13. November 2010, 00:00 Uhr

Weil keiner vergessen werden soll

Karl-Heinz Keilwagen pflegt seit 50 Jahren den sowjetischen Soldatenfriedhof

Schönewalde Mit Blumen geschmückt ist keines der Gräber. Eine helle Kiesschicht bedeckt die Erde, in der die Toten ruhen: sowjetische Soldaten, die bis zum Kriegsende 1945 in der Umgebung zu Tode kamen. Auf den Steinen sind die kyrillischen Buchstaben ihrer Namen oft nur noch schwer zu lesen. Auf einigen sucht man sie vergebens.

Dann sorgt lediglich eine Zahl für Identität, denn alle Steine sind nummeriert. Fortlaufend. Bis zur 157. Karl-Heinz Keilwagen, der langsam zwischen den schnurgeraden Reihen auf den sauber geharkten Wegen entlang läuft, sagt: „Hier ruhen weit mehr Menschen. Schauen Sie, da hinten, das in der Ecke dort, ist ein Massengrab.“

Der 72-Jährige ist der einzige regelmäßige Besucher auf dem Soldatenfriedhof. Er ist auch der Einzige, der sich intensiv um die Ruhestätten kümmert – seit etwa fünf Jahrzehnten, mit nur wenigen Helfern. Nur wenn Instandhaltungen über das Maß dessen hinausgingen, was aus privaten Mitteln zu finanzieren war, versuchte er, Hilfe von Behörden zu bekommen. Gereicht hat sie nie. Seine erste Begegnung mit den Gefallenen hatte Karl-Heinz Keilwagen als Siebenjähriger. Damals sah er, wie sein Stiefvater gemeinsam mit anderen älteren Männern die Gebeine der toten Soldaten auf Anordnung der russischen Kommandantur umbettete.

„Vom Markt, am früheren Hindenburggarten, und von einer Fläche nahe des alten Schützenhauses brachten sie die sterblichen Überreste zumeist mit Schubkarren hierher und setzten sie erneut bei“, erinnert sich der Senior.

Anfang 1947 wurde das Ehrenmal errichtet und im Mai eingeweiht. Was im Laufe der Jahrzehnte auf der Anlage passierte, weiß in Schönewalde niemand so genau wie Keilwagen selbst. Sein Haus steht gegenüber auf der anderen Straßenseite. Außerdem führt er seit den 60er-Jahren die Stadtchronik. Der Heimatgeschichtler berichtet: „Zu DDR-Zeiten gab es an jedem 8. Mai großen Bahnhof mit hiesigen sowjetischen und NVA-Truppen sowie mit Kampfgruppenverbänden. Am Volkstrauertag ebenso.“ Zwischendurch zog wieder Ruhe ein. Dann oblag die Pflege zum größten Teil Karl-Heinz Keilwagen und einer Handvoll Mitstreitern. Nach der Wende fanden mit den neuen Reise- und Recherche-Möglichkeiten endlich auch jene Menschen nach Schönewalde, die die Gräber ihrer Angehörigen lange gesucht hatten.

„Ich erinnere mich an eine Familie aus der Ukraine, die am 15. November 2005 hierher kam“, erzählt er und zeigt auf eine Ruhestätte. Der Stein mit der Nummer 92 trägt seitdem als einziger auf dem Friedhof ein Bildnis.

Dass solche und andere Dinge möglich werden, ist auch der Zusammenarbeit Keilwagens mit Dr. Wolfgang Ditting aus Potsdam von der Arbeitsgemeinschaft „Sowjetische Gräber und Ehrenmale in Deutschland“ zu verdanken. Diesem Kontakt ist unter anderem auch zuzurechnen, dass Wladimir M. Grinin, der Botschafter der Russischen Föderation, mittlerweile die Gegebenheiten in Schönewalde kennt und in der Stadtverwaltung vorsprach.

Vor wenigen Tagen erhielt Karl-Heinz Keilwagen persönlich Post vom Botschafter. Es ist eine Einladung zur Verleihung von Auszeichnungen anlässlich des 65. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Karl-Heinz Keilwagen hat „die Sache“ mit Ehefrau Ingrid besprochen und gemeint, dass er da nicht unbedingt hinmüsse.

Seit 50 Jahren sind beide verheiratet. Sie hat ihn stets begleitet und manches übernommen, vor allem nach gesundheitlichen Problemen ihres Mannes. Diesmal jedoch unterstützt sie seine Meinung nicht. Sie rief stattdessen Herbert Stein, einen guten Bekannten der Familie, an und bat ihn: „Du fährst ihn bitte am Dienstag nach Berlin.“

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Erstellt am: 13. November 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 16. November 2010, 18:13 Uhr
Autor: Von Gabi Zahn

Von Gabi Zahn

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