Visite beim Puppendoktor
Wenn die «Mama-Stimme» einer Puppe defekt ist, dann heißt das bei Dr. med. pup. Geier: «Die Puppe hat Stimmprobleme.» Leistenprobleme sind zu beklagen, wenn das Gummiband zwischen den Beinen ausgeleiert ist und Blinddarmbeschwerden haben die kleinen Damen, sobald das Material am Bauch brüchig wird. Mit 10 000 Augen, 400 Perücken, 200 Köpfen, unzähligen Beinchen und Ärmchen ist der 67-jährige Puppendoktor aus Bamberg ins Lausitz-Center gekommen, um die Puppen und Teddys der Hoyerswerdaer zu heilen.
Die Behandlung beginnt prompt. Das spröde Material am Kopf stabilisiert Günter Geier mit einem weißen Gewebeband. Darauf schmiert er eine flüssige orangene Masse. «Die Puppe ist 70 Jahre alt. Sie stammt von der Schildkröt-Puppenfabrik» , erzählt er. Damit das antike Stück seine einstige Schönheit wiederbekommt, behandelt der Puppendoktor die Wunde mit Schnörkelpapier und pinselt anschließend Farbe über die Narbe.
Von den Einnahmen aus seiner mobilen Puppenpraxis könne er sein Leben finanzieren, sagt er. «Ich lebe jetzt schon 43 Jahre davon. Zum reich werden ist das nicht genug. Wenn ich Frauenarzt geworden wäre, hätte ich sicher schon einen Mercedes und eine Villa.» Aber das wolle er gar nicht, betont Günter Geier. Denn zu sehr hänge er an den Geschichten, die mit seinen Patienten verbunden sind. «90 Prozent meiner Kunden sind ältere Leute. Sie erzählen mir viel über ihre Puppen. Für viele waren sie das einzige, was sie als Kinder auf der Flucht im Krieg mitnehmen konnten» , sagt der 67-Jährige.
Der nächste Patient heißt Sabine. Diesen Namen hat Edith Becker aus Hoyerswerda ihrer Puppe gegeben, als sie sie vor 40 Jahren von ihrem Mann geschenkt bekommen hat. Die Puppe sei ihr beim Reinemachen in ihrer Wohnung runtergefallen, erzählt die 74-Jährige. Jetzt ist der Oberkörper der Puppe verletzt.
Für diesen schwierigen Eingriff müsse Sabine zuerst in das Wartezimmer, sagt der Puppendoktor. Vor seinem mit Werkzeugen, Bindfäden und Kleidern belegten Tisch hat sich eine Warteschlange gebildet. Edith Becker bekommt einen grünen Zettel mit einer Nummer darauf und Günter Geier legt Sabine sorgfältig neben 15 andere Patienten, die ihre Besitzer aus Hoyerswerda und Umgebung zur Heilung bei ihm abgegeben haben. «Wenn es der Puppe wieder gut geht, dann fühle ich mich besser» , sagt Edith Becker mit strahlenden Augen. Insgesamt habe sie 15 Puppen, die zum größten Teil auf der Lehne ihrer Couch säßen.
Die Liebe zu seinen Patienten bestehe seit dem Kindesalter: «Ich habe fünf Schwestern, die alle mit Puppen gespielt haben» , sagt Günter Geier.
Noch bis Weihnachten dieses Jahres wolle er mit seinem Puppendoktor-Mobil bis nach Wien und Hamburg reisen. Anfang des kommenden Jahres werde er in Rente gehen und seine Nachfolgerin Michaela Schimak die mobile Praxis übernehmen, erzählt er. Ein Jahr habe sie bei ihm das Handwerk erlernt. «Leider konnte sie nicht nach Hoyerswerda mitkommen. Sie ist Turnierreiterin und muss sich um ihr krankes Pferd kümmern. Aber im nächsten Jahr wird sie an meiner Stelle in Hoyerswerda sein.»
Er selbst sei im Jahr 1964 in einer Puppenklinik bei Mönchengladbach zum Dr. med. pup., wie er sich selber bezeichnet, ausgebildet worden, sagt Günter Geier. Damals habe er dem Meister neun Monate lang über die Schulter gesehen. «Doch die Klinik existiert schon lange nicht mehr. Und Puppendoktoren sind mittlerweile auch selten» , beklagt er.
In Hoyerswerda ist Günter Geier zum siebenten Mal zu Gast. Er komme immer wieder gern. Die starke emotionale Verbundenheit der Menschen mit ihren Puppen sei hier und anderswo in Ostdeutschland noch etwas Besonderes. «Die Menschen gehen viel warmherziger mit ihren Puppen um. Im Westen geben sie sie nur in einer Plastiktüte ab» , erzählt er.
Zu Hoyerswerda hat er auch eine ganz persönliche Bindung. Vor der Wende habe er von seinen Verwandten Annoncen in der Stadt schalten lassen, um alte Puppen aufzukaufen. «Auf eine dieser Anzeigen hat sich meine jetzige Frau gemeldet. Sie wollte keine Puppen verkaufen, sondern sich einfach so mit mir treffen, da sie auch eine Puppenliebhaberin ist.»
| Hintergrund Günter Geier |
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 09. Mai 2007, 00:00 Uhr
Geändert am: 14. Mai 2007, 02:36 Uhr
Autor: Von Christian Mathea

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