15. April 2010, 00:00 Uhr

Gubener Betriebe bemängeln Schülerwissen

Gubener Betriebe bemängeln Schülerwissen / Europaschule setzt auf Praxislernen

Guben Schüler, die sich nach der Schule um eine Lehrstelle bewerben, wissen oft nicht, was auf sie zukommt. Sie haben falsche Vorstellungen vom Wunschberuf. Das ist die Einschätzung einiger Gubener Betriebe. Um dem entgegenzutreten, setzt die Schulleiterin der Gubener Europaschule, Berit Kreisig, auf Lernen in der Schule und in Betrieben.

Schüler Patrick (15) hat seinen Berufswunsch gefunden: Zweiradmechaniker. Foto: M. Klinkmüller Foto: M. Klinkmüller
Schüler sollten sich mehr Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen. Das wünscht sich Wolfgang Walter, der Gubener Baufirma ULT. Viele junge Leute bewerben sich einfach auf gut Glück, ohne sich zuvor mit dem Berufsbild auseinandergesetzt zu haben, ist die Erfahrung des Bauunternehmers. „Es wird nur oberflächlich gesehen, dass da einer den Weg pflastert, aber dass dafür auch beispielsweise ein Höhenplan erstellt werden muss, wissen nur die Wenigsten“, beschreibt Walter ein Beispiel aus der täglichen Praxis.

Diese Erfahrung bestätigt auch der Gubener Tischler Ronny Brandl. Bewerber, die beispielsweise keinen Flächeninhalt ausrechnen konnten, lernte er oft kennen. „Das gehört zum Beruf. Manche Jugendliche glauben wohl, eine Vier in Mathe reicht für das Handwerk“, vermutet der Gubener Tischlermeister, der bei seinen Mitarbeitern eine gute Allgemeinbildung voraussetzt. Viele Schüler würden nach der Schule einfach nach irgendeiner Ausbildung suchen, ohne sich über ihre Fähigkeiten oder Wünsche zuvor Gedanken gemacht zu haben, weiß Frank-Holger Jäger von der Handwerkskammer Cottbus. Wenn er Schüler fragt, was ihr Berufswunsch ist, bekomme er oft Antworten wie Maurer, Bäcker oder Friseur. „Diese Berufe sind so unterschiedlich, da merke ich gleich, dass der Lehrstellensuchende keine konkrete Vorstellung von den Berufen hat“, sagt Jäger.

Auf die Schul- und die Werkbank setzt seit diesem Schuljahr die Gubener Europaschule, welche so die berufliche Frühorientierung fördern möchte. Nicht erst in der neunten oder zehnten sondern bereits in der siebenten Klasse machen die Schüler erste Erfahrungen mit der realen Arbeitswelt.

Betriebsbesichtigungen oder die Teilnahme am Zukunftstag stehen beispielsweise auf dem Schulplan der siebenten Klassen. Erste Analysen zu Fähigkeiten und Interessen werden in einem Berufswahlpass festgehalten.  Mehrtägige Praktika werden in den achten Klassen absolviert. Hinzu kommt in der neunten Klasse das Praxislernen.

Mehr als 40 Gubener Betriebe haben sich bereit erklärt, Schülern jeden Mittwoch sieben Stunden am Tag ein Praktikum zu gewähren. „Doch die Schüler sollen in den Betrieben nicht nur arbeiten, sondern sich auch bewusst mit dem Berufsbild auseinandersetzen“, erklärt Schulleiterin Berit Kreisig. Um das zu gewährleisten, müssen die Schüler eine Facharbeit über den Beruf, den sie im Praktikumsbetrieb ausüben, schreiben.

Patrick (15) und Julia (16) gehen in die neunte Klasse der Gubener Europaschule. Dort erfolgt die erste Bewährung in der Arbeitswelt. Aus einer Liste von über 40 Gubener Betrieben haben sich die beiden Schüler einen Praxislernort ausgesucht, in dem sie seit September vergangenen Jahres jeden Mittwoch statt auf der Schulbank zu sitzen, sieben Stunden am Tag arbeiten. Während Patrick seinen Traumjob gefunden hat, kommen bei Julia Zweifel auf.

Patrick arbeitet im Gubener Radsporthaus. „Eigentlich wollte ich mal Elektriker oder Bauarbeiter werden“, sagt der 15-Jährige. Doch in der Liste der über 40 Betriebe, mit dem die Europaschule einen Kooperationsvertrag abschließen konnte, wählte Patrick das Radsporthaus , aus. „Ich habe hier immer mein Rad zur Reparatur gebracht“, sagt der Praktikant. Ein glücklicher Zufall. Denn Elektriker will er nun nicht mehr werden. Durch das Praktikum hat Patrick seinen Traumberuf gefunden. „Ich will später Zweiradmechaniker werden“, ist sich der Neuntklässler sicher. Schließlich mache ihm die Arbeit Spaß und Fahrräder, glaubt Patrick, wird es immer geben.

Anders sieht es bei Patricks Schulkameradin Julia aus. Die Schülerin im roten Overall hat sich für ein Praktikum im Autohaus Fischer entschieden.  Wie sie sagt, wollte sie unbedingt etwas Handwerkliches machen. „Ich glaube ich schlage mir das mit dem Autohaus jetzt aus dem Kopf“, sagt die 16-Jährige. Zu viel Kraft und physikalisches Hintergrundwissen sind gefragt. Doch das ist keine Niederlage. Im Gegenteil. „Die Praktikanten sollen ja gerade ihre Fähigkeiten kennenlernen“, erklärt Schulleiterin Berit Kreisig. Ab dem nächsten Schuljahr wird auch in der zehnten Klasse ein solcher Praxislerntag angeboten. Julia will dann vielleicht mal etwas anderes ausprobieren. „Die Schneiderei würde mich interessieren“, sagt Julia.
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Erstellt am: 15. April 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 15. April 2010, 10:19 Uhr
Autor: Von Mathias Klinkmüller

Von Mathias Klinkmüller

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