11. September 2011, 13:13 Uhr

Trachten, Tanzwut und Traditionen in Dissen

Dissen Tausende Besucher sind am Wochenende zum Brandenburger Dorf- und Erntefest nach Dissen (Spree-Neiße) geströmt. Der kleine Ort hatte sich in eine Festmeile und ein lebendiges Museum verwandelt.

Das Brandenburger Dorf- und Erntefest hat für Karin Tschuck lange vor der Eröffnung begonnen. Um halb elf steht sie auf der Dissener Hauptstraße vor der großen Festbühne und schüttelt Hände. Die 50-Jährige trägt sorbische Festtracht, einen roten Rock, darüber eine üppige weiße Schürze, die mit einer fliederfarbenen Schleife gehalten wird. Seit dem Morgengrauen ist sie auf den Beinen.

Die Dissenerin ist Regionalsprecherin der Domowina. Beim achten Dorf- und Erntefest, welches zum ersten Mal im Siedlungsgebiet der Niederlausitzer Sorben stattfindet, ist Tschuck für den Festumzug verantwortlich. „Das wurde mir aufgedrückt“, sagt sie mit einem Lächeln. Sie wirkt ruhig, aber angespannt, ihr Blick wandert immer wieder zu ihrer kleinen silbernen Armbanduhr.

Volle Straßen in Dissen

Es ist nun kurz vor elf. Die Straßen des 1000-Einwohner-Dorfes füllen sich schnell. Fahrradfahrer suchen Plätze, wo sie ihre Räder anketten können. Die Sitzplätze vor der Bühne sind alle besetzt. „Wahnsinn, dass es jetzt schon so voll ist“, sagt Karin Tschuck zu Dissens Bürgermeister Fred Kaiser. Beide weichen einer Pferdekutsche aus. Die holt Ministerpräsident Matthias Platzeck und Agrarminister Jörg Vogelsänger (beide SPD) ab, die das Erntefest eröffnen.

Von den Festreden bekommt Karin Tschuck kaum etwas mit, sie spricht mit ihrer Tochter Simone über die Aufstellung im Festumzug. Doch das Lob des Ministerpräsidenten nimmt sie zur Kenntnis: „Die Dissener haben das Fest ganz allein organisiert, ohne Agenturen. Das ist einen Riesenapplaus wert“, sagt Platzeck. Er wisse nicht viel über die Sorben, aber er habe schon gelernt, dass Frauen in grünen Röcken vergeben sind, die in roten aber noch zu haben.

Eine Frau mit Klemmbrett läuft auf Karin Tschuck zu: „Vorne an Bühne drei gibt es keinen Strom, die Blaskapelle sitzt da rum und kann nicht spielen.“ Ruhig hört Karin Tschuck zu und sagt: „Frag mal im Organisationsbüro nach, die können sicher helfen.“ Um halb zwölf macht sich Karin Tschuck auf den Weg Richtung Sportplatz, wo sich die Teilnehmer des Festzuges aufstellen. Nur im Schneckentempo kommt sie vorwärts. Immer wieder muss sie Hände schütteln. Am Organisationsbüro neben dem Heimatmuseum geht sie mit Daniela Vogel die Teilnehmerliste des Festumzuges durch. Über 900 Teilnehmer gestalten 75 Umzugsbilder, die letzte Gruppe hat sich erst am Freitag angemeldet.

In der Döbbricker Straße reihen sich langsam Fußgruppen, mit Heu beladene Pferdewagen und Traktoren hinter der festlich geschmückten Ernte-Kutsche ein, die den Festzug anführt. Karin Tschuck schreitet den Zug ab: „14, 15, 17.Wo ist die 16?“ Doch da sieht sie die Dissener Kräuterfrau schon mit dem Schild Nummer 16 winken. Pferde traben mit Reitern vorbei, kleine Insektenkinder suchen ihre Kindergartentruppe, eine Bäuerin ihren Erntewagen. Dazwischen weisen Ordner in roten T-Shirts den Weg. „Auf die muss ich mich jetzt verlassen, die kriegen das schon hin“, sagt Tschuck. Sie geht selbst mit der Domowina-Ortsgruppe Dissen im Umzug mit. Der setzt sich in Bewegung.

Klaus Roggatz stützt sich am Straßenrand im roten Ordner-Shirt auf den Fahrradlenker und sieht zu, wie der Festzug Richtung Ortsmitte zieht. „Läuft alles“, sagt er. „Zwischendurch wurde es mal kurz hektisch, weil unsere Funkgeräte ausgefallen sind. Wir mussten alles mit dem Fahrrad regeln.“

Auf den Bürgersteigen stehen die Leute dicht an dicht. Viele müssen sich auf die Zehenspitzen stellen, um einen Blick auf den Umzug zu erhaschen. Fast zwei Stunden dauert es, bis das letzte Bild das Ende der Umzugsstrecke erreicht hat. Margret und Walter Schipplock aus Köln haben sich in einen der Höfe geflüchtet, die ihre Tore für die Besucher geöffnet haben. „Wir sind aus Köln Umzüge gewohnt, aber der Dissener ist ganz schön lang“, sagt Margret Schipplock. Die Kölnerin begutachtet zwei schwarz-weiße Kühe, die in einem Gatter im Hof stehen. „Toll, was die Dorfbewohner auf die Beine gestellt haben.“

Nach dem Umzug füllen sich alle Höfe mit Besuchern. Plinse, böhmische Spezialitäten und Wildbratwürste wandern in die Mägen der Besucher. Von einem Ochsen, der sich seit den Morgenstunden über offenem Feuer dreht, ist nur das Gerippe übrig. Die Besucher stehen in Trauben dort, wo alte Erntetechniken gezeigt werden. Bauern hauen schwitzend Körner mit Dreschflegeln aus Getreidegarben.

Tänzchen mit Minister

Für Karin Tschuck geht das Programm um halb vier nach einer kurzen Verschnaufpause auf der Festbühne weiter. Dort stellt sich die Gemeinde Dissen-Striesow vor. Bei der Annemarie-Polka bittet Jörg Vogelsänger Karin Tschuck zum Tanz. Etwas steif wirbelt der Agrarminister die Dissenerin zwischen etlichen Paaren herum. Nach der letzten Drehung sagt der Minister mit Schweißperlen auf der Stirn: „Das müssen wir aber noch mal üben.“

Etwas müde, aber glücklich und zufrieden verfolgt Karin Tschuck vom Rande der Festbühne die Wahl der neuen Erntekönigin und die Preisverleihung der schönsten Erntekrone (siehe Infokasten). „Ab jetzt wird nur noch gefeiert“, sagt Karin Tschuck mit einem breiten Lächeln. Am Organisationsbüro zieht sie mit Daniela Vogel, Sven Mücke und dem Marktkoordinator Holger Wieloch eine erstes Fazit des Dissener Dorf- und Erntefestes. „Wir wissen nicht genau, wie viele Besucher wir am Samstag hatten. Aber unsere Erwartungen wurden weit übertroffen“, sagt Holger Wieloch.

Video und viele Bilder zum Dorf- und Erntefest unter www.lr-online.de



Zum Thema: Infos zum ErnetfestNeue Brandenburger Erntekönigin wurde die 23-jährige Christin Hassatzky aus Dissen. Der Jubel im heimischen Publikum war riesig, als der Landwirtschaftsstudentin die Schärpe umgelegt wurde.Die Preis für die schönste Erntekrone Brandenburgs ging an die Landfrauen aus Ranzig (Oder-Spree). Das Brandenburger Dorf- und Erntefest wird 2012 in Muckwar (Oberspreewald-Lausitz) gefeiert. Der kleine Ort mit rund 160 Einwohnern gehört zur Gemeinde Luckaitztal.
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Erstellt am: 11. September 2011, 13:13 Uhr
Geändert am: 12. September 2011, 10:11 Uhr
Autor: Von Juliane Preiß

Von Juliane Preiß

Jüngste Kommentare (2)

Röckchen von Herrn Platzeck

von lausileser

Herrn Platzeck kann das ja mal passieren, weil er ja auch sehr selten im dunkelroten Röckchen zu sehen ist.
Mach weiter M.P.-jedem seine Meinung zum Rock.
Trotzdem wiedereinmal ein super Höhepunkt in Dissen,schon der Gurkentag(Gibts den noch?) war sehr gut! Dissen lebe hoch!

Achje

von bendte

Das Fest in Dissen war wirklich toll. Aber dass Frauen in grünen Röcken vergeben sei, ist schon rechter Blödsinn, und rote Röcke (insbesondere wenn es sich um gedeckteres Rot handelt) tragen auch verheiratete Frauen, auch recht alte Frauen. Jedenfalls bei uns in der Niederlausitz. Vielleicht sollte sich Herr Platzeck besser informieren - oder den Mund halten.

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