04. Februar 2012, 00:00 Uhr

Bauern blicken in Sorge nach Brüssel

Kreisbauernverbandschef Tranze: Wollen unsere landwirtschaftlichen Strukturen beibehalten

Saathain Trotz oder gerade wegen des für die Wintersaaten tödlichen Wetters vor der Haustür zeigten sich die Landwirte aus Elbe-Elster am Donnerstag auf Gut Saathain kämpferisch. Allen voran der wiedergewählte Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, Kurt Tranze. Er sparte nicht mit Kritik an Landes-, Bundes- und EU-Politik. Statt Steaks aus Argentinien wie in der Kantine des Bundestages wünsche er sich im neuen Brandenburger Landtagsgebäude Produkte aus Elbe-Elster.

Beim Kreisbauernverbandstag Elbe-Elster auf Gut Saathain berieten die Delegierten in Anwesenheit zahlreicher Gäste nach der Wahl des Vorstandes fast vier Stunden lang. Den überzogenen Zeitplan kommentierte Verbandschef Kurt Tranze so: „Wenn Landwirte bei der Arbeit sind, dann bleiben sie auch dabei.“ Foto: gb Foto: gb
„Wir wollen unsere landwirtschaftlichen Strukturen in Brandenburg beibehalten“, betonte der einstimmig wiedergewählte Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Elbe-Elster, Kurt Tranze, am Donnerstagnachmittag bei der Tagung des Kreisbauernverbandes Elbe-Elster auf Gut Saathain. Dazu müsse man die Betriebe zukunftssicher machen. „Kooperation wird künftig eine höhere Bedeutung erlangen“, so Tranze. 4000 bis 5000 Hektar würden als Produktionseinheit zum heutigen Stand der Technik passen. Doch es gebe in Deutschland keine Uni, die Fachleute heranbilde, die einen solchen Betrieb organisieren könnten.

Lob an Minister

Große Unsicherheit und Skepsis besteht vorerst weiter, was die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union den Landwirten ab dem Jahr 2014 beschert. „Wir werden sehen, wie wir uns auf die Aussagen von Frau Merkel und Frau Aigner verlassen können, dass die Degression nicht nach Ostdeutschland gehört“, blickt Kurt Tranze voraus und schickt ein Lob an Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD). Das gelingt unmittelbar, denn Vogelsänger war zum Verbandstag nach Saathain gekommen. Gemeinsam mit seinem Amtskollegen aus Mecklenburg-Vorpommern sei es ihm gelungen, in der Agrarministerkonferenz ein einstimmiges Votum gegen eine Kappung der Direktzahlungen und eine Degression – eine Kürzung gestaffelt nach Betriebsgrößen – zu formieren. „Dafür stehe und kämpfe ich. Ein Hektar ist ein Hektar und gleich viel wert, wenn es um die Direktzahlungen geht“, erneuerte Vogelsänger seine Position. Heftig in der Kritik auch in Elbe-Elster ist das von der EU-Kommission vorgeschlagene sogenannte Greening zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2014. Es enthält unter anderem Vorschriften zur Stilllegung von Ackerflächen und Vorschriften zur Anzahl der angebauten Kulturen. Horst Bielagk aus Beyern: „Sieben Prozent Flächenstilllegungen passen nicht mehr in unsere Zeit. Wir wollen allein entscheiden, was und wie viel wir anbauen. Die Flächen werden gebraucht.“

Mehr Nutzfläche notwendig

Jörg Vogelsänger markierte seine Prioritäten: Investitionsförderung für landwirtschaftliche Betriebe, Flurneuordnungsverfahren, ländlicher Wegebau – und erst dann Agrarumweltmaßnahmen.

Anton Blöth vom Deutschen Bauernverband sprach sich gegen staatlich verordnete Fruchtfolgeregelungen aus. Und man benötige nicht weniger, sondern mehr landwirtschaftliche Nutzfläche. An einem nachhaltigen Wachstum der Agrarproduktion führe kein Weg vorbei. Gegen starre und rückwärtsgewandte Greening-Vorschläge der EU werde man sich wehren.

Auf die Kritik von Kurt Tranze zum Verlust von Nutzflächen durch Ausgleichsmaßnahmen für den Straßenbau entgegnete Minister Vogelsänger: „Ja, Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen stoßen irgendwann an Grenzen, irgendwann gibt es keine Flächen mehr.“ Vogelsänger plädierte stattdessen für die Einrichtung eines Fonds, in den einzuzahlen ist und mit dem Geld Grünbrücken gebaut werden könnten.

Initiative gegen Landverlust

Kurt Tranze appellierte an die Anwesenden, sich dringend an der Initiative des Deutschen und des Landesbauernverbandes unter dem Titel „Stoppt den Landfraß“ zu beteiligen. Jeden Tag gehen in Deutschland rund 90 Hektar Felder und Wiesen für die landwirtschaftliche Produktion verloren. Das geschehe durch Infrastruktur- und Baumaßnahmen, Unterschutzstellungen sowie Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen. In Brandenburg handele es sich an jedem Tag um eine Fläche von sechs Hektar. Der Landesbauernverband rechnet auf, dass damit in Brandenburg seit Anfang 2000 eine Fläche verbraucht worden ist, die etwa 108 000 Menschen ernähren könnte. „Auf Beton wächst kein Brot“, erinnerte Anton Blöth vom Deutschen Bauernverband an die Worte seines Präsidenten Gerd Sonnleitner. Er forderte intelligente Lösungen für den Naturschutzausgleich. Am kommenden Dienstag würden Vertreter von Bund und Ländern im Landwirtschaftsministerium zum Thema Flächenschutz beraten. Auf die Frage von Kurt Tranze „Warum müssen alle Windräder auf dem Acker stehen?“ entgegnete Minister Vogelsänger: „Ja, ich unterstütze Kommunen, die Anlagen im Wald haben möchten. Es wird auch Anlagen im Wald geben.“

In Biogas und Solar investieren

Kreisbauernverbandschef Tranze appellierte an die Landwirte, die Möglichkeiten nicht zu verpassen, mit Investitionen in Biogas und Solaranlagen Geld zu verdienen. Es gehe in der Region dadurch keinem etwas verloren, es diene vielmehr der Stabilisierung der Betriebe. Kommunen einen günstigeren Strompreis anzubieten, auf deren Territorium Windräder stehen, stellt sich Kurt Tranze als Weg zu mehr Akzeptanz für den Ausbau der Windenergie vor.
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Erstellt am: 04. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 04. Februar 2012, 09:11 Uhr
Autor: Von Gabi Böttcher

Von Gabi Böttcher

Jüngste Kommentare (1)

Landwirtschaft nutzt allen,

von rudopa

Die Grossbetriebe über 500 ha sollten aber auch denen dankbar sein, die durch den Verzicht auf noch rückzuzahlende Inventarbeiträge ermöglicht haben, dass sie jährlich in Brandenburg 275€ /ha EU- Fördermittel, plus Förderungen für Ölsaaten, Förderung für benachteilugte Gebiete Landwirtschaftsdiesel , usw. erhalten. Die Rechtsverdreher haben sehr schnell reagiert. Aus einem schuldenbelasteten Betrieb wurde ein Betrieb in Liquidation, gegründet wurden neue Betriebe, mit anderem Namen, aber den gleichen Leuten, schuldenfrei. Bei Privatinsolvenz dauert sowas wesentlich länger.
Ich möchte nicht behaupten, dass es überall so gelaufen ist, stehe aber zu Auskunft in meinem belegbaren Fall zur Verfügung.

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