01. Oktober 2007, 00:00 Uhr

«Markt gehört den Demokraten»

Finsterwalde. Nur durch massiven Einsatz von etwa 150 Polizisten ist es am Sonnabend in Finsterwalde gelungen, größere Zusammenstöße zwischen rechts- und linksradikalen Gruppen weitgehend zu verhindern. Immer wieder versuchten Jugendliche der autonomen Szene die Absperrungen, mit denen der Marktplatz für sie abgeriegelt war, zu durchbrechen, woran sie durch Eisengitter und eine dichte Polizeikette gehindert wurden. Dennoch kam es auch zu Schäden, nach Polizeiangaben gab es gefährliche Körperverletzungen, ein Auto wurde demoliert und Steine sollen geworfen worden sein. Die Polizei spricht von zwölf Strafanzeigen, sie nahm zwei Personen fest. Eine Polizeieskorte hat gegen 13 Uhr die etwa 50 NPD-Anhänger vom Markt zum Bahnhof geleitet.

Brauner Gedanken-Müll muss entsorgt werden, brachten Bürger mit ihrer Aktion zum Ausdruck. Foto: Fotos: Dietmar Seidel

«Finsterwalde muss eine saubere Stadt bleiben.»
Barbara Hackenschmidt, Landtagsabgeordnete

Ein Bürgerbündnis hatte kurzfristig zum gewaltfreien Protest gegen den NPD-Auftritt in Finsterwalde aufgerufen. In weißen Seuchenanzügen und roten Schutzwesten forderten Mitglieder von Gewerkschaften, Kirchen und Parteien dazu auf, den «braunen Müll» zu entsorgen. Zu den Teilnehmern der friedlichen Aktion gehörte auch die Landtagsabgeordnete Barbara Hackenschmidt, sie schob eine Mülltonne unweit vom NPD-Stand über den Marktplatz, als ein deutliches Zeichen: Wir wollen keine Rechtsradikalen in der Stadt.
Auch Bürger, die das Geschehen auf dem Marktplatz beobachteten, waren erschüttert darüber, dass Braune in Finsterwalde eine Plattform finden dürfen, aber auch über das Verhalten von Linksextremen, einige von ihnen alkoholisiert, die nicht nur «Nazis raus» riefen, sondern auch gewalttätige Parolen skandierten. «Ich habe meine Mutter im Krieg verloren, unser ganzes Hab und Gut ist ausgebombt worden. Es kann doch nicht sein, dass schon wieder Nazis aufmarschieren dürfen» , sagte der 71-jährige Norbert Fischer. «Runter von der Rathaustreppe! Warum übt die Stadt ihr Hausrecht nicht aus und verbietet diese NPD-Veranstaltung» , fordert Dirk Knoche. «Es kann doch nicht sein, dass die Rechtsextremen dafür sorgen, dass unser Wochenmarkt ausfällt. Wo sind die Finsterwalder, die dagegen auftreten» , fragt er sich angesichts des nahezu leeren Markplatzes. «Ich bin entsetzt» , sagte Anita Beckert, «so viele junge Leute am NPD-Stand zu sehen, die die Grauen eines Krieges überhaupt nicht erlebt haben. Warum ist der Staat nicht in der Lage, so etwas zu verbieten» , meinte die Frau. «Es ist zum Kotzen . . .» , entfuhr es Bürgermeister Johannes Wohmann, als er die Szenerie auf dem Marktplatz beobachtete. Dabei ging sein Blick ebenso zu den NPD-Leuten, wie zu denen, die diesseits der Polizeisperre standen und sich gegenseitig gewaltandrohende Hassparolen zuriefen.
Auch Klaus-Dieter Nawrot aus Massen zog es Sonnabend zum Finsterwalder Marktplatz. Er hatte zuvor den Aufruf des Bürgerbündnisses in der Lausitzer Rundschau gelesen. «Ich bin zu 100 Prozent gegen Rechtsradikalismus» , sagte er. «Dennoch gefällt mir der Stil der Worte nicht, wie zur Gegendemo aufgerufen wird.» Da sei die Rede von «brauner Pest» , die in den Sondermüll gehöre und von «Schwerstinfizierten» , denen nicht mehr zu helfen sei. «Man muss jedem jeden Tag eine Chance geben, umzukehren» , sprach der Pfarrer mit den Organisatoren vom Bündnis. «Mir tun die jungen Leute leid, deren Köpfe vergiftet sind. Doch man sollte nie aufgeben, sie wieder auf den richtigen Weg zu führen.»
Viele Händler am Markt, aber auch in den Straßen der Innenstadt beobachteten das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Manche hatten ihren Laden am Sonnabend erst gar nicht geöffnet, andere schlossen ihn früher, weil ohnehin kaum Kunden kamen – nicht nur wegen des schlechten Wetters. In Geschäften, wo es Getränke gab, hatte das Verkaufspersonal sogar Angst. «Wenn sich solche Veranstaltungen häufen, hat die Stadt Finsterwalde ihr Image nicht nur als Sängerstadt weg» , befürchtet ein Händler, der seinen Namen nicht öffentlich nennen wollte.
«Das war nicht der letzte Auftritt der NPD» , ist sich Lutz Glasewald vom DGB, der sich mit an die Spitze des Bürgerbündnisses gestellt hat, sicher. Die rechtsextreme Partei versuche im Elbe-Elster-Kreis Fuß zu fassen, einen Kreisverband aufzubauen und bei der nächsten Kommunalwahl Leute in die Parlamente zu schicken. «Wir müssen die Bevölkerung wach rütteln und das mit friedlichen Mitteln verhindern. Dazu müssen wir noch mehr um uns scharen, die Gesicht zeigen gegen Rechts und für eine saubere Stadt.» Das Bündnis suche in den nächsten Tagen das Gespräch mit dem Bürgermeister und anderen Persönlichkeiten der Stadt und der Region, «damit der Marktplatz künftig den Demokraten gehört» .
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Erstellt am: 01. Oktober 2007, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Oktober 2007, 02:35 Uhr
Autor: Von Dieter Babbe

Von Dieter Babbe

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