Die Hoyerswerdaer Musikfesttage gehen ins 45. Jahr
Ziel sei es, die Arbeiterklasse an die Musik heranzuführen, benannte eine Fachschulabschlussarbeit in den Siebzigerjahren den Zweck der Hoyerswerdaer Musikfesttage. War doch Hoyerswerda die „zweite sozialistische Großstadt der DDR“; später würde Erich Honecker hier sogar das Herz des Sozialismus verorten.
Mandy Decker und das Sinfonische Orchester Hoyerswerda setzen am 9. Mai in der Lausitzhalle den Schlusspunkt des Musikfestes 2010. Foto: Uwe Jordan Foto: Uwe Jordan
Wo, wenn nicht hier, sollte der Neue Mensch, der Bessere Mensch, entstehen; die allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit? Wie sollte das, abseits propagandistischer „Rotlichtbestrahlung“, besser möglich sein als mit Kultur, mit Musik? Immerhin hatten laut einer Unesco-Studie 1966 die männlichen Hoyerswerdaer viereinhalb Stunden Freizeit täglich (Frauen dreieinhalb Stunden); die galt es, hehreren Zwecken nutzbar zu machen als Kneipenskat und Kaffeekränzchen .Vier Konzerte zum BeginnHatten die 1955 gegründete Musikschule und der Kulturbund lange Zeit mit eher sehr mäßigem Erfolg („Stunde der Musik“; „Podium junger Künstler“) um Zuhörer geworben, nahm mit einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung 1965 die Idee der Musikfesttage Fahrt auf, da nun alle „gesellschaftlichen Kräfte“ angehalten waren, die Sache nach bestem Können zu unterstützen. So wurden 1966 die 1.
Hoyerswerdaer Musikfesttage gehalten, mit bescheidenen vier Konzerten und 700 Besuchern. Zum Auftakt standen am 23. Juni in der Scholzhalle der Städtische Chor und das Orchester der Werktätigen (Leitung: Lutz Michlenz) auf der Bühne. Den Abschluss bildete Saal ein Konzert von Hoyerswerdaer Musikschülern und polnischen Gästen.Sinfonik und Jazz In späteren Jahren kamen Sinfonik und Jazz hinzu, auch internationale Spitzenkünstler – eigentlich das programmatische Gerüst der Musikfesttage von heute ...Es gab aber auch (so 1973) heute nicht mehr Aufgegriffenes wie Freiluft-Estraden mit dem Fanfarenzug oder Rentnerkonzerte – und Jugendkonzerte mit Zsuzsa Koncz und der Gruppe Illés, neben Omega die heißeste Band Ungarns und damit des Ostens überhaupt.
Teuerstes Konzert dieses Jahres war der Auftritt der Klaus-Lenz-Modern-Soul-Big-Band mit Uschi Brüning und Klaus Nowodworski in der Scholzhalle für 8,10 Mark (Ost); Klassik war zwischen 3,60 und 6,10 Mark zu haben.Lässt man das ideologische Geklingel von damals einmal beiseite, bleibt unterm Strich festzuhalten, dass mit diesen Festtagen in einer „Provinzstadt“ wie Hoyerswerda ein ziemlich einmaliges, erschwingliches Kulturangebot geschaffen wurde, das half, anderweitig Vermisstes wettzumachen, und die jungen Hoyerswerdaer anregen sollte, sich selbst aktiv der klassischen Musik zu widmen. Letzteres mit Erfolg. Wohingegen die Arbeiter, jedenfalls in den ersten Jahren, sich in eher zurückhaltender Begeisterung übten.
So nahm im Jahre 1971 das Gaskombinat Schwarze Pumpe mit etwa 15 000 Beschäftigten ganze 16 Karten für die Musikfesttage ab (andere Kombinate: null), während die Gewerkschaft Unterricht und Erziehung mit etwas über 3 000 Mitgliedern 274 Tickets orderte. Die Zahlen stiegen in den Folgejahren an, aber die Relationen blieben gleich. Vielleicht zogen es die „Werktätigen“ einfach vor, als Privatpersonen ins Konzert zu gehen, statt sich zwecks Erfüllung des Kultur- und Bildungsplanes der Brigade delegieren zu lassen. Gegen den TrendJedenfalls schnellte nicht nur die Anzahl der Konzerte nach oben, sondern auch die der Besucher. 1969 waren es (geschuldet einem großen Chortreffen) derer 12 000. Ansonsten pegelte sich die Zahl bei ungefähr 3 500 ein; davon knapp 2 000 bei „ernster Musik“, wie es damals hieß – also bei Klassik, die heute, 2010, das Programm dominiert.
Insofern sind deutlich über 2500 Besucher wie in den letzten Jahren (und das trotz einer gegenüber der „fast 80 000“ von 1989 heute fast auf die Hälfte gesunken Hoyerswerdaer Bevölkerungszahl) ein gutes Zeichen, dass das traditionsreichste ununterbrochen stattfindende Musikfest der Lausitz (unterstützt vom Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien) auf einem guten Wege war, ist – und sicher bleibt; denn das Programm 2010 birgt in summa Potenzial für ähnliche Besucherzahlen.
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Erstellt am: 13. März 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 13. März 2010, 01:37 Uhr
Autor: Von Uwe Jordan
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