Ich roll dann mal weg
Auch ein drolliges Elektromobil kann den Kick bringen / Anja Wallner hat den Ein-Personen-Transporter am Bärwalder See ausprobiert
Boxberg Kaffeetassenkarussell statt Achterbahn – so lautet meine Devise. Ich suche nicht das Risiko, bin das, was man einen „Schisshasen“ nennen würde. Und da genügt eben schon eine Fahrt mit einem drolligen Elektroroller, einem Ein-Personen-Transporter, um mir des Morgens muntermachende Adrenalinschübe durch den Körper zu jagen.
Wie ein Mantra
„Das kann gar nicht umkippen“, sagt Ullrich Rottnick – und er wird sich gezwungen sehen, es mir wie ein Mantra noch mehrmals während unserer etwa einstündigen Tour entlang des Bärwalder Sees aufsagen zu müssen. Der Roller hält sich nämlich durch eine elektronische Antriebsregelung selbst in Balance. Gelenkt wird er per Körperbewegung, „aus der Hüfte“, wie Ullrich Rottnick erklärt. Heißt: Der Roller folgt intuitiv der Körperbewegung des Fahrers.
Bevor es losgeht, bekommen mein Kollege Gernot Menzel und ich von Ullrich Rottnick Schutzhelme aufgesetzt und müssen eine Erklärung unterschreiben, dass wir nicht an Gleichgewichtsstörungen leiden oder schwere Medikamente einnehmen.
Ullrich Rottnick erklärt das Display des kleinen „Fahrradcomputers“ an der „Lenkstange“: Es zeigt den Akku-Ladestand an – eine Ladung reicht für etwa 50 Kilometer – , die Geschwindigkeit – 20 km/h sind die Obergrenze – und ein Gesicht: Lacht es, ist alles in Ordnung mit dem Gerät. Mich soll die ganze Fahrt über ein breiter Mund angrinsen, also alles bestens.
„Schildkröten-Modus“
Na dann, aufsteigen, anschalten. Für mich als sichtbar ängstlichen Anfänger stellt Ullrich Rottnick zunächst den „Schildkröten-Modus“ ein. Das bedeutet 9 km/h Höchstgeschwindigkeit. „Und vorbeugen!“, kommandiert der Bad Muskauer. Tatsächlich, der Ein-Personen-Transport setzt sich in Bewegung. Beugt man sich zurück, wird er langsamer und stoppt schließlich. Durch Gewichtsverlagerung werden Kurven gemeistert.
Doch erst mal sind wie bei der Fahrschule Grundfahrübungen angesagt – Slalom um Kegel. Wer hat eigentlich jemals behauptet, Frauen könnten sich in den Hüften geschmeidiger bewegen als Männer? Während Kollege Menzel elegant dahinrollt, muss ich einer Ente auf einem Rollschuh ähneln. Den Hintern herausgestreckt, stehe ich steifbeinig auf dem Gerät und klammere mich an den Haltegriffen fest. „Sehe ich sehr dämlich aus?“, frage ich meine Begleiter eher rhetorisch. Die sind höflich genug, das zu verneinen. Immerhin, ich bewege mich vorwärts; Ullrich Rottnick, der nach Jahren in Baden-Württemberg aus privaten Gründen wieder in die Heimat gekommen ist, schaltet den Schildkröten-Modus ab. „Und, jetzt eine Seerunde?“, ruft er launig. Wir steuern auf dem Seerundweg oberhalb der Böschung erst mal Klitten an, rund neun Kilometer. Es geht geradeaus.
Herrlicher Blick
Der Blick auf den See ist herrlich, der Roller schnurrt quasi von allein auf dem Asphalt lang. Aber mehr als 15 km/h sind bei mir (noch) nicht drin. Mir fehlt noch das Vertrauen in die Technik, um die völlig ungefährliche Fahrt richtig zu genießen.
„Ich habe noch keinen Unfall erlebt“, sagt Ullrich Rottnick, der nach einer Tour in Berlin vom Segway-Virus infiziert wurde und sich entschloss, damit den bisher nach eigenen Angaben gut angelaufenen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.
An den Wochenenden sind seine vier Roller meist ausgebucht. Viele Reservierungen lägen vor. Ab 2012 möchte er eventuell auch Touren an anderen Standorten anbieten.
Oh. Mein. Gott. Es geht bergauf (für mein Empfinden seeehr steil) und dann logischerweise bergab. „Ich kippe nach hinten!“, kreische ich und beuge mich reflexartig nach vorn. Ganz falsch. Denn jetzt werde ich noch schneller – und befinde mich zu meinem grenzenlosen Erstaunen noch stehend auf dem Roller.
Pause am Klittener Hafen. Die Beine fühlen sich ein bisschen wie Pudding an (das kommt vom Adrenalin), im Rücken und in den Armen zieht es. Letzteres, versichert mir Ullrich Rottnick, liege nur an meiner verkrampften Haltung. Aber einen gewissen Fitness-Faktor hätten die Roller schon, allein wegen der Körper-Steuerung. Kollege Menzel vergleicht den Nachher-Effekt mit Trampolinspringen.
Wie geschmiert
Nach der Pause wieder aufgestiegen – und plötzlich geht alles wie geschmiert. Vertrauen statt Skepsis, lockeres Stehen statt krampfigem Festklammern. Die 20 km/h erreiche ich locker und hänge – weil leichter – meine Begleiter ab. Ist die Höchstgeschwindigkeit erlangt, bremst das Ein-Mann-Fahrzeug von allein ab. Lässig winke ich entgegenkommenden Radlern und Fußgängern zu.
Anhalten? Auf der Stelle drehen? Alles kein Problem mehr. Jetzt merke ich erst mal, wie wendig der kleine Roller eigentlich ist. Die Rückfahrt nach Boxberg verläuft merklich schneller, und sie ist leider auch viel zu schnell vorbei. Ich brauchte eben eine gewisse Anlaufphase, um mit der Technik warm zu werden. Jetzt würde ich gern noch eine Runde drehen. Aber das Versäumte lässt sich ja irgendwann nachholen.
Angst? Ich bin die Roller-Queen vom Bärwalder See! Der Segway Personal Transporter (PT) ist eine Erfindung des US-amerikanischen Unternehmers und preisgekrönten Erfinders Dean Kamen. Er hatte das Prinzip der dynamischen Stabilisierung ursprünglich für einen Elektrorollstuhl entwickelt, schreibt das Internetlexikon Wikipedia. Die Übertragung der Balancierautomatik auf ein „Alltagsfahrzeug für jedermann“ folgte aus der Vision, damit verstopfte Städte vom Autoverkehr zu entlasten. Der Segway PT wurde dementsprechend als ernsthaftes Verkehrsmittel konzipiert und nicht als Mode- oder Spaßfahrzeug.
Am 3. Dezember 2001 wurde das Gerät in der Fernsehsendung „Good Morning America“ erstmals präsentiert. Apple-Chef Steve Jobs hatte damals prophezeit, dem Fahrzeug werde die Zukunft des Verkehrs in den Städten gehören. Bisher verfehlte der Absatz solche Erwartungen. Das mag am Anschaffungspreis liegen, der in Deutschland rund 8 000 Euro beträgt. Für einen Ersatzakkumulator muss man etwa 1 400 Euro hinblättern; die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Akkus liegt bei drei Jahren.
Der Segway hat sich jedoch in einigen Nischenmärkten etabliert. Unter anderem dient er Polizeidienststellen, Sicherheitsfirmen und Wachdiensten als Patrouillenfahrzeug. Auch von Rettungsdiensten wird er vor allem bei Großveranstaltungen eingesetzt.
Segway PT können bei körperlichen Einschränkungen zum Beispiel in den Anfangsstadien von Multipler Sklerose oder Parkinson benutzt werden. Als Funsport hat sich Segwaypolo etabliert. Apple-Mitbegründer Steve Wozniak ist prominenter Spieler in der Mannschaft „Silicon Valley Aftershocks“. Jährlich findet der „Woz challenge cup“ statt – die WM im Segwaypolo. Im Jahr 2009 wurde sie in Köln und 2010 auf der Karibikinsel Barbados gespielt. Aktueller Weltmeister ist das Team der Flying Fish Barbados.
Seit dem Sommer 2009 erlaubt die „Verordnung über die Teilnahme elektronischer Mobilitätshilfen am Verkehr“ die Segway-Nutzung in ganz Deutschland. Zum Betrieb sind der Mofa-Führerschein und ein Versicherungskennzeichen erforderlich. Helmpflicht besteht nicht. Das Fahren des Segways ist nur auf Schutzstreifen, Radfahrstreifen, Radwegefurten und Radwegen zulässig. Gibt's die nicht, dann darf innerorts auf der Fahrbahn gefahren werden, außerorts nur auf der Fahrbahn, wenn die Straßen nicht Bundes-, Landes- oder Kreisstraßen sind. Quelle: Wikipedia

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