beruhigt das Baby einer Afrikanerin. „Es ist völlig egal, wie wir aussehen, wir sind alle Menschen“, sagt Mahmud ernst. Es ist seine erste große Lebensweisheit. Er ist mit seiner Mutter und drei Geschwistern vor den andauernden Unruhen im Land weggelaufen. Gemeinsam warten sie nun, dass der Vater in den nächsten Tagen den Weg nach Deutschland schafft. So lange hilft Mahmud der Mutter, den schwierigen Alltag im fremden Land zu bewältigen. Denn allein und unter diesen Lebensumständen für vier Kinder zu sorgen, ist für die Mutter nicht leicht. Auch ihr Deutsch ist noch nicht so gut wie das ihrer Kinder. Offizielle Deutsch-Kurse gibt es im Wohnheim nicht mehr. Selbst können sich die Bewohner den Unterricht nicht leisten.

Den Lebensunterhalt der Asylbewerber und Flüchtlingen regelt das Asylbewerberleistungsgesetz. Sie bekommen ein drittel weniger als Hartz IV-Empfänger. Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis wird diese Leistung vor allem in Einkaufsgutscheinen ausgegeben. Nur 40 Euro pro Erwachsenem gibt es in bar. Wenn am Monatsanfang Gutscheine für den Lebensunterhalt ausgegeben werden, ist Großeinkauf angesagt.

Dazu müssen die Mütter mit Zug und Bus nach Senftenberg fahren – und mit schweren Lebensmitteltaschen zurück. „Aber nur zwei Märkte für Nahrungsmittel und einer für Kleidung nehmen die Gutscheine an“, berichtet Fatma, eine junge Türkin mit drei kleinen Kindern. Sie hat ihr Land verlassen, weil sich ihr Mann als Kurde bedroht sah. Fatma wirkt erschöpft. „Warum wird uns das Leben so schwer gemacht?“, fragt sie traurig. In den Nachbarlandkreisen gibt es längst keine Gutscheine mehr. Fatma träumt wie ihre tschetschenische Nachbarin Creda davon, mit ihrer Familie in einer richtigen Wohnung leben zu können. „Mit Küche und Bad nur für uns.“ Statt dessen ist sie seit Jahren im Wohnheim. Die Entscheidungen über den Status der Asylsuchenden und Flüchtlinge dauern meist lange. Auch bei Blessing. Sie will weg aus dem Wohnheim. Die große Stadt lockt. Die 16-Jährige will leben wie andere Teenager auch.

Zum Thema:

Nach Artikel 16a des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland genießen politisch Verfolgte Asyl. Das Asylrecht dient dem Schutz der Menschenwürde. Allgemeine Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege, Naturkatastrophen oder Perspektivlosigkeit sind keine Asylgründe. Die Asylbewerber werden nach einem besonderen Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Nach Brandenburg kommen 2012 lediglich 3,1 Prozent der einreisenden Asylsuchenden. Hauptherkunftsländer waren 2011 Afghanistan, Irak, Serbien, Iran, Syrien und Pakistan. 2011 sind 45 741 Erstanträge auf Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entgegengenommen worden, dazu kommen 7606 Folgeanträge. Im Jahr 2010 ist lediglich jeder fünfte Antrag bewilligt worden.
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Erstellt am: 06. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 06. Februar 2012, 10:40 Uhr
Autor: Heidrun Seidel

Heidrun Seidel

Jüngste Kommentare (23)

Noch eine Frage

von Altanschliesser

Handelt der Landkreis gesetzeswidrig, wenn er Gutscheine statt Bargeld ausgibt? Und wenn nein, warum wird das immer wieder bis zum Erbrechen thematisiert?

Sehr verwunderlich auch, dass es politische Flüchtlinge aus der Türkei oder Afghanistan geben soll. Die Türkei will in die EU und es wäre ein Unding, wenn es innerhalb der EU politische Flüchtlinge gäbe. Auch in Afghanistan regieren seit 10 Jahren die "Guten", die mit Milliarden des deutschen Steuerzahlers unterstützt werden. Wieso gibt es da politische Flüchtlinge, oder gehören die etwa zu den Taliban und finden jetzt in Deutschland Asyl? Es soll ja sogar noch Kriegsflüchtlinge aus dem kosovo in Deutschland geben, obwohl dort der Krieg seit 12 Jahren vorbei ist und die Kosovoalbaner (die Guten) sogar einen eigenen Staat haben.

Unverständnis

von unbekannt

Wurden die armen Herrschaften hierher nach Deutschland gezwungen? Oder wurde ihnen nur das Schlaraffenland versprochen?
Der Frage eines Schreibers muß ich zustimmen- woher hatten diese Bewerber das viele Geld für den Transport? Ein normal arbeitender Bürger unseres Staates würde wohl kaum diese Beträge aufbringen können, um mal eben schnell und auf Verdacht eine Reise z.B. von Afrika nach Germany zu unternehmen.
Und an die welche meinen, die Bewerber werden finanziell und materiell ungerecht behandelt- seid Vorbild und öffnet für diese armen Menschen nicht nur Euer Herz, sondern auch Eure eigene Geldbörse. Nicht nur bemitleiden- selber helfen ist die Devise.

Kleine Frage am Rande

von AlterCottbuser

Frage - wie kommen bettelarme Menschen aus Nigeria, Tschetschenien oder was weiß ich woher nach Deutschland? Mit welchen Verkehrmitteln und wer bezahlt ihre Herreise? Wieso beantragen Türken hierzulande Asyl, angeblich ist doch das Land längst reif für die EU, wenn man die Politiker reden hört. Und dann noch was - warum wollen diese Leute unbedingt Geld? Irgendwie sehe ich immer die zahlreichen Nachwende-Bettler in den ostdeutschen Großstädten noch vor mir, die bösartig wurden, wenn man ihnen was zu Essen angeboten hat. Die wollten auch nur Bares. Ich glaube einfach nicht, dass diese Leute wegen irgenwelcher Schamgefühle die Gutscheine ablehnen. Vielleicht müssen sie ihre Herreise an irgendwelche bisher nicht erwähnten Schleuser abzahlen. Was anderes kann ich mir nicht vorstellen.

Antwort am Rande...!

von anvil948

Antwort auf folgenden Beitrag von AlterCottbuser am 06.02.2012 13:58 Uhr

Wenn ich auf Deine Frage ehrlich antworten würde, dann stempelt man mich als Ausländerfeind ab. Das bin ich jedoch nicht. Deshalb meine Anwort kurz: Asyl ja - aber nicht für jeden und um jeden Preis. Die Zeit für das Bewerberverfahren muss drastisch gekürzt werden. Meine Nachbarin hat immer gearbeitet, keine Krankschreibung und keine Fehlstunden und hat 3 Kinder großgezogen. Mit 63 Jahren in Rente. Jetzt monatlich 780 Euro. Nach Abzug von Miete und Nebenkosten, Strom Gas verbleiben 280 Euro. Wie war doch gleich der Satrz für einen Asylbewerber? Meine Nachbarin würde liebend gern einen Bezugsschein nehmen....wenn es diesen für sie gäbe. ARMES Deutschland!

Hartz 4 Empfänger

von anvil948

Ich kann die Asylbewerber verstehen, denn ich verstehe auch die Hartz 4 Empfänger, die sich an der Tafel anstellen müssen um sich ernähren zu können und sich auch beim DRK anstellen, um Kleidung zu bekommen. Ich weiß, dass sie auch Schamgefühle haben. Wohin sollen sie flüchten, damit es ihnen besser geht?

Rentnerehepaar

von Rentnerehepaar

Antwort auf folgenden Beitrag von anvil948 am 06.02.2012 11:53 Uhr

Kaum zu glauben, aber wahr. Im vorigem Jahr mit eigenen Augen gesehen, wie eine attraktive Frau den Korb an der Tafel prall gefüllt bekam und dann mit einem fetten Mercedes verschwand. Ihre Rundumblicke lassen den Verdacht aufkommen, dies sollte eigentlich niemand sehen...

"Und weil der Mensch ein Mensch ist...."

von fatalia

Wer verbietet eigentlich dem Landrat menschlich zu handeln?
Ist es das System?
Ist es die eigene nichthumanistische Erziehung?
Ist es das Fehlen jeder Moral und sozialer Intelligenz?

"Und weil der Landrat (k)ein Mensch ist"....

von fatalia

Antwort auf folgenden Beitrag von fatalia am 06.02.2012 11:01 Uhr

Es ist einfach zum Fremdschämen wie in Deutschland mit Menschen umgegangen wird. Wahrscheinlich sind die Flüchtlinge die letzten Menschen Deutschlands, denn Menschen können sich nicht solche Perversitäten ausdenken.

Es ist doch...

von TORRO

.. kein Geheimnis, dass ein Großteil der Asylbewerber sich wirtschaftlich verbessern will. Das war übrigens bei unseren Leuten, die die "Freiheit" gesucht haben genau so.
Fakt ist auch, dass die Leute, die bis hier her kommen, nicht die mit der größten Not und dem größten Verfolgungsdruck sind. Für eine Schleusung muss man immerhin einen Packen Dollar auf den Tisch legen. Also ist es doch legitim, wenn der hier gestellte Antrag geprüft wird und die Zeit der Prüfung dieses Antrages nicht zu einem 5-Sterne -Aufenthalt ausartet. Schikane muss allerdings auch nicht sein.

Reichtum verpflichtet

von Schwejk

Eine angemessene Wohnung, der volle ALG-II-Satz und menschenwürdige Behandlung sollten schon drin sein, schlielich füllen diese Menschen die Lücke, die die verwöhnten, vermehrungsunwlligen Deutschen hinterlassen. Das Land braucht Fachkräfte und Einzahler in die Sozialsysteme! Wir können es uns nicht leisten, Talente zu verschrecken. Und dabei ist vor allem Flexibilität und Anpassungswille bei der Bevölkerung des aufnehmenden Landes gefragt.

Wieviel Verheerung das Christentum, die westlichen Wirtschafts- und Kolonialmächte und insbesondere Deutschland als historische Erbsünde mit sich herummtragen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Uns geht es gut, weil es denen schlecht geht. Zeit zu teilen!

@ Schwejk - Was das Christentum angeht,

von AlterCottbuser

Antwort auf folgenden Beitrag von Schwejk am 06.02.2012 06:08 Uhr

so unterscheiden wir Christen uns von Ihnen schon darin, dass wir teilen und nicht abgeben (lassen). Und wir teilen mit denen, die es noch dringender brauchen, als Asylantragssteller, die ein Dach über dem Kopf und ausreichend zu Essen haben. Was tun Sie, Schwejk, eigentlich konkret? Oder ist bei Ihnen auch "die Politik gefragt", also schieben Sie Ihre Verantwortung als Mensch auf irgendwelche imaginären Begrifflichkeiten? Ich könnte mir gut vorstellen, dass Ihre konkrete Hilfe in dem konkreten Fall so aussehen könnte, dass Sie der jungen Dame ein Luxus-Handy und die entsprechenden Markenklamotten finanzieren, damit sie endlich so leben kann, wie alle deutschen Teenager. Viel Spaß bei der direkten Hilfe, Herr Schwejk. Die scheint ja nicht nur erwartet, sondern von Ihnen auch sicher geliefert zu werden.

Reichtum verpflichtet zu nichts

von HerrMeier

Antwort auf folgenden Beitrag von Schwejk am 06.02.2012 06:08 Uhr

Ich gehe mal davon aus, dass sie mit "Zeit zu teilen" das Geld anderer Leute welches umverteilt werden sollte meinen, und nicht Ihr Eigenes. Im Übrigen hält Sie ja nichts davon ab Ihr gesamtes Geld an wen auch immer zu spenden.

Selten soviel Maerchen

von kofferfisch

wie unter angeblichen Fluechtlingen.

Was würden wir tun? teil1

von castro

Leider wohnt dem Naturell des gemeinen Teutonen Mangel an Verständnis und grundloses Misstrauen inne. Mit jedem Ausländer wird nur all zu oft der Stereotyp des bettelnden und stehlenden Betrügers assoziiert.
Ist es jedoch nicht unsere humanistische Aufgabe von unserem Reichtum, den wir ja (mitunter) nicht selten der Ausbeutung und wirtschaftlichen Versklavung der 3. Welt verdanken (Bsp: billige Klamotten und Lebensmittel), etwas zurückzugeben?
Was passiert, wenn sich halb China oder halb Afrika überlegt, sie wollen nun auch in den Genuss des westlichen Reichtums kommen, und sich auf den Weg machen zu uns?

Sehr vernuenftige Frage

von kofferfisch

Antwort auf folgenden Beitrag von castro am 05.02.2012 21:29 Uhr

und schwierige Antwort. Muss man es ihnen leicht oder schwer machen?

Aber warum sie Betrueger sein sollen

von kofferfisch

Antwort auf folgenden Beitrag von kofferfisch am 06.02.2012 02:08 Uhr

ist nicht einzusehen? Ist es Neid? Warum? Schmarotzer waere etwas anderes. Aber arbeiten duerfen sie nicht. Und dass sie gerne in Deutschland sind und frei sind kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Vielleicht will man sie etwas entmuendigen. Sie sollen kein Bargeld zu beliebigen Zwecken ausgeben und dann womoeglich schon bald nichts mehr haben. Ein Betrug koennte eine Taeuschung ueber den Zweck der Verwendung sein, aber die Leute sind doch frei, oder? Darueber sollte es ausserdem Erfahrungswerte geben. Was sie mit dem Geld machen. Der Schwarzmarkt des schwarzen Mannes. Vielleicht will man eine bestimmte Subkultur verhindern aber warum sollte es die nicht geben? Welche Geschaefte profitieren denn vom gegenwartigen System? Follow the money...

Was würden wir tun? teil2

von castro

Antwort auf folgenden Beitrag von castro am 05.02.2012 21:29 Uhr

Beschämend für den Landkreis OSL, derartige Intoleranz und widerwärtiges Misstrauen hilfebedürftigen Menschen gegenüber walten zu lassen!
Was sagt eigentlich die Ausländerbeauftragte dazu? Darf sie eine eigene Meinung haben, oder muss sie die des Landrates teilen...???
Wir sollten aufhören so zu tun, als ob jeder Ausländer unser aller Ende bedeutet?
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir zufällig Glück hatten, hier geboren worden zu sein!
Was würdest DU tun? Etwa nicht dein Glück versuchen, damit es deine Kinder besser haben?

Mit Widerlich ist es auch nicht getan

von kofferfisch

Antwort auf folgenden Beitrag von castro am 05.02.2012 21:31 Uhr

Es sind schwierige Entscheidungen und menschlich ist jede. Wer Fluechtling ist ist Fluechtling und wer keiner ist ist keiner.

Ja liebe LR, dann hinterfragt doch mal beim Landrat ...

von kc24

... warum man hier im OSL-Kreis noch so verfährt!

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