08. April 2010, 00:00 Uhr

Die Schattenseiten des Straßenverkehrs

Zwei Polizisten unternehmen in einem unauffälligen Auto eine Kontrollfahrt durch Cottbus

Cottbus Eine junge Frau ignoriert zwei rote Ampeln in Folge. Ein Lastwagenfahrer hat den Minibagger auf seiner Ladefläche notdürftig mit einem zerfetzten Gurt gesichert. Ein Autofahrer will sich mit vermeintlicher Rechtskenntnis herausreden: Wenn Polizisten in einem Zivilfahrzeug durch Cottbus fahren, erleben sie die Schattenseiten des Straßenverkehrs.

Polizeihauptkommissar Gerd Meixner prüft die Personalien eines Autofahrers am Cottbuser Stadtring. Foto: René Wappler Foto: René Wappler
Mittwoch, 10.30 Uhr. Eine junge Autofahrerin ignoriert die rote Ampel an der Straße der Jugend. Fast ist sie aus dem Blickfeld verschwunden, da reihen sich die Polizisten Gerd Meixner und Frank Fechner mit ihrem Zivilfahrzeug in den Verkehr ein. Sie folgen der Frau in die Dresdener Straße, wo sie ein zweites Mal bei Rot über eine Kreuzung fährt. In der Hermann-Löns-Straße hält Gerd Meixner die Signalkelle aus dem Autofenster. Er winkt die Frau auf einen Parkplatz. Sie steigt gemeinsam mit ihrem Beifahrer aus.

„Was hab ich getan?“, fragt sie.

„Sie sind zwei Mal bei Rot gefahren“, sagt Meixner. „Eben hatten die Ampeln umgeschaltet, und Sie sind trotzdem noch drüber.“

„Oh“, entgegnet sie. „Da hab ich nicht wirklich geguckt.“

Ihr Beifahrer mischt sich ein: „Macht doch was Freundliches draus, einen Fuffi, Cash, ordentliche Quittung – Mensch, Leute, die Sonne scheint.“

Guter Versuch. Doch die Polizisten lassen sich nicht erweichen, auch wenn sie bei den Worten des Beifahrers lachen. Bußgeldverfahren, 90 Euro plus Bearbeitungsgebühr sowie drei Punkte.

Zwei Polizisten sind also an diesem Mittwoch in Cottbus unterwegs, sie haben sich bewusst dazu entschlossen, auf das Dienstfahrzeug in den Signalfarben der Polizei zu verzichten – denn wenn sie wie gewöhnliche Autofahrer wirken, erleben sie den Straßenverkehr in der Stadt in seinem alltäglichen Irrsinn.

Da pocht ein Autofahrer am Stadtring, der seinen Gurt nicht angeschnallt hat, gegenüber den beiden Beamten auf Paragraf 21a der Straßenverkehrs-Ordnung. „Ich fahre doch bloß bis zum nächsten Briefkasten“, erklärt er. „Da muss ich den Gurt nicht anlegen.“

Energisch schüttelt Frank Fechner den Kopf. „Dieser Paragraf gilt nur, wenn Sie lediglich von einem Haus zum nächsten fahren – und da Sie auf dem Stadtring unterwegs sind, leuchtet mir Ihr Argument nicht ein.“ Das heißt: 30 Euro Verwarnungsgeld.

„Manche Leute versuchen eben zu feilschen“, erklärt Fechner später. „Wie auf dem Basar.“

Mit ihrer Kelle holen die Polizisten Autos aus dem Verkehr.
Entsetzt schaut ein Mann in der Pappelallee durch die Windschutzscheibe seines Autos, als er entdeckt, dass es Polizisten sind, die ihn aus dem Verkehr winken. Schnell nimmt er das Mobiltelefon von seinem Ohr – aber eben nicht schnell genug. „Scheiß Handy“, murmelt er. „Am besten ist es, man lässt die Scheißdinger im Büro liegen.“ Mit den Beamten will er nicht diskutieren – im Gegenteil, er nickt, als sie ihn belehren, und nahezu hilflos rudert er mit den Armen, als wolle er seinem Ärger über sich selbst stärkeren Nachdruck verleihen: „Ich weiß doch“, ruft er. „Ich weiß, dass das verboten ist.“

Weiter geht die Tour der Polizisten. Sie fahren über die Bahnhofstraße in Richtung Süden, und am Stadtring fällt ihnen ein Lastwagen ins Auge, auf dessen Ladefläche ein kleiner Bagger und mehrere Rohre mit Gurten festgeschnallt sind. „Das ist doch gar nicht richtig gesichert“, sagt Gerd Meixner. Die Polizisten fahren vor dem Lastwagen in die rechte Spur, sie bremsen, steigen aus und begutachten die Ladefläche. Die Rohre wackeln bedenklich. „Sagen Sie mal Ihrem Chef Bescheid“, erklärt Frank Fechner. „Der zerfetzte Gurt fliegt künftig raus aus Ihrer Sammlung, sonst gefährden Sie andere Autofahrer.“

Frank Fechner winkt den Verkehr an der Pappelallee durch.
Voll auf das Gaspedal tritt Fechner schließlich während der Tour durch Cottbus am Nordring, als er einen weiteren Autofahrer entdeckt, der am Steuer telefoniert. Scharf wendet der Polizist das Fahrzeug an der Kreuzung zur Sielower Landstraße, er folgt dem Verkehrssünder und beschleunigt auf 100 km/h, um ihn noch zu erreichen, ein Blitzer löst aus, wovon sich die Polizisten nicht irritieren lassen – und schließlich holen sie den Audi ein. Der Fahrer nickt verständig, als ihn die Polizisten auf sein Vergehen ansprechen. „Das Bußgeld geht völlig in Ordnung“, sagt er. „Auch wenn ich eigentlich die zusätzlichen Punkte in Flensburg für das Telefonieren im Auto für überzogen halte.“

Mit 100 km/h einem Verkehrssünder zu folgen, sagt Gerd Meixner, das sei in Cottbus noch gar nichts. „Oft genug müssen wir auch schneller fahren – wenn es uns möglich ist.“ Wegen des Blitzgerätes, dem die Beamten ins Netz gegangen sind, macht er sich keine Gedanken. „Da hat die Polizei eine Absprache mit der Stadt getroffen, unsere Fahrzeuge sind entsprechend registriert.“ Und dann greift Frank Fechner zum Mobiltelefon und spricht mit einem Kollegen – aber da ist er bereits aus dem Auto ausgestiegen. Zurück in der Polizeiwache an der Tranitzer Straße.  
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Erstellt am: 08. April 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 08. April 2010, 09:35 Uhr
Autor: Von René Wappler

Von René Wappler

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