Wo die Sehnsucht spazieren geht
Die Schöpfer der Bilder, die derzeit in der kleinen Galerie der Bücherei Sandow gezeigt werden, können nicht selbst mit den Ausstellungsbesuchern sprechen. Stellvertretend für sie gibt Anette Lehmann-Westphal Auskunft. Die Cottbuser Malerin leitet seit sechs Jahren den Mal- und Zeichenzirkel in der Cottbuser Justizvollzugsanstalt (JVA).
Für die Männer – der jüngste ist 17 Jahre alt und der älteste bereits Rentner – ist der Kontakt zur Zirkelleiterin genauso wichtig wie die Möglichkeit, die eigenen Bilder auszustellen. Auf das Signal von der Außenwelt komme es an, das da laute: «Wir interessieren uns für euch, ihr seid uns nicht egal.»
Namen stehen nicht neben den Bildern. Auf kleinen handgeschriebenen Zetteln teilt die Malerin dennoch einiges über ihre Schöpfer mit. Er sei mit Gewalt groß geworden, heißt es da. Zur Ausstellung hat der Mittdreißiger zwei Bilder beigesteuert, auf denen typische Motive von Tätowierungen mit Blumen konkurrieren.
Von Talent und handwerklicher Erfahrung kündet das Bild einer Kogge, deren Segel sich über aufgewühltem Meer im Wind blähen. Die Männer malen gerne das Meer, den Strand, «eine Idylle, wo ihre Sehnsucht spazieren gehen kann» , sagt die Zirkelleiterin. Auch das Universum taucht als Thema immer wieder auf. Und damit die Frage, woher der Mensch komme und wohin er gehe. Berührend die Festungsmauern, die bei einem ehemaligen Untersuchungshäftling immer wieder als Motiv auftauchen. Mit der akribischen Zeichnung von Tausenden Dachziegeln und Blättern habe er seine Unruhe vor der Gerichtsverhandlung in den Griff bekommen, erzählt die Zirkelleiterin. Von dem Schöpfer zweier Porträts spricht sie als «unserem Picasso» . Über das Kopieren von Picasso-Bildern habe der Mann zu einem eigenen Stil gefunden. Wie die Farben gesetzt und die Formen angeordnet sind, das sei «richtig toll» .
Die Malerin vermittelt vor allem technische Fertigkeiten, gibt Anregungen, die auf den Einzelnen zugeschnitten sind. Vorgeschriebene Themen gibt es genauso wenig wie Eingriffe in die Arbeit. Schließlich wolle sie keine Kopien ihrer eigenen Bilder, sagt Anette Lehmann-Westphal. Vielmehr müsse jeder Einzelne seine eigenen Ausdrucksmöglichkeiten finden.
Für die malenden Häftlinge sei die künstlerische Betätigung deshalb so wichtig, weil sie auf diese Weise selbst etwas herstellen könnten. Viele hätten dabei das erste Mal im Leben ein Erfolgserlebnis.
Weshalb jeder Einzelne hinter Gitter gekommen ist, weiß die Zirkelleiterin nicht. Sie weiß nur: «Die meisten sind schwere Jungs.»
| Service Termine |
Extras zum Artikel
Artikel Teilen:
Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 08. Januar 2005, 01:07 Uhr
Geändert am: 08. August 2008, 21:39 Uhr
Autor: Von Ulrike Elsner

Jüngste Kommentare
Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden