19. September 2010, 12:20 Uhr

Spaziergang auf eigene Gefahr am Cottbuser Lindner-Hotel hinab

 Video Cottbus Angst, Adrenalin, Abenteuer und einen toller Ausblick-das bot der 2. Cottbuser Houserunning all jenen über 50 Lausitzern, die den 60 Meter langen Kopfüberspaziergang in die Tiefe wagten. Mit der Abseilaktion an der Glasfassade des Lindner Congress Hotels, feierte die Unterkunft an der Stadthalle ihren 15 und Radio Cottbus seinen achten Geburtstag.

Foto: Matthias Klinkmüller
Elf, Zwölf, Dreizehn, Vierzehn. Die Türen des Fahrstuhls schieben sich auseinander. Die Schritte fallen schwer, Muskeln verkrampfen, das Herz rast. Auf dem Dach des Kongress-Hotels weht ein leichter Wind. Über ein kleines Podest mit grünem Kunstrasen geht es drei letzte Stufen hinauf. Auf einer Stahlplattform stehend, umklammern die Hände das Gerüst. Die Augen wandern in alle Richtungen. Sie schauen auf die Dächer der Häuser am Markt, zum Kraftwerk Boxberg, zu Windrädern in der Ferne und dann schauen sie in die Tiefe. Der Atem stockt. Die Füße stehen wackelig an der Hauskante und einige Gedanken schwirren zur Selbstberuhigung durch den Kopf: Ab hier gibt es kein zurück mehr. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Andere haben es auch geschafft.

Ja, andere! Aber hier geht es um dein Leben, um deinen inneren Schweinehund. Der Schweinehund hört auf zu bellen, als Tina vom Abseil-Team zu sprechen beginnt. „An dem Punkt haben alle Schiss“, sagt sie. Dann geht es los. Das Klicken eines einrastenden Karabiner ist zu hören und dann wieder die Stimme von Tina: Jetzt lässt du dich wie so ein Baumstamm gerade rüberhängen“. Der Körper folgt der Anweisung. Waagerecht über der Tiefe hängend, fällt der Blick jetzt unweigerlich auf die kleinen Menschen, die neugierig nach oben schauen.

Wieder kommt der Gedanke: Jetzt bloß nicht blamieren. Die linke Hand ist die Steuerhand hat Tina gesagt. Ein Zug am Seil zum Körper hin und schon wird das Halteseil im Nacken lockerer. Der erste Meter ist geschafft. Durch ein Hotelfenster winkt eine Frau von innen. „Schön breitbeinig an der Wand bleiben“, ruft Tina von oben. Radiomoderator Markus gibt mit Mikrofon von unten lautstark Mut. Die restlichen 59 Meter sind wie ein Spaziergang, der allerdings mehr die am Seil ziehenden Arme als die Beine belastet.

Das Überwinden der Kante ist der heikle Punkt. Das bestätigen alle Wagemutigen, dessen Leben für einige Minuten an einem Seil hing. Da ist der bärtige Mario Baciek, der mit seinem gelben Kopftuch aussieht wie ein Pirat. Der 50-jährige Hobbybergsteiger ist Perfektionist. „Ich habe zu Hause verschiedene Schuhe an einer Fensterscheibe hoch und runter geschoben“, sagt der Cottbuser, der glaubt den Schuh mit dem perfekten Halt gefunden zu haben. Sein Fazit: Gut, wenn man vorn an der Kante steht, hat man schon ein ganz schönes kribbeln.Aber wenn man dann rüber ist:einwandfrei.“

Mit rotem Gesicht und erleichtert grinsend, steht auch Felix Herrmann nach seinem Houserunning wieder auf festem Boden. Erst seit kurzem wohnt der angehende Student aus Sachsen in Cottbus. Von der Abseilaktion des Radiosenders hatte er im Einwohnermeldeamt etwas gelesen und sich auch dort gleich angemeldet. Höhenangst. Das war es, was ihn zu diesem Schritt getrieben hat. „Aber die Angst ist gerade der Kick“, erklärt der 19-Jährige. Nach der Kante fühlte er sich sicher. „Der straffe Gurt im Nacken war wie früher, als mich mein Bruder am Kragen gepackt hat“, verbildlicht der Student und noch zwei Worte lässt er über seinen 60 Meter-Spaziergang folgen: „Absolut geil“!

Doch nicht alle Wagemutigen sind auch mutig gewesen. Tina an der Kante kennt sie. Männer die den Mut verlieren, die Angst, Angst um ihr Leben haben. „Das Seil hält 2,2 Tonnen. Glaub mir, es hält auch dich“, redet sie immer wieder auf einen Teilnehmer ein, der den ersten Schritt nicht wagen kann. Vielleicht hat sich der Mann an einen Satz erinnert, an dessen Ende er im Foyer des Hotels seine Unterschrift setzte: „Der Lauf erfolgt ausschließlich auf eigene Gefahr“.
Bilderstrecke Cottbus | 18.09.2010
Houserunning in der Cottbuser Innenstadt

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Erstellt am: 19. September 2010, 12:20 Uhr
Geändert am: 20. September 2010, 13:55 Uhr
Autor: Von Mathias Klinkmüller

Von Mathias Klinkmüller

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