06. Februar 2012, 00:00 Uhr

Der Regenwald beginnt in Schipkau

Hobbygärtner Fritz Stopfkuchen erntet bei starkem Dauerfrost reife Ananas-Früchte und Physalis in seinem Tropen-Paradies

Schipkau Er ist der ungekrönte Dschungel-König von Schipkau und Herr der wohl nördlichsten Ananas-Plantage: Rentner Fritz Stopfkuchen. Der 77-Jährige hat den Regenwald nach Schipkau gebracht, obwohl er selbst noch nie in einem war. Er bringt Orchideen, Monstera, die „Königin der Nacht“ und Strelitzien reihenweise zum Blühen. Er erntet Kaffeebohnen, Bananen, Ananas, Physalis, Apfelsinen und Mandarinen wie andere Tomaten und Gurken. Bei Dauerfrost und Eiszapfen vor der Gewächshaustür zählt er die Blüten seiner Tillandsien.

Der Mann, der mit den Pflanzen spricht: Fritz Stopfkuchen erntet in seinem Regenwald sogar Ananasfrüchte. Foto: Steffen Rasche Foto: Steffen Rasche
Beim Öffnen der durchsichtigen Gewächshaustür gleich hinter der Küche von Ilona und Fritz Stopfkuchen quillt ein überwältigender, exotisch-geheimnisvoller Geruch in die Nase. Fritz Stopfkuchen nimmt ihn kaum noch wahr, wenn er sein feucht-warmes Paradies betritt. In der tropischen Üppigkeit gedeihen botanische Raritäten und Liebhaberstücke, die in Schipkau nun wirklich niemand erwartet: Orchideen, Bromelien und Aralien in -zig Variationen. Draußen Schnee, drinnen eine tropische Farbenpracht, in der sich auch eine zahme Kröte und Laubfrösche tierisch wohlfühlen.

Direkt vor der Felswand umhegt der Rentner seine Ananas-Plantage. Drei Früchte hat er im vergangenen Jahr geerntet. Die nächsten brauchen noch einige Wochen, bis er sie pflücken kann. Ehefrau Ilona Stopfkuchen schwärmt vom besonderen Aroma der selbst geernteten Früchte. Von der Blüte bis zur Ernte vergehen fünf Monate. Die Bodentemperatur kontrolliert Fritz Stopfkuchen regelmäßig. Nur bei gleichbleibenden 20 bis 25 Grad Wärme setzen die Pflanzen Früchte an. Auf der anderen Seite lockt ein kleiner Zitronen-Hain. „Da können Sie auch die Schale mitessen“, schwärmt Stopfkuchen für seine Bio-Früchte. Reichlich ausgefallen ist auch die Apfelsinen-Ernte. 80 Stück hat das Rentner-Ehepaar gezählt. Püriert haben sie einen köstlichen Saft für die Enkelkinder ergeben. Das Mangobäumchen nebenan ist noch jung, treibt aber schon vielversprechend aus.

Bei soviel grüner und vor allem temperaturempfindlicher Üppigkeit kann sich Fritz Stopfkuchen einen Heizungsausfall in diesen Tagen absolut nicht leisten. Seine Pflanzen reagieren schon, wenn es feinste Schwankungen in der Wasserqualität gibt. Vor allem brauchen seine Lieblinge aber viel Wärme. „Damit geize ich nicht“, erklärt Fritz Stopfkuchen. „Fürs Gewächshaus verbrauche ich mehr Heizöl als für unser komplettes Wohnhaus.“

Sein Händchen für alles Grüne hat er von einer Kräuterfrau „geerbt“. Mit ihr ist er als Dreikäsehoch durch die Wälder gestreift. „Sie hat mir sehr viel über Pflanzen und deren Wirkungen beigebracht.“

Als wandelndes Lexikon ist Fritz Stopfkuchen bei den Schipkauer Schulkindern eine Institution. Wenn eine Klassenarbeit oder eine Facharbeit anstehen, klingeln sie bei ihm. Einige Tage später heißt es dann oft: „Danke, Herr Stopfkuchen, eine glatte Eins!“

Unscheinbar in der Ecke blubbert im Gewächshaus eine ganz besondere Rarität vor sich hin. „Der Rotwein will es etwas wärmer haben“, erklärt der gelernte Schäfer den ausgefallenen Standort. Es ist der Klettwitzer Boskoop, Jahrgang 2011, gereift auf den Hängen am Lausitzring. Die Ernte war nach dem Spätfrost schlecht. Umso kostbarer ist das Ergebnis im kleinen Ballon. Der Rote vom Lausitzring ist so gut wie fertig. Er gärt noch ab und muss sich klären, bevor er Anfang Mai in die Flaschen kommt. Die kredenzte Kostprobe schmeckt süffig. Trocken, aber nicht sauer. „Das ist Wein, wie ihn mein Opa gemacht hat“, macht Stopfkuchen Appetit auf ein zweites Glas. Jede Beere dafür ist handverlesen. Nicht einmal Ehefrau Ilona darf ihm dabei zur Hand gehen.

Es gibt auch noch ein Rätsel, das der Mann, der über so gut wie jedes Kraut Bescheid weiß, in seinem Regenwald noch nicht gelüftet hat. Noch kein Wissenschaftler konnte ihm den Namen der Pflanze aus Afrika sagen, die bei Berührung kleine Krallen ausfährt. „Das kriege ich auch noch raus“, lässt Fritz Stopfkuchen keine Zweifel aufkommen.
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Erstellt am: 06. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 06. Februar 2012, 03:09 Uhr
Autor: Von Andrea Budich

Von Andrea Budich

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