01. Oktober 2009, 00:00 Uhr

Ex-Sowjet-Soldat reist in Hohenleipisch in die geheime Vergangenheit

Ehemaliger sowjetischer Soldat besucht die Bunkeranlagen bei Hohenleipisch

Hohenleipisch Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, markante Orte seines Lebens nach langer Zeit noch einmal zu besuchen und dort zu schauen, wie sich die einstige vertraute Welt bis heute verändert hat? Yulian Semenchuk aus Ternobil in der Ukraine hat sich jetzt diesen Traum erfüllt. Er ist nach 33 Jahren noch einmal an den Ort zurückgekehrt, an dem er als junger Mann mehr als zwei Jahre seines Lebens zugebracht hat.

Mit ein paar alten Urkunden und einem Satz Schwarz-Weiß-Fotos im Gepäck hat sich Yulian Semenchuk auf die zweitägige Reise per Bus und Bahn aus der Ukraine nach Hohenleipisch gemacht.

Auf der Suche nach einer Unterkunft und einem Dolmetscher wurde er über Internet bei Kerstin Petzold aus Hohenleipisch fündig. Sie ist Lehrerin für Englisch, Russisch und Französisch an einem Gymnasium in Potsdam. Vor kurzem hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Carsten in der Hohenleipischer Bahnhofstraße eine Ferienwohnung eröffnet, sodass der Gast von der geschichtsinteressierten Familie eine kostenlose Unterkunft bekommen konnte.

Kerstin Petzold und Yulian Semenchuk – an dieser Stelle stand er schon einmal vor 33 Jahren. Damals war es geheimes Militärgelände. Fotos: Veit Rösler
Nach einer kurzen Grundausbildung in einer Kaserne in Lemberg, der siebtgrößten Stadt der Ukraine, war Yulian Semenchuk von 1974 bis 1976 während seines Grundwehrdienstes als einfacher Soldat in Hohenleipisch stationiert. Dabei war er mit ein paar Kameraden für die Bewachung des äußeren Ringes zuständig. Was sich hinter dem zweiten Sicherheitsstreifen verbarg, hat er bis in die Gegenwart nicht erfahren. Strengste Geheimhaltung!

Die Soldaten durften nicht einmal einen Fotoapparat besitzen. Die wenigen Bilder, die nur vor neutralem Hintergrund mit Baum oder Gebäudewand aufgenommen werden durften, wurden mit den Kameras der obersten Offiziere gemacht. Auf einem der Fotos ist dennoch die alte Offiziersmesse zu erkennen. Darin befindet sich heute die Leitung des Asylbewerberheimes. Die Geheimhaltung war offenbar auch notwendig, denn wie sich nach der Wende 1990 herausstellte, sollen in der Muna erst SS 20 und später über 20 kleinere SS 21 mit Atomsprengköpfen stationiert gewesen sein.

Erinnerungsfoto aus vergangenen Tagen: Yulian Semenchuk als junger Soldat mit einigen seiner obersten Offiziere. Foto: privat Foto: privat
Die Anlage war in einen inneren und einen innersten Bereich unterteilt, in die nur ausgesuchtes Personal Zutritt hatte. Im inneren Bereich befand sich eine 60 Meter lange Halle mit mächtigen mit Bleiplatten versehenen Türen – gegen die Reststrahlung.  Im innersten Bereich waren die Straßen mit einem Tarnnetz überspannt, als Gegenmaßnahme zur Satellitenaufklärung des „Klassenfeindes“. Nur wenige Male durfte Yulian Semenchuk die Kaserne verlassen. Von einem Sportwettkampf in Tröbitz gegen NVA Angehörige hat Yulian Semenchuk noch immer Urkunden dabei. Ebenso von der „Soldataninitiative 75“, bei der die Armeeangehörigen zum Ernteeinsatz mussten. Das waren auch die einzigen Kontakte mit der deutschen Zivilbevölkerung.

In dieser Bunkerhalle standen die Atomraketen.
Die alten, noch 1998 intakten Bunker der Wehrmacht, von denen es ursprünglich 104 Stück gab und die Reste der mittlerweile zum Teil eingestürzten sowjetischen Lagerhallen sind in den vergangenen 18 Jahren von der Natur zurückerobert worden.

Nach seiner Armeezeit hatte Yulian Semenchuk zunächst keine Arbeit. Dann bekam er einen Studienplatz in Lviv. Im Jahr 1982 konnte er seinen Abschluss an der Fremdsprachenfakultät machen. Dies war die Grundlage, um von 1982 bis 1985 als Fremdsprachenlehrer und von 1985 bis 1987 als Militärdolmetscher in Äthiopien zu leben und zu arbeiten. Nach weiteren Studiengängen ist Yulian Semenchuk heute an der Universität von Ternobil tätig.

Ein alter Wachturm aus Stahl hat im ehemaligen Todesstreifen Zeit und Witterung überstanden. Ihn kennt Yulian Semenchuk besonders gut, viele Stunden seines Lebens hat er hier fröstelnd und mit der Kalaschnikow über der Schulter auf Wache gestanden. Der Turm hat noch immer eine doppelte Stahlwand. Dazwischen eingefüllter Sand sollte feindliche Geschosse stoppen.

Auf dem Tisch des Turmes lässt Yulian Semenchuk ein Geldstück zurück – damit er eines Tages wieder an diesen Ort aus seiner Jugendzeit zurückkehren wird.
  
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Bilderstrecke Hohenleipisch | 01.10.2009
Ex-Sowjetsoldat besucht Kaserne in Hohenleipisch
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Erstellt am: 01. Oktober 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 02. Oktober 2009, 09:59 Uhr
Autor: Von Veit Rösler

Von Veit Rösler

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