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Cottbus

Ganz normal anders

Cottbus «Schwuchtel, Hinterlader, Schwuli, Dreckstück – all das sind Beschimpfungen, die ich schon unzählige Male gehört habe» , sagt Tobias Schneider. Er liebt Männer und Männer lieben ihn. Tobias Schneider hat es nicht immer einfach in der Stadt. Er sagt, dass er nie mit der Flagge der Homosexuellen durch Cottbus laufen würde. Doch wenn ihn jemand auf sein Schwul-Sein anspreche, frage er nur: «Hast du ein Problem damit?»
11.04.2008
Homo- und Heterosexuelle tanzen gemeinsam bei der Rainbowparty im Cottbuser Glad-House.

«Seit meinem 13. Lebensjahr fühlte ich mich anders.»
Martin Alt aus Cottbus

In einer blauen Jeans und mit Lederjacke betritt Tobias Schneider ein Café. Dort trifft er sich mit einem Freund. Die kurzen blonden Haare hat der 19-Jährige nach oben gegelt. Seine dunkelgrünen Augen funkeln. Von Beruf ist er Veranstaltungskaufmann. Er verdiene sein Geld genauso hart wie jeder andere, sei genauso oft oder selten krank wie jeder Durchschnittsbürger und dennoch, so erzählt er, habe er lange Zeit gedacht, er sei anders als andere.
«Ich wollte es lange nicht wahr haben» , sagt der 19-Jährige. Erst mit Ende 16 habe er sich selbst akzeptiert. Die Umstände in Cottbus hätten es ihm nicht leicht gemacht, sagt Tobias Schneider. Er hatte Angst – vor den Reaktionen der Freunde und den anderen Leuten in der Stadt. Angst, die Familie zu enttäuschen. «Ich wusste, dass viele negativ reagieren werden, und genau das ist auch passiert. Mein Freundeskreis hat sich verändert.»
In Cottbus zu leben, sei nicht immer einfach, sagt Tobias Schneider. Die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren aber verändert. Als Beispiel führt er die Rainbow-Party im Glad-House an. «Wenn ich die früher verlassen habe, hatte ich Angst, von schwulenfeindlichen Heterosexuellen verprügelt zu werden. Jetzt ist das nicht mehr so.» Inzwischen sei die Hälfte der Besucher heterosexuell.
Dennoch gibt es Ausgrenzungen. «Wir dürfen als Homosexuelle kein Blut spenden, weil wir zur HIV-Risikogruppe gehören. Das finde ich nicht in Ordnung» , sagt Tobias Schneider. Seiner Ansicht nach sind Homosexuelle nicht mehr oder weniger gefährdet als Heterosexuelle.

Selbstakzeptanz schwierig
Auch der Cottbuser Martin Alt lebt seine Homosexualität aus. «Wir sind normale Menschen» , sagt der 19- Jährige. «Seit meinem 13. Lebensjahr fühlte ich mich anders.» Seine Mutter weiß erst seit November, dass er homosexuell ist. So lange hat er gebraucht, ehe er genug Mut hatte, um es ihr zu erzählen. Er führe ein relativ ruhiges Leben in Cottbus. «Natürlich gibt es Ausnahmen und Tage, an denen man denkt, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Aber dann gibt es Menschen, die für mich da sind.»
Auf 500 bis 600 Personen schätzt Alt die Szene in Cottbus. Doch ein Miteinander gebe es nur mit wenigen. «Die Cottbuser sind keine verschworene Gemeinde. Die Leute tratschen über alles und jeden. Das tut manchmal sehr weh.»
Eine schwere Vergangenheit hat Michael Schölzel hinter sich. Seit seinem zwölften Lebensjahr weiß er, dass er Männer liebt, doch in der DDR-Zeit konnte er das nicht ausleben. «Wer erwischt wurde, musste mit Repressalien rechnen» , sagt er. Weil er das nicht wollte, heiratete er. Fünf Kinder sind aus der Ehe hervorgegangen. Doch vor zweieinhalb Jahren hat sich Michael Schölzel geoutet. Sein bisheriges Leben bereut er nicht. «Ich würde nichts anders machen. Wäre die DDR-Zeit eher zu Ende gegangen, hätte ich meine Neigung schon früher ausleben können, aber ich liebe meine Kinder und möchte nicht auf sie verzichten.»
Eigentlich geht Schölzel offen mit seiner Sexualität um. Als er aber im vergangenen Oktober im Hort einer Cottbuser Schule zu arbeiten begann, machte er ein Geheimnis daraus. «Die Atmosphäre war einfach so komisch. Ich hätte das dort nicht sagen können.»
Heute engagiert sich der 45-Jährige im Aids-Hilfe-Verein Lausitz, fährt zum Christopher Street Day, mit dem Homosexuelle um mehr Akzeptanz für sich werben, und fehlt auf keiner Rainbowparty. Er sei gern in der Szene unterwegs, sagt er.
Bei Daniel Krause* kennen bis heute nicht einmal alle Angehörigen seine Neigung. Als er sich Anfang des Jahres 2000 seinen Eltern hatte anvertrauen wollen, ging das schief. «Mein Vater hat fast drei Monate nicht mehr mit mir gesprochen. Er wollte einfach nichts mehr mit mir zu tun haben» , erzählt der 20-Jährige. Während seiner Ausbildung habe es sogar Kunden gegeben, die nicht von ihm bedient werden wollten. Viele Jugendliche lachten über ihn oder beschimpften ihn sogar. «Auch die Älteren sind schlimm. Sie sind altmodisch und wollen das einfach nicht akzeptieren» , erzählt Daniel Krause. Vor allem in der Schule sei es anfangs sehr schwer gewesen. «Doch ab der 10. Klasse wurde es plötzlich human. Die Leute haben damit gelebt.» Öffentlich outen würde er sich trotzdem niemals. «Das geht andere einfach nichts an und wer weiß, was sonst passiert.»

Von Hassern verfolgt
Auch der 18-jährige Chris Müller* denkt so. «Ich bin doch nicht wahnsinnig. In meiner Ausbildung stehe ich jeden Tag in der Öffentlichkeit. Was würden Kollegen oder Kunden sagen, wenn sie wüssten, dass ich schwul bin.»
«Es gibt immer wieder Situationen, in denen mich Freunde oder Kollegen ansprechen und fragen, ob ich schwul sei. Da winke ich immer ab und sage ,Nie im Leben’.» Besonders Angst hat der 18-Jährige vor schwulenfeindlichen Heterosexuellen. «Ich war einmal in einer kleinen Stadt in einer Szene-Kneipe. Als ich rauskam, musste ich zusehen, dass ich die Beine in die Hand nehme. Da haben mich vier Leute verfolgt und wollten mich verprügeln. Seitdem bin ich sehr vorsichtig geworden, was das öffentliche Leben angeht.» Heute fahre er fast immer nach Berlin, um zu feiern. «Ich nutze die Anonymität der Großstadt» , sagt er.

Frauen haben es leichter
Die Cottbuserin Mandy Asmussen-Scharnetzki hat vor vier Jahren eine Frau geheiratet. «Auch ich hatte lange Zeit Probleme damit, dass ich das gleiche Geschlecht liebe, aber inzwischen ist es für mich ganz normal.» Sie sagt: «Frauen haben es sowieso leichter als Männer. Heterosexuelle Männer finden es sogar toll, wenn sie Frauen kennen, die lesbisch sind.» Doch bis zum Jahr 1996 habe es immer wieder Übergriffe auf Homosexuelle gegeben. «Wir wurden beleidigt und sogar angespuckt» , erinnert sich die heute 36-Jährige. Danach sei Ruhe eingekehrt. «Wahrscheinlich, weil Homosexualität plötzlich öffentlich diskutiert wurde und dadurch jeden etwas anging.» Doch seit zwei Jahren gebe es einen Trend hin zur selben Intoleranz wie vor dem Jahr 1996.
Mandy Asmussen-Scharnetzki engagiert sich gemeinsam mit Michael Schölzel im Aids-Hilfe-Verein Lausitz. Besonders die Aufklärungsarbeit in Schulen sei ein großes Anliegen. Dabei komme auch das Thema Homosexualität zur Sprache. «Lehrer haben plötzlich wieder Berührungsängste mit dem Thema. Auch in der Öffentlichkeit wird nicht mehr ausreichend über Homosexualität gesprochen» , stellt sie fest. Außerdem gebe es in Cottbus keine Anlaufstelle mehr, bei der Jugendliche, die mit ihrer Homo sexualität Probleme haben, Ansprechpartner finden. «Der Verein Andersartig, der vor ein paar Jahren da war, hat sich zurückgezogen. Jetzt versuchen wir als Aids-Hilfe-Lausitz, eine Anlaufstelle zu sein.» * Namen von der Redaktion geändert
von Benjamin Seidemann
 
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