07. Februar 2012, 00:00 Uhr

Flüchtlinge in Sedlitz fragen: „Warum wird uns im Kreis das Leben schwer gemacht?“

Manchmal möchte Blessing unsichtbar sein

Sedlitz Sie sind aus Nigeria, Kamerun, Libanon, Irak, Iran, Tschetschenien oder der Türkei gekommen. In jüngster Zeit auch wieder aus Syrien und Afghanistan. Meist ist es die Angst vor Unruhen oder Verfolgung, die sie aus der Heimat getrieben hat. In der Fremde suchen sie Schutz und Hilfe. Statt Wärme oder Verständnis finden sie aber oft Ablehnung und Misstrauen

Einkauf mit Hindernissen. Die Asylbewerber müssen mit Gutscheinen ihre Lebensmittel einkaufen. Aber nur zwei Märkte in Senftenberg nehmen Gutscheine an, bei Rückgeld wird es oft schwierig. Der Flüchtlingsrat Brandenburg hat den Landkreis Oberspreewald-Lausitz aufgefordert, wie andere Kreise auch, nur noch Bargeld auszuhändigen. Foto: Steffen Rasche Foto: Steffen Rasche
Blessing will nicht mit ihrer Mutter zum Einkauf gehen. „Mir ist das unangenehm“, sagt die 16-Jährige. Vor allem, wenn die Mutter an der Kasse mit Gutscheinen statt Geld bezahlt. Dann richten sich, so fühlt es Blessing, alle Augen aus der langen Schlange hinter ihr auf sie, und sie möchte am liebsten unsichtbar sein. Ist sie aber nicht.

Im Gegenteil. Blessing fällt besonders auf. Sie ist schwarz. Sie ist eine von 90 Flüchtlingen, darunter 25 Kindern, die zurzeit im Übergangswohnheim des Oberspreewald-Lausitz-Kreises in Sedlitz leben. Der „Übergang“ dauert für sie schon ihre ganze Teenagerzeit an. Blessing war zwölf, als sie mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern aus Nigeria nach Deutschland gekommen ist. Zuerst lebte die Familie im Bahnsdorfer, seit dessen Schließung im Sedlitzer Wohnheim. Sechs Quadratmeter stehen ihr zu. Küche und andere Räume teilen die Bewohner miteinander.

Vor Unruhen weggelaufen

Der Gemeinschaftsraum ist karg und wenig gemütlich. Eine Schrankwand mit dem morbiden Charme vergangener Zeiten wirkt verloren im großen Raum, in dem sich am Abend große und kleine Bewohner versammeln. Ganz selbstverständlich spielen die Kinder verschiedener Nationen miteinander. Da versucht sich die vierjährige Su Li aus Vietnam zwischen den Dreirad fahrenden Jungen aus der Türkei und Tschetschenien zu behaupten.

Und der zehnjährige Mahmud aus dem Libanon beruhigt das Baby einer Afrikanerin. „Es ist völlig egal, wie wir aussehen, wir sind alle Menschen“, sagt Mahmud ernst. Es ist seine erste große Lebensweisheit. Er ist mit seiner Mutter und drei Geschwistern vor den andauernden Unruhen im Land weggelaufen. Gemeinsam warten sie nun, dass der Vater in den nächsten Tagen den Weg nach Deutschland schafft. So lange hilft Mahmud der Mutter, den schwierigen Alltag im fremden Land zu bewältigen. Denn allein und unter diesen Lebensumständen für vier Kinder zu sorgen, ist für die Mutter nicht leicht. Auch ihr Deutsch ist noch nicht so gut wie das ihrer Kinder. Offizielle Deutsch-Kurse gibt es im Wohnheim nicht mehr. Selbst können sich die Bewohner den Unterricht nicht leisten.

Ein Drittel weniger

Den Lebensunterhalt der Asylbewerber und Flüchtlingen regelt das Asylbewerberleistungsgesetz. Sie bekommen ein drittel weniger als Hartz IV-Empfänger. Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis wird diese Leistung vor allem in Einkaufsgutscheinen ausgegeben. Nur 40 Euro pro Erwachsenem gibt es in bar. Wenn am Monatsanfang Gutscheine für den Lebensunterhalt ausgegeben werden, ist Großeinkauf .

Dazu müssen die Mütter mit Zug und Bus nach Senftenberg fahren – und mit schweren Lebensmitteltaschen zurück. „Aber nur zwei Märkte für Nahrungsmittel und einer für Kleidung nehmen die Gutscheine an“, berichtet Fatma, eine junge Türkin mit drei kleinen Kindern. Sie hat ihr Land verlassen, weil sich ihr Mann als Kurde bedroht sah. Fatma wirkt erschöpft. „Warum wird uns das Leben so schwer gemacht?“, fragt sie traurig. In den Nachbarlandkreisen gibt es längst keine Gutscheine mehr. Fatma träumt wie ihre tschetschenische Nachbarin Creda davon, mit ihrer Familie in einer richtigen Wohnung leben zu können. „Mit Küche und Bad nur für uns.“ Statt dessen ist sie seit Jahren im Wohnheim. Die Entscheidungen über den Status der Asylsuchenden und Flüchtlinge dauern meist lange. Auch bei Blessing. Sie will weg aus dem Wohnheim. Die große Stadt lockt. Die 16-Jährige will leben wie andere Teenager auch.

 

Zum Thema:
Nach Artikel 16a des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland genießen politisch Verfolgte Asyl. Das Asylrecht dient dem Schutz der Menschenwürde. Allgemeine Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege, Naturkatastrophen oder Perspektivlosigkeit sind keine Asylgründe. Die Asylbewerber werden nach einem besonderen Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Nach Brandenburg kommen 2012 lediglich 3,1 Prozent der einreisenden Asylsuchenden. Hauptherkunftsländer waren 2011 Afghanistan, Irak, Serbien, Iran, Syrien und Pakistan. 2011 sind 45 741 Erstanträge auf Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entgegengenommen worden, dazu kommen 7606 Folgeanträge. Im Jahr 2010 ist lediglich jeder fünfte Antrag bewilligt worden.
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Erstellt am: 07. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Februar 2012, 08:48 Uhr
Autor: Von Heidrun Seidel

Von Heidrun Seidel

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