14. März 2009, 00:00 Uhr

Von einem der auszog, das zu werden was er war

Der Künstler Dietrich Lusici ist wieder im Spreewald angekommen

Blauer Schal und Filzstiefel: So ist Dietrich Lusici bekannt. Der Schal ist blau, wie die Farbe vieler seiner Figuren, die Filzstiefel sind einfach nur praktisch. Denn jeden Morgen fährt er bei jedem Wetter mit dem Rad eine Stunde über den Barzlin in den Spreewald. Er ist angekommen in seiner alten Heimat, die ihn so geprägt hat. Und hier hat er auch seinen Förderer gefunden – den Lübbenauer Geschäftsmann Eberhard Perschk. Gemeinsam werden die beiden am heutigen Samstag auf der Buchmesse in Leipzig den Bildband „Künstler & Mäzen – Ich wurde was ich war“ vorstellen.

Es sind die Ursprünge, die wesentlichen Dinge, auf die sich jedes Leben reduzieren, ja abstrahieren, lässt – es ist die Sicht- und Malweise des Künstlers Dietrich Lusici, genährt durch das Alleinsein mit der Natur jeden Morgen aufs Neue: „Ich will nach wie vor das Leben spüren, es immer noch begreifen. Meine Kunst scheint mir dabei das einzig ordnende Mittel zu sein.“

Nichts deutet in den Kriegs- und Nachkriegsjahren darauf hin, dass Dietrich das Malen und die Künste in die Wiege gelegt wurden. Im Gegenteil: In den Jahren, in denen es ums wirtschaftliche Überleben ging, war die Beschäftigung mit Musen aller Art reine Zeitverschwendung. „Der bäuerlichen Wirtschaft in Ragow mussten sich alle unterordnen, jeder musste seinen Teil beitragen, anders hätten wir wohl nicht überleben können“, so der verständigere Dietrich später.

In den wenigen Stunden knapper Freizeit malte er. Die Vorlagen holte er sich aus der Natur und von den Menschen, er war ein „Feld-, Wald- und Wiesengänger, ein Einzelgänger“ wie er sich beschreibt.

Lehrer erkennt Talent

Dietrich erlebte die kleine Dorfschule in ihren Vorzügen, denn die Lehrer unterrichteten in mehreren Fächern und konnten so Zusammenhänge viel besser vermitteln: „Meinen Lehrer Günter Schulz habe ich sehr geschätzt. Er erkannte, lange vor mir, mein Talent und fuhr mit uns in die Gemäldegalerie nach Dresden. Ich erinnere mich noch heute an das atemberaubende Erlebnis mit der ,Sixtinischen Madonna' – so bedeutend wollte ich auch malen können. Von nun an war ich noch mehr besessen. Ich wollte nur noch malen, malen, malen . . . Darüber habe ich vieles geopfert.“

Zu seinen frühesten Werkgruppen zählen die „Lausitzer Mädchen“, die ihn in künstlerischer aber auch menschlicher Hinsicht in den Bann zogen: „Ich malte meine Verliebtheit und meine Pubertät in diese Figuren, meine ganze Jungen-Philosophie steckt in diesen Werken.“ Je nach Stimmung malte er, oft reduziert auf das Wesentliche, meist in einfachen Linien. „Ich schaffe keine denkfaulen Bilder für mich. Auch für keinen anderen. Wenn ich male, ist es ein Prozess an dessen Ende etwas steht, das ich vorher noch nicht kenne. Ich überlasse es aber auch nicht dem Zufall, ich interpretiere Natur.“

Solide Berufsausbildung

Aber erst mal war eine solide Berufsausbildung angesagt, dass hatte wohl die Familie noch durchsetzen können. „Diese Ausbildung als Dekorationsmaler hat mir viel technisches Rüstzeug gegeben, ohne diese Lehrjahre wäre mir später vieles schwerer gefallen.“

Dietrich Lusici machte in dieser Zeit Bekanntschaft mit dem „Stockträger von Lübbenau“, der stets korrekt gekleidet war einen bunt bemalten Stock nicht zum Gehen benutzte, sondern ihn in den Händen haltend vor sich hertrug. „Wie sah dieser Mensch eigentlich die Welt?“ Stand diese nicht für ihn auf dem Kopf? In diesem frühen Werk sind die ersten Hinweise auf seine spätere „Anti-Zahlenwelt“ bereits zu erkennen.

Lusici malte, was er für richtig hielt – ohne Kompromisse. Dies trug ihm später viel Ärger ein. So viel, dass eine „Scheidung von dem Staat, der mich nicht gewähren ließ anstand. Einem Staat, der meine Kunst nicht beachtet, werde ich auch keine Beachtung entgegen bringen.“ Dietrich Lusici siedelte im Jahr 1986 in den Westteil Berlins über. In Ostberlin war er von 1977 bis 1979 Meisterschüler an der Akademie der Künste bei Professor Werner Klemke.

Die politische Wende war ein Segen, er und die Familie konnten aus dem ummauerten Berlin endlich wieder reisen wohin sie wollten. In seinem Bild „Mauerfall“, auch im Lübbenauer Museum zu sehen, zeigt er eine aufstrebende Engelsfigur, des „Engels für Berlin“, die schwärzliche Welt verlassend. Durch glückliche Fügungen und weniger glückliche, wie die Mietpreisverdopplung für das Atelier in boomender Westberliner Citylage, konnte und wollte die Familie wieder zurück in den Spreewald. Ehefrau Angela, eine Norddeutsche eigentlich, hat sich schnell eingelebt. Als Künstlerin mit pädagogischer Ausbildung unterhält sie inzwischen ein eigenes Atelier für Malerei und Bildhauerei zur Förderung von Kindern. Dietrich Lusici hat sehr schnell in seiner alten Heimat Fuß gefasst: Für das Paul-Gerhardt-Gymnasium in Lübben entstand in den Neunzigern die Skulptur mit den zwei Buchseiten, dem evangelischen Kindergarten in Lübbenau sponserte er Kunstwerke für den Lichthof und bedankte sich auf diese Weise bei Pfarrer Gottfried Vetter, den er schon seit den 60er-Jahren kannte.

Viel hat er noch vor, der Künstler Lusici, der immer noch nicht am Ziel angekommen ist, aber nun wenigstens die Ernte aus vier Jahrzehnten Lebenswerk einfahren kann. Er ist bodenständig geblieben, der Natur auf ewig verbunden, in seinen Werken ebenso wie in seinem Leben. In seiner Zerkwitzer Künstleranlage watscheln zwischen den Skulpturen die Laufenten, die beliebten Schneckenvernichter, die Hühner liefern frische Eier und die Kaninchen das Fleisch – fast so wie in Kindertagen. Irgendwie ist er wohl aber doch angekommen, hat zu seinen Wurzeln gefunden und gibt bescheiden preis: „Ich wurde was ich war – ein Maler nur.“

Dietrich Lusici: Wasser ist Leben.
Mit Schal und Filzstiefeln im Atelier.
Extras zum Artikel
Schlagworte zum Artikel:
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:

Erstellt am: 14. März 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 14. März 2009, 01:43 Uhr
Autor: Von Peter Becker

Von Peter Becker

Jüngste Kommentare

Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden
Kommentar hinzufügen

Noch kein Passwort? Hier registrieren