04. Februar 2012, 00:00 Uhr

Wenn man nicht ein noch aus weiß, bleibt da immer noch das Gebet

„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet“ Buch Daniel 9, 18. Vor wenigen Tagen habe ich die Pressemitteilung gelesen: Zwei Männer hatten die Leiche des zehnjährigen Mädchens gefunden, das durch den Abbruch von Kreidefelsen auf Rügen verschüttet worden war.



Das Unglück war am 26. Dezember geschehen. Die Mutter und ein zweites Kind konnten verletzt geborgen werden. Doch nach dem zehnjährigen Mädchen hatte man vergeblich gesucht, bis man den Einsatz abbrach.

Nun waren zwei Männer bei einem Kontrollgang entlang der Küste auf die Leiche des Kindes gestoßen, nicht weit entfernt von der Unglückstelle.

In den zurückliegenden Wochen bin ich immer wieder in Gedanken bei der Familie, bei den Menschen dort in der Region gewesen.

Wie mögen sie diese Situation, diese Zeit aushalten? Plötzlich ist ein Kind weg. Anfänglich mag es noch Hoffnung gegeben haben, dass man es retten kann. Doch mit jedem weiteren Tag schwindet diese Hoffnung.

Einsatzkräfte und Helfer müssen schließlich die Entscheidung treffen: Der Einsatz, die Suche wird abgebrochen.

Dabei hat man das Kind noch nicht gefunden. Eine letzte Gewissheit fehlt; ein Ort fehlt, von dem man sagen kann: Hier ist sie jetzt.



Wie kann man das aushalten? Wie kann man in solcher Situation bestehen?

Der biblische Leitvers für den Sonntag und die neue Woche lenkt unsere Gedanken auf das Gebet. Aus dem Buch Daniel heißt es:

„Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deinen große Barmherzigkeit.“



Wenn man liegt, hat man seine Aktivitäten im Wesentlichen eingestellt. Im Liegen kann man kaum noch etwas ausrichten.

Ja, wenn einer unten liegt, der hat sich wohl in sein Schicksal ergeben, der kann nicht mehr.

Doch selbst im Liegen, wenn man ganz weit unten ist und nicht ein noch aus weiß, dann bleibt da immer noch das Gebet. Das Gebet, in dem ich meine Dinge, meine Sorgen und Nöte vor Gott bringen kann. Und zwar vor einen Gott, der mir mit Barmherzigkeit begegnet, der ein offenes Ohr für mich hat.

Die Menschen da im Buch Daniel haben dies praktiziert. Sie haben ihre Hoffnung auch auf Gott gesetzt, der ihnen in seiner Barmherzigkeit aufhelfen, weiterhelfen kann.



Und darum hoffe ich, dass die Menschen auf Rügen auch immer wieder solche Worte des Gebetes finden. Darum habe auch ich sie so manches Mal in meine Gebete eingeschlossen.

Das, was da am 26. Dezember geschehen ist, lässt sich im Gebet nicht rückgängig machen. Doch das Gebet mag eine Hilfe sein, in dieser Situation zu bestehen und bei diesem Abschied nicht ganz und gar zu verzweifeln.

Ich wünsche allen Lesern einen gesegneten Sonntag.



Michael Seifert

ist Pfarrer

in Wahrenbrück

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Erstellt am: 04. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 04. Februar 2012, 03:25 Uhr
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