27. Juli 2011, 00:00 Uhr

Mit Polymere sanft über die Wellen des Spreewaldes schaukeln

Seit 35 Jahren fährt ein Kunststoffkahn durch die Fließe

Lübbenau Man muss schon genau hinsehen, um den Kahn von den anderen tausend Wasserfahrzeugen unterscheiden zu können. In der Spreewaldstadt fährt ein Kahn über das Wasser, der nicht aus Holz, Stahl oder Aluminium hergestellt wurde.

Manfred, Arwed und Renate Franke stellten im Jahre 1976 einen typischen Spreewaldkahn aus Kunststoff her.

Neugier, Fachwissen und Tatendrang prägen das Arbeits- und Freizeitleben der Frankes aus Lübbenau. Vor 35 Jahren wagte sich das Trio an ein spektakuläres Projekt, das selbst die Fachleute kaum für durchführbar hielten. In 2000 Stunden Arbeitszeit stellten sie einen 9,67 Meter langen, 1,92 Meter breiten und 440 Kilogramm schweren Kunststoffkahn her.

„Mein Bruder Manfred baute die ersten Paddelboote aus Kunststoff in der DDR und hatte dadurch auch das Fachwissen für den Kahnbau“, so der heute 69-jährige Arwed Franke, der damals im Kraftwerk Lübbenau als Elektromonteur arbeitete und nebenberuflich Fährmann war.

Als 1972 die ersten Kähne aus Aluminium gefertigt wurden, wurde auch bei Arwed Franke der Wunsch nach einem neuen Wasserfahrzeug wach. Doch die damalige Aluminium-Legierung war gegen das Spreewasser nicht resistent, sodass Schutzanstriche notwendig wurden. So entschloss sich die Familie Franke, einen Kahn aus Polymere, einem Kunstharz, herzustellen. Die Form wurde von einem traditionellen Holzkahn abgenommen. „Viele Kahnfährleute hielten den Werkstoff Kunststoff damals für ungeeignet, doch wir hatten uns das notwendige Fachwissen durch Lehrgänge erworben“, so Manfred Franke (72).

Die umfangreichen Klebearbeiten wurden wegen der kühleren Außentemperaturen immer nachts durchgeführt. Heizlüfter hielten die Temperaturen konstant, um das korrekte Aushärten zu garantieren. „Meine Frau Renate hat großes Geschick beim Anfertigen der notwendigen Kahnbänke bewiesen“, erklärte Arwed Franke. Heute sind diese blauen Sitzgelegenheiten die einzigen sichtbaren Anzeichen, dass Kunststoff verwendet wurde. Der schwarze Kahn aus Kunststoff ist von einem Holzkahn kaum zu unterscheiden.

„Der Kahn hat bei der Probefahrt sehr gute Funktionswerte nachgewiesen“, so steht es im Prüfprotokoll des Amtes für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung beim Ministerrat der DDR. Seither fährt der Kunststoffkahn über die Fließe des Spreewaldes.

1994 versuchte ein Unternehmen aus Flensburg, in Polen hergestellte Kunststoffkähne im Spreewald einzusetzen. Doch die Probefahrten entsprachen nicht den Erwartungen – anders als das Gefährt, das Arwed Franke seit nunmehr 35 Jahren für die gemütlichen Touren fertig macht. Im schwarzen Kunststoffkahn mit den blauen Bänken fährt er seine Gäste über das verzweigte Netz der Fließe.
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Erstellt am: 27. Juli 2011, 00:00 Uhr
Geändert am: 27. Juli 2011, 11:50 Uhr
Autor: Bernd Marx

Bernd Marx

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