10. Februar 2012, 00:00 Uhr

Aus der Industrie eine Kulturlandschaft machen

Kampf gegen Verfall und Abriss: Inwertsetzung von historischen Industrieobjekten in Lübbenau wird gelobt

Lübbenau Einen Exkurs in die Zukunft haben am Mittwochabend über 40 Interessierte im Lübbenauer Kulturzentrum Gleis 3 gewagt. Professor Dr. Günter Bayerl von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus referierte zum Thema Industriekultur Niederlausitz. In der Diskussion wurden Vorschläge für die „umgewälzte“ Kulturlandschaft eingebracht.

Der Vortrag über die Industriekultur in der Region ist hefigt diskutiert worden. Unter anderem von Mandy Vogt aus Vetschau, Prof. Dr. Günter Bayerl von der BTU Cottbus, Hans Stolze aus Lübbenau und Dr. Jürgen Othmer (v.l.), Projektleiter der Lübbenaubrücke. Foto: Bernd Marx/bdx1
Es gibt wenige Regionen in Deutschland, die diesen kolossalen geografischen, kulturhistorischen und ökologischen Wandel in den letzten Jahrzehnten, wie in der Niederlausitz, durchleben mussten. Dutzende Dörfer wurden weggebaggert und Tausende Hektar Land-, Forst- und Wasserflächen verschwanden, um an die Braunkohle im Tagebaubetrieb zu gelangen. Allein im Fördergebiet rund um Lübbenau hat es von 1963 bis 1989 18 Ortschaften betroffen, die für immer von der Landkarte getilgt wurden.

Strukturwandel, Stadtumbau und der Rückbau von industriellen Infrastrukturen haben deutliche Spuren in der Landschaft zwischen Lübbenau und Lauchhammer, Calau und Senftenberg hinterlassen. Aus dem Cottbuser Dieselkraftwerk wurde ein viel beachtetes Kunstmuseum und aus der weltgrößten Förderbrücke F 60 in Lichterfeld ein Kulturobjekt, welches bestiegen werden kann. Zu einem Besuchermagnet wurde die Gartenstadt Marga in Brieske und die Internationale Bauausstellung (IBA) stellte zahlreiche kulturelle „Leuchttürme“, darunter auch die Biotürme von Lauchhammer, ins Blickfeld des Interesses.

Auch die Erfolge nach der großräumigen Umweltsanierung und umfassenden Rekultivierung sind für die Bevölkerung und die Touristen sichtbar. Aus ehemaligem Kippengelände, von „Mondlandschaften“ war einst die Rede, wurden rekultivierte Acker- und Waldflächen. Die Restlöcher sind heute attraktive Badeseen und Tummelplätze für viele Wassersportler.

Lausitzer Seenplatte bringt Geld Die Lausitzer Seenplatte wird immer stärker zum „Alleinstellungsmerkmal“ in der Region. Mittlerweile besuchen jährlich über eine Million Touristen die neu gestalteten Sehenswürdigkeiten und bringen Geld in die Ortskassen. „Die Akzeptanz der Bevölkerung vor der Industriekultur hat zugenommen und bietet den kommenden Generationen noch viele neue Chancen“, sagte Prof. Dr. Günter Bayerl (65), der seit 1994 den Lehrstuhl Technikgeschichte an der BTU in Cottbus leitet.

Diese Aussagen waren für den Bauexperten Peter Brandt Anlass, auf die industriekulturelle Entwicklung in den letzten Jahren in der Spreewaldstadt hinzuweisen: „Aus alten Werkstätten eines ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerkes wurden attraktive Kulturobjekte und moderne Veranstaltungsräume“, sagte der Mitarbeiter der Lübbenauer Stadtverwaltung.

Kopfnicken beim Referenten aus Cottbus, der meinte: „ Es gilt die agrokulturellen Traditionen, die spezifische niedersorbische Kultur und die industriekulturellen Strukturen noch effektiver für die Umgestaltung in zukunftsfähige Branchenstrukturen einzusetzen“.

Kleinteilige Elemente verbinden So sollten die kleinteiligen Landschaftselemente in der Spreewaldregion, wie Alleen, Teiche und Landarbeiterhäuser mit historischen Werksanlagen, Manufakturbauten und Kleinbetrieben für die Tourismusbranche verbunden werden. „Ich könnte mir vorstellen, dass es diese Möglichkeiten in unserer Region zuhauf gibt“, ist sich Mandy Vogt (26), Kommunikationswissenschaftlerin aus Vetschau, sicher.

„Leider wird immer schnell ein altes Objekt abgerissen, ohne an die Erhaltung zu denken“, sagte der 35-jährige Michael Hensel vom örtlichen Projektbüro Lübbenaubrücke. Ohne finanzielle Unterstützung würde es bei der Umsetzung nicht gehen. Doch daran liege es oft nicht allein.

„Eine bessere Koordinierung aller Verantwortlichen im Tourismussektor würde so manchen Fortschritt bringen und Erfolg möglich machen“, ist sich der ehemalige Archäologe Hans Stolze (73) aus Lübbenau sicher.

Die Diskussion hat verdeutlicht, dass es noch viele Reserven bei der Schaffung und Erhaltung einer regionalen Industriekultur gibt. Entscheidungen sollten aber bald fallen, bevor die historischen Objekte weiter verfallen und Opfer der Abrissbirne werden.
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Erstellt am: 10. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 14. Februar 2012, 12:55 Uhr
Autor: Von Bernd Marx

Von Bernd Marx

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