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Forst

„Lausitz ist zu schade zum Verheizen“

Groß Gastrose Die Zukunft der Lausitz – speziell der Energiegewinnung im Landkreis Spree-Neiße – steht im Zentrum zahlreicher Debatten. Immer mit dabei ist die Klinger Runde, die sich als Plattform für den Dialog zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik versteht. Im RUNDSCHAU-Gespräch erklärt Sprecher Thomas Burchardt, warum 2012 für die Region besonders spannend wird.

30.12.2011
Thomas Burchardt ist der Sprecher der Klinger Runde. Foto: Bodo Baumert
Foto: Bodo Baumert
Das Jahr 2011 hat energiepolitisch einige Debatten bereitgehalten, beispielsweise um die Zukunft des Kraftwerkes und Tagebaus bei Jänschwalde. Wie fällt Ihre Bilanz des Jahres aus?

Es war ein spannendes Jahr für die Lausitz. Für die Bürgerinitiativen, die sich mit dem Tagebau oder der CO-Speicherung auseinandersetzen, hat sich ihre gute Arbeit bemerkbar gemacht.

Und für die Klinger Runde? Wie hat sich 2011 da entwickelt?

Der wichtigste Punkt ist: Wir sind noch da. Wir führen unsere Treffen regelmäßig durch, die offen sind für alle Interessierten und bringen uns über die uns verbundenen Abgeordneten in der Fraktion „Freie Bürger“ im Kreistag ein. Das ist für eine Bürgerinitiative im fünften Jahr ein nicht zu unterschätzender Erfolg. Wir haben die Zusammenarbeit mit den Bürgerinitiativen gegen die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid intensiviert, haben auch Themen wie die kulturellen Folgen der Energiewende aufgezeigt. Wir stehen weiter im Dialog, als Scharnier zwischen Verwaltung, Bürger und Politik.

Im Januar haben Sie den Wirtschaftsminister Brandenburgs, Ralf Christoffers (Linke), in Groß Gastrose zu Gast. Was wollen Sie dort erreichen?

Bundespräsident Christian Wulff hat kürzlich den schönen Satz gesagt: Nicht alles, was rechtens ist, ist auch richtig. Das gilt auch für die energiepolitische Strategie der Landesregierung. Im Umweltministerium gibt es da ein positives Umdenken und eine ganz andere Ausgangssituation als im Wirtschaftsministerium. Was wir wollen, ist, über die Risiken und Chancen ins Gespräch zu kommen. Energiegewinnung muss zu einer Kreislaufwirtschaft werden. Andernfalls ist es Ausbeutung. Wir kommen mit den erneuerbaren Energien auf ein Niveau, das es erlaubt, ganz Brandenburg mit alternativem Strom zu versorgen. Wenn die Braunkohle weiter gefördert wird, dann für den Stromexport. Zum Verheizen ist die Lausitz in unseren Augen aber zu schade.

Was ist 2012 von der Klinger Runde zu erwarten?

Wir wollen weiter mit anderen Bürgerinitiativen im Gespräch bleiben. Im Mai ist ein Treffen mit polnischen Vertretern geplant. Dort rückt die Frage des Tagebaus zwischen Gubin und Brody weiter in den Fokus, der die Lebensqualität zwischen Guben und Forst zusätzlich negativ beeinflussen wird. Auch mit Vertretern aus Sachsen wollen wir uns weiter austauschen, etwa zu Schleife und dem Tagebau Nochten. Im Sommer ist ein weiteres Klimacamp geplant. Das wurde in diesem Jahr als Protestform gut aufgenommen. Wir helfen bei der Vorbereitung. Zusätzlich soll eine Art Wanderführer für die vom Tagebau bedrohten Orte entstehen.

Wie sieht es auf der lokalpolitischen Ebene aus? Mit welchen Forderungen an die Kreispolitik gehen Sie in das Jahr 2012?

Mit Forderungen ist es angesichts der begrenzten Spielräume immer schwierig. Was ansteht, ist die Anforderung an die Kommunen, bis 2040 klimaneutral zu werden. Hier Fragen wir konkret auch den Landkreis, welche Potenziale er sieht. Es ist nicht nötig, das große Rad zu drehen. Viele kleine Schritte sind wichtiger, bei der Ausgestaltung des Fuhrparks, bei Fotovoltaik auf öffentlichen Gebäuden und ähnlichem. Nicht nur die Kohle bietet wirtschaftliche Perspektiven. Auch die erneuerbaren Energien haben ein großes wirtschaftliches Potenzial. Sie sind eine Chance für die Lausitz.

Dennoch regt sich auch hier Widerstand. Bürger demonstrieren gegen Windkraftanlagen im Wald oder den Solarpark bei Schenkendöbern.

Da sehe ich keinen Widerspruch. Die Bürgerinitiative „Pro Lieberoser Heide“ ist auch Mitglied der Klinger Runde. Man sollte die Proteste gegen erneuerbare Energien und Tagebaue nicht gleichsetzen. Bei den geplanten Windparks im Wald etwa haben die Bürger berechtigte Sorgen oder Zweifel, auf die man aber eingehen kann.

Entscheidend ist doch: Beschlüsse für erneuerbare Energien wie Wind- oder Solarparks sind reversibel, sie können nach 20 Jahren wieder abgebaut werden. Dörfer und Kulturlandschaften, die weg sind, lassen sich hingegen nicht wieder herbeidiskutieren. Sie bleiben verschwunden. Im Übrigen sind die Bürger für die erneuerbaren Energien bereit. Das zeigen auch die Umfragen. Unser Wohlstand muss nicht auf Kosten der Natur wachsen. Das beweisen die Dörfer, in denen immer mehr Fotovoltaikanlagen entstehen, die sich aufmachen, energieautark zu werden. So schaffen sie ganz nebenbei wirtschaftliche Potenziale für die Region, wenn Geld für den Energieverbrauch nicht mehr in andere Länder abwandert.

Wenn sie auf das Jahr 2012 vorausschauen: Welche Bedeutung wird es Ihrer Meinung nach für die Energiewende haben?

Die Debatte um die Energiestrategie 2030 wird wichtige Grundsteine für die Zukunft legen. Der Kampf um den Energiestandort Jänschwalde wird dabei ein Schwerpunkt für 2012 werden. Auch die Frage, wie Schwarze Pumpe ohne das Teilfeld II des Tagebaus in Welzow erhalten werden kann, bleibt spannend.

Wie geht es energiepolitisch für den Landkreis Spree-Neiße weiter?

Der Landkreis lebt in der Abhängigkeit von der Kohle. Wer abhängig ist, kann aber nicht frei entscheiden. Es gibt natürlich Ängste, wie es weitergehen soll ohne die Kohle. Wir brauchen aber eine ehrliche Debatte der Fach- und Sachargumente. Ein Berufen auf die schweigende Mehrheit ist hier nicht zielführend. Die Lausitz braucht auch einen Plan B, wenn die neuen Tagebaue und Kohlekraftwerke nicht realisiert werden. Die Idee der Klinger Runde ist es, bei diesen Problemen im Gespräch zu bleiben, um gemeinsam Lösungen für die Menschen in der Lausitz zu finden. Wenn uns das gelingt, wird es ein gutes Jahr 2012.

Am Mittwoch, 4. Januar, findet um 19 Uhr in der Turnhalle in Groß Gastrose eine Diskussion mit dem Wirtschaftsminister Brandenburgs, Ralf Christoffers (Linke), statt. Thema sind die Tagebaue und die Energiepolitik des Landes. Moderiert wird die Gesprächsrunde von RUNDSCHAU-Korrespondent Johann Legner.

Die Veranstaltung ist öffentlich. Bürger können ihre Fragen bereits vorab per Mail schicken, an die Adresse: klinger-runde-forst@t-online.de.

Zum Thema:

Zum ThemaDer Widerstand gegen neue Braunkohletagebaue in der Lausitz führte im Juni 2007 im Ortsteil Gosda der Gemeinde Wiesengrund zur Gründung der Klinger Runde und eines Netzwerkes mit anderen betroffenen Gemeinden aus Brandenburg, Sachsen und Polen. Die Runde ist ein loses Bündnis, das über die Themen Kohle, Tagebaue und Alternativen aufklären will. Bei der Kreistagswahl gewann sie auf Anhieb 4,8 Prozent der Stimmen und damit zwei Kreistagssitze. Die offenen Treffen der Gruppe finden einmal im Monat statt.

Mit Thomas Burchardt sprach Bodo Baumert
 
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