08. Mai 2010, 00:00 Uhr

Gudrun Petrick und Thomas Reese von der Firma Windsale im RUNDSCHAU-Interview

Gudrun Petrick und Thomas Reese von der Firma Windsale im RUNDSCHAU-Interview

Lübben Ist Windkraft ein Segen für die Energiegewinnung der Zukunft? Oder ein Fluch für die ländliche Bevölkerung? Gudrun Petrick und Thomas Reese sehen eher das Gute an den Windrädern. Die Investoren kennen aber auch die Gegenargumente bis hin zur Schmähkritik. Im RUNDSCHAU-Interview plädieren sie für einen fairen Umgang miteinander und beurteilen manches im Windradbau ganz pragmatisch.

Die Abstandsflächen von Windrädern zu Bebauungen und Horsten geschützter Vögel werden immer wieder diskutiert. Welche Position vertreten Sie?

Gudrun Petrick: Diese Abstandsflächen kategorisch festzulegen, ist nicht immer im Interesse der Tiere. Nehmen wir den Drei-Kilometer-Radius um einen Schwarzstorch-Horst als Beispiel. Dabei müssen wir einbeziehen, wie der Lebensraum des Vogels aussieht. Ein Schwarzstorch fliegt von seinem Horst in seichte Gewässer, um Nahrung für seine Jungen zu finden. Also sollte dieser Weg möglichst nicht durch ein Windrad verstellt sein. Oder nehmen wir einen Fischadler. Er fliegt vom Horst ins offene Gewässer. Wenn er mehrere Jungen zu füttern hat, geht ein Fischadler nicht in der Gegend „bummeln“. Das heißt, dort, wo er sowieso nicht hinfliegt, kann ein Windrad prinzipiell auch näher am Horst stehen, ohne die Tiere zu stören.

Thomas Reese: Andersherum wäre es verantwortungslos, ein Windrad 3500 Meter entfernt vom Horst eines Schwarzstorchs aufzustellen, wenn direkt dahinter der Teich ist, den er zur Nahrungssuche anfliegt.

Immer wieder fliegen Vögel in Rotorblätter der Windräder, werden getötet oder verletzen sich schwer. Ist das für Sie, Frau Petrick, als Diplom-Biologin nicht schwer zu ertragen?

Gudrun Petrick: Diese Vorurteile lassen sich auf keinen Fall bestätigen. Wissenschaftlich anerkannt ist, dass es kein besonderes Tötungsrisiko gibt, eher eine Scheuchwirkung.

Thomas Reese: In dem Zusammenhang ist es positiv, dass die Windräder immer größer werden, die Nabenhöhen wachsen. Denn das vergrößert den Abstand zu den Vögeln und den Fledermäusen.

Gudrun Petrick: Fledermäuse bewegen sich maximal 60 Meter über den Baumwipfeln. In der Höhe, in der sich die Rotorblätter der neuen Anlagen drehen, ist es ihnen ungemütlich. Das ist nicht ihr Lebensraum. Zusammenstöße mit den Fledermäusen sind bei den neuen Anlagen eher ein theoretischer Konflikt. Bei den älteren ist die Gefahr größer.

Thomas Reese: Außerdem drehen sich die Rotorblätter heute viel langsamer, etwa 14 bis 18-mal pro Minute. Das wirkt auf Menschen und Tiere angenehmer.

Gudrun Petrick: Gerade was die Fledermäuse angeht, haben wir als Ausgleichsmaßnahmen im vergangenen Jahr etwa 55 Nistkästen aufgehängt, und es kommen noch mehr dazu. Denn in den brandenburgischen Kiefernwäldern gibt es kaum noch Altholz, das die Fledermäuse als Brutstätten nutzen könnten. Unsere Kästen werden angenommen. Es gibt inzwischen mehr Fledermäuse als vorher.

Was ist aus Ihrer Sicht die Lösung?

Gudrun Petrick: Grundsätzlich muss ich mich fragen: Wenn wir künftig 1500 Meter Abstand zu den Siedlungen halten, dabei die Eignungsflächen für Windenergie nach Landeswillen vergrößern – dann haben wir immer den Zwiespalt, ob es den Anwohnern lieber ist, dass die Tiere die Opfer bringen oder die Menschen. Sicher, wir können in den Wald ausweichen, um dann aber das Argument zu hören, dass dort die Fledermäuse angeblich gehäckselt werden. Wir gehen in den Wald, um von den Menschen weiter abzurücken. Ja was denn nun? Wir würden zum Beispiel gern 80 bis 100 Anlagen in die Lieberoser Heide stellen. Diese Gebiete sind aber teilweise als Europäisches Vogelschutzgebiet nach Brüssel gemeldet worden.

Immer wieder heißt es, Investoren würden Landbesitzer kaufen, indem sie für deren Flächen sehr viel Geld zahlen. Die Rede ist teilweise von 40 000 Euro pro Jahr. Das ist deutlich mehr als ein Brutto-Durchschnittsverdienst in Brandenburg.

Gudrun Petrick: Diese Zahl habe ich auch gehört. Wir zahlen deutlich weniger. Wir setzen auf die Flächenpacht und auch darauf, dass möglichst alle, die auf den Eignungsflächen Land haben, eine Vergütung bekommen. Beim Windpark Waldow beispielsweise war es so, dass von den rund 110 Flächeneigentümern etwa 95 Waldower waren. Wir könnten nie solche Beträge bezahlen, weil wir hier nicht an der Nordsee sind, sondern in Brandenburg, wo weniger Wind weht. Und das, was die Flächeneigentümer bekommen, richtet sich auch danach, wie viel Leistung die Anlage auf ihrem Grund und Boden bringt.

Thomas Reese: Wir machen uns viele Gedanken um Fairness und betrachten es als unfair, die gesamte Arbeit der Planungsbüros auf Gewinn-Macherei zu reduzieren. Erneuerbare Energien sind sowohl lokal als auch international eine Lösung für die Energieprobleme, und wir arbeiten daran.

Wer kommt dafür auf, wenn Anlagen abgebaut werden?

Thomas Reese: Jeder Flächeneigentümer bekommt eine Rückbaubürgschaft, noch ehe wir anfangen zu bauen. Das verlangt die Genehmigungsbehörde. Und die 400 Tonnen beschichteten Stahls mit Kupferteilen sind schließlich wiederverwertbar. In einer Woche wäre alles vom Acker verschwunden.

Viele Menschen fühlen sich von den Windrädern gestört, vom Schattenwurf, der Veränderung der Landschaft. Vor allem sind sie gegen große Windparks mit mehr als 100 Rädern. Sie bauen rund 30 Anlagen zwischen Biebersdorf, Radensdorf und Briesensee. Wie stehen Sie dazu?

Gudrun Petrick: Ganz viel ist dabei gefühlt. Und wenn die Leute sich belästigt fühlen, dann ist das so, auch wenn die Anlagen genehmigungsfähig sind.

Thomas Reese: Besonders zu beachten sind die Schattenwürfe vor allem im Frühjahr und im Herbst, dann, wenn die Sonne tief steht. Maximal 30 Minuten am Tag bei maximal 30 Stunden im Jahr darf der Schatten laut Gesetz durch ein Fenster fallen, wenn es mehr ist, wird die Anlage abgeschaltet.

Machen Sie die Berechnungen selbst?

Gudrun Petrick: Unter anderem. Es gibt dazu ein anerkanntes Computerprogramm, das die Behörden auch benutzen. Wenn ich mir aber vorstelle, ich vergleiche Windräder mit einer Atomkraftanlage, um Energie zu erzeugen, dann weiß ich: Das Windrad tut mir nichts. In 1000 Metern Entfernung könnte auch ein Kindergarten stehen.

Gibt es denn technische Neuerungen, die den Einfluss von Windrädern verringern?

Thomas Reese: Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass die Beleuchtung der Anlagen synchronisiert wird, so wie es vielerorts schon geschehen ist. An einem der zentralen Windräder in Briesensee gibt es zudem ein Sichtweitenmessgerät. Es misst, wie klar die Luft ist und wie stark die Leuchten entsprechend gedimmt werden können. Die Lichter können auf bis zu zehn Prozent der ursprünglichen Leuchtkraft zurückgehen, wenn die Sichtverhältnisse es erlauben. Zukunftsmusik ist, sie über einen Transponder anzusteuern, wie es heute in jedem Flugzeug vorgeschrieben ist. So würden die Lichter nur dann eingeschaltet, wenn sie gebraucht werden. So ein Gesetz ist auch für Deutschland in Erarbeitung.

Sie sind also die Guten?

Gudrun Petrick: Wir kommen uns manchmal schon ungerecht behandelt vor. Da sind fünf Leute gegen Windkraftanlagen an ihrem Ort, aber die meisten sind positiv eingestellt oder aufgeschlossen. Zum Beispiel in Briesensee. Nicht nur, dass wir dort den Windpark mit einem Fest eröffnet haben. Dabei haben einige sogar Interesse angemeldet, mit uns gemeinsam Energiegewinnung durch Photovoltaik umzusetzen.

Nun sind noch fünf Anlagen bei Radensdorf im Gespräch, östlich des Windparks Briesensee. Wie ist da die Stimmung?

Gudrun Petrick: Ein Großteil der Radensdorfer ist dafür, andere sind dagegen. Die Lübbener Stadtverordneten sind nicht gerade begeistert. Und eins ist klar: Wir werden hier nicht in Raubrittermentalität daherkommen, wie man uns unterstellt, sondern suchen Lösungen im Interesse des Gemeinwohls.

Mit GUDRUN PETRICK und THOMAS REESE

sprach Ingvil Schirling
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Erstellt am: 08. Mai 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 08. Mai 2010, 13:38 Uhr
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