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Finsterwalde

«So ist Stadtumbau falsch!»

Finsterwalde. «Stadtumbau in Finsterwalde ja, aber nicht so!» Der Mieterbund wendet sich gegen das beschlossene Konzept der Stadt, bis zum Jahre 2020 – angesichts der zu erwartenden demografischen Entwicklung – 400 Wohnungen in Plattenbauten, «ja sogar das ganze Wohngebiet an der Schacksdorfer Straße abzureißen – das halten wir für falsch» , so Dr. Matthias Baxmann, Vize-Vorsitzender des Mietervereins, in einer öffentlichen Veranstaltung des Mieterbundes.

23.11.2004
«So ist Stadtumbau falsch!»
Etwa 70 Besucher kamen zur Veranstaltung des Mieterbundes.
Foto: Foto: Dietmar Seidel

«Finsterwalde als soziale Stadt.»«Abriss vor 2009 für uns kein Thema.»
M. Baxmann, MieterbundG. Münchow, Wohn.-
genossenschaft

Dort kritisierte er die Vorgehensweise der Stadt, die in ihren Stadtumbaukonzepten vorrangig Abrisse definiere. Der Mieterbund fordere stattdessen, die Wohngebiete auch durch Geschossrückbauten, Fassadenauflockerungen und Veränderungen der Wohnungsgrundrisse aufzuwerten und so auf den Bevölkerungsrückgang zu reagieren – und komplette Abrissen wie demnächst am Eppelborner Eck, nur bei entsprechendem Leerstand und dort vorzunehmen, wo wenig in die Gebäude investiert worden sei.
Für «äußerst problematisch» hält Baxmann, wenn die Stadt so genannte «Beobachtungsgebiete» in den Wohnsiedlungen Südkomplex, Langer Hacken und Eppelborner Eck/Bergheider Straße ausweise – damit bestehe die Gefahr, dass Investitionen zurückgefahren, die Gebäude dem moralischen Verschleiß ausgesetzt und so der Leerstand noch gefördert werde: «Mieter wollen schließlich verlässlich planen – wer zieht denn schon in ein Beobachtungsgebiet?!»
Im Zusammenhang mit Hartz IV werde es in Finsterwalde zu einer verstärkten Nachfrage nach Wohnungen kommen, prophezeit man beim Mieterbund. Schon jetzt würden kleinere Wohnungen gesucht, weil zunehmend junge Leute das Elternhaus verlassen. Baxmann sprach sogar von einer «Warteliste» insbesondere für jene Wohnungen, die auf der Abrissliste stehen, «weil sie sozial gebunden, gut saniert, günstig in der Miete und vor allem bei den Nebenkosten sind» .
Ein großflächiger Abriss sei nur gerechtfertigt, wenn sich Wohnsiedlungen zu Geisterstädten oder zu Ghettos sozialer Randgruppen entwickeln würden bzw. wenn der Leerstand zur Existenzbedrohung der Wohnungsgesellschaft führe – das sei in Finsterwalde allerdings nicht der Fall. «Im Gegenteil: Unsere Wohnungsgesellschaft ist eine der wenigen im Land Brandenburg, die auf gesunden Füßen steht.» Jetzt gehe der Stadtumbau mit den Abrissen allein zu ihren Lasten.
Finsterwalde sollte sich stattdessen als eine «soziale Stadt» und als Stadt des betreuten Wohnens für Senioren profilieren, schlägt Baxmann vor – anstatt mehr als 1 000 Mieter mit Abrissplänen zu vergraulen, die statt ins Stadtzentrum eher ins Umland, möglicherweise nach Doberlug-Kirchhain abwandern würden, wenn hier durch den Weggang der Bundeswehr viel sozialer Wohnraum frei werde, warnte Baxmann.
Es sei eine «Illusion des Bürgermeisters» , dass die Mieter bereit seien, ins Stadtzentrum zu ziehen. «Unsere Mieter fühlen sich wohl in ihrem Wohngebiet» , formulierte auch Gerhard Münchow. Der Geschäftsführer der Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft stellte klar: «In unserem Haus wird vor 2009 nicht über Abriss gesprochen.» Stattdessen will der genossenschaftliche Vermieter mit der Umwandlung der oberen Etagen zu Boden und Abstellräumen gegen den Leerstand ankämpfen. Münchow machte auf ein wirtschaftliches Problem aufmerksam: «Jeder Quadratmeter ist mit 80 Euro Altschulden belastet. Wir können nicht neue Schulden machen, wenn wir moderne Wohnungen mit hohem Wert einfach vernichten.» Konzepte sehen dagegen vor, Wohnungen nach Mieterwunsch zu vergrößern und für Ältere und Behinderte attraktiver zu machen. Auch die Wohnungsgenossenschaft werde «um Rückbau nicht herumkommen, wenn Finsterwalde weiter tausende Einwohner verliert» , räumte Gerhard Münchow ein.
Manfred Kauer, der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft, vermied in seinen Worten eine Bewertung des Stadtumbaukonzeptes. Er veranschaulichte lediglich noch einmal den sich zuspitzenden Leerstand von Wohnungen insbesondere in der Altstadt, der gegenwärtig bei 22 Prozent liege. Bislang habe es lediglich mit jenen Mietern Gespräche gegeben, die von «angedachten Abrissen» bis zum Jahre 2009 betroffen seien, so am Eppelborner Eck, in der Brandenburger und in der Westfalenstraße. Die Wohnungsgesellschaft biete den betroffenen Mietern großzügige finanzielle Hilfen beim Umzug in die neue Wohnung an, versicherte Kauer.
Das Stadtumbaukonzept sei in der Stadt zu wenig diskutiert und in der Öffentlichkeit vorgestellt sowie gegen den Willen von SPD und PDS beschlossen worden, stellte die Stadtverordnete Hannelore Elmer fest – und würdigte ausdrücklich die Veranstaltung des Mieterbundes. An der nahmen allerdings lediglich etwa 70 Bürgerinnen und Bürger teil, mit über 200 hatte der Veranstalter gerechnet. So kritisierten Teilnehmer insbesondere die Absicht, das Wohngebiet Klingmühler Eck/Bergheider Straße abzureißen – ein Protestschreiben mit 230 Unterschriften an die Stadtverordnetenversammlung sei bislang unbeantwortet geblieben. Unverständnis gab es auch über den angekündigten Abriss des halben Blocks in der Brandenburger Straße 30 bis 34 – «wir ziehen hier nicht raus» , erklärten die Mieter.
Offensichtlich völlig unvorbereitet trat die PDS-Landtagsabgeordnete Carolin Steinmetzer auf. In ihrem holprigen Vortrag waren «alle Zahlen falsch» , die sie nannte, stellte nicht nur Gerhard Münchow kritisch fest. Der Bürgermeister sowie eingeladene Abgeordnete der Fraktionen, die das Stadtumbaukonzept mehrheitlich beschlossen hatten, entschuldigten ihr Fehlen im Vorfeld. Bürgermeister Johannes Wohmann hatte in einem Schreiben an den Vorsitzenden Eckhard Gleitsmann dem Mieterbund Stimmungsmache und Populismus vorgeworfen, um die Bevölkerung in Unruhe zu versetzen. Es sei unwahr, dass die Stadtverordnetenversammlung den Abriss von 400 Wohnungen beschlossen hätte. Beim Stadtumbauprogramm handele es sich lediglich um ein Leitbild, ist in der Versammlung über den Bürgermeisterbrief informiert worden. «Dem Mieterbund muss es erlaubt sein, das Stadtumbaukonzept der Stadt zu kritisieren» , reagierte Baxmann auf die Vorwürfe aus dem Rathaus.
Von Dieter Babbe
 
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