Jeder Schulden-Fall ist ein Schicksal
Schuldnerberater haben derzeit Hochkonjunktur, auch Antje Radusch in Hoyerswerda
Hoyerswerda Natürlich kennt Antje Radusch den Mittfünfziger, der aussieht wie ein Finanzbeamter, eine typische Berliner Schnauze hat, und mittlerweile zu einer Fernseh-Kultfigur geworden ist. Beim Privatsender RTL besucht Peter Zwegat in seiner wöchentlichen Doku-Soap „Raus aus den Schulden“ Familien, um deren Schuldenberge zum Schmelzen zu bringen.
Einige wenige Gemeinsamkeiten gebe es aber schon, so Radusch weiter. Wer sie aufsucht, muss auch erst mal die Karten auf den Tisch legen, es werden die Einnahmen den Ausgaben gegenübergestellt. Hilfreich bei diesem Job sei es sicherlich, wenn man sich in die Lage anderer Menschen hineinversetzen könne, so Radusch, die diplomierte Betriebswirtin ist. Wirtschaftskrise, zunehmende Armut, Arbeitslosigkeit und die damit oft einhergehende Überschuldung von Privathaushalten sorgen dafür, dass auch die Mitarbeiter in den neun Schuldnerberatungen im Kreis derzeit Anlaufpunkt von Menschen sind, die ob ihrer Miesen weder ein noch aus wissen. „Jeder Fall ist ein kleines Schicksal“, beschreibt es Antje Radusch. In die Schuldenfalle könnten besonders schnell Rentner, Arbeitslose, Kranke und Alleinstehende, aber auch Selbstständige geraten, so ihre Erfahrungswerte.
Rund 35 Fälle pro Jahr Da Schuldnerberatung eine Pflichtaufgabe nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) ist, findet sie meist in Einrichtungen des öffentlichen Rechts, der Städte und Gemeinden, in kirchlicher Trägerschaft oder durch Verbände der freien Wohlfahrtspflege statt. Die Beratung ist kostenlos. Antje Radusch betreut im Jahr rund 35 Fälle. 1,2 Millionen Euro war ihre bisher höchste Schuld, die sie bearbeitet hat, 6000 Euro die kleinste. In ihrem Büro in der Käthe-Niederkirchner-Straße 27 werde „oft sehr viel geweint“. Es sei für sie immer wieder eine Gratwanderung, bei den Beratungen zum einen die professionelle Distanz zu wahren, sich zugleich aber auch auf den Klienten einzulassen. Manche Fälle seien hingegen nur ärgerlich: „Es gibt Leute, denen ist es irgendwann völlig egal, wie viele Schulden sie haben.“ Welche Bevölkerungsschichten sind gefährdet, geraten schneller in die Schuldenfalle? Sie wolle da auf keinen Fall verallgemeinern, aber es sei doch schon so, dass „ein hoher Bildungsgrad vor Überschuldung schützen kann“.
Einkauf ohne Überlegung Oft sei sie auch Anlaufpunkt von Jugendlichen. Der Grund: Viele kommen mit den Handyverträgen „einfach nicht klar“. Und dann sei ja noch die Werbeindustrie. Es gebe Menschen, die seien total anfällig für Werbebotschaften. Die kauften alles, ohne zu überlegen. Kein Wunder, denn durch Raten und Kreditangebote von Autohäusern, Reiseanbietern oder Elektromärkten sinke die Schwelle zur Verschuldung ja auch immer mehr. Sind ihre Klienten so hoch überschuldet, das kein Ausweg in Sicht ist, läuft ihre Arbeit auf eine Privatinsolvenz zu. Gelegentlich fühlt sie sich aber doch schon an Zwegats Doku-Soap erinnert. Ihr fällt da ein Mann ein, der einmal mit zwei Tüten voller unbezahlter Rechnungen in ihrem Büro erschienen sei. Sie rate da immer wieder, selbst wenn die Schulden noch so groß seien, unbedingt auf die Schriftstücke zu reagieren, sie nicht wegzulegen. Denn „irgendwann müssen diese Dinge sowieso geklärt werden“. Spätestens dann, wenn ihre Hilfe gefragt ist.
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Erstellt am: 12. März 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 12. März 2010, 09:48 Uhr
Autor: no

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