Fade bis fadenscheinig
Die Neuinszenierung der „Slum Dogs“ hatte am Sonntag Premiere in der Cottbuser Bühne 8
Cottbus Ein gutes halbes Jahr und 30 Plusgrade ist es her, dass das Stück nach Gorkis „Nachtasyl“ im Souterrain der Studentenbühne schon einmal aufgeführt wurde. Das futuristisch aufgeblasene Endzeitdrama, dem die Zuschauer mit Sonnenbrillen folgen mussten, wird damals nicht nur die Rundschau-Kritikerin unfroh gestimmt haben: Jedenfalls machte sich die Studentenbühne gleich nach der Premiere daran, es noch mal von vorn zu versuchen. Die gute Nachricht: Die Sonnenbrillen sind jetzt weg.
Bühne 8-Chef Mathias Neuber lässt das Stück auch diesmal in gleißendem Weiß spielen, während die Außenwelt per Flachbildschirm in den Raum dringt. Wirklich die Außenwelt? Herbergsvater Kostiljew ist es, den wir beim Beobachten beobachten. Der Asylchef, der aus unerfindlichen Gründen hier den Namen Schimpfer bekam und in Big Brother-Manier das traurige Treiben steuert. Wobei Big Brother den assoziationswilligen Zuschauer schon mal in die richtige Richtung lenkt. Denn wo sonst könnte man verrottete Sitten und Menschenverachtung ansiedeln, wenn nicht… in einem Fernsehstudio! Wir sind online, wird uns erklärt. Gott sei Dank taucht bald der Streetworker Luka auf, in breitem Sächsisch Elvis' „In the Ghetto“ intonierend. Den Luka spielt Regisseur Neuber selbst und seine Attitüde lässt immerhin ahnen, warum er derart hartnäckig an dem Stoff festhält. Luka bringt mit faustdicken Lügen Hoffnung ins Asyl. Im Text jedenfalls. Aus dem Publikum ist ein erstes Schnarchgeräusch zu vernehmen.
Die falsche Bühne, das falsche Stück. Den jungen Leuten ist das nicht vorzuwerfen, Neuber schon. Zumal ein Stoff, zu dem das Ensemble (allesamt Laien!) keinen echten Zugang hat, auch darstellerische Defizite mitleidlos enttarnt. Auszunehmen: Karoline Leder. Der Souffleur ist auch gut. Ansonsten wird getönt, gepost und aufgesagt, manches gerät unfreiwillig zur Karikatur. Nie starb jemand auf einer Bühne geräuschvoller als die ächzende Anna. Ein buntes Allerlei an Regiezitaten, nicht alle logisch, der Gipfel: die Carmina Burana zu Pepes zornig-verzweifeltem Zusammenbruch. Wenigstens Anna muss es nicht mehr mit ansehen. Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht, auf der Bühne schon gar nicht. Die Auseinandersetzung mit Würde und Wahrheit muss sein, sonst bleibt für später nur das politische Hochamt. Und jetzt, bitte, keinen dritten Aufguss davon, sondern bitte bald wieder etwas wirklich Eigenes. Es darf sehr gern eine Nummer kleiner sein.
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Erstellt am: 17. Januar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 17. Januar 2012, 02:35 Uhr
Autor: Von Sylvia Belka-Lorenz

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