10. November 2009, 00:00 Uhr

Die Cottbuser JVA war die wichtigste politische Haftanstalt der DDR

„Das Zuchthaus Cottbus“ aua der Reihe „Cottbuser Blätter“

Cottbus „Cottbus war die wichtigste politische Vollzugshaftanstalt in der Ära Honecker“, sagt Edeltraud Wiegand vom Regia-Verlag. Das hätten dreijährige Forschungen des Journalisten Dr. Tomas Kittan belegt. Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ist in dem Cottbuser Verlag ein Sonderheft der Cottbuser Blätter zum Thema „Das Zuchthaus Cottbus“ erschienen.

Die Cottbuser Haftanstalt sei einer der zentralen Orte gewesen, an dem politische Gefangene in der DDR inhaftiert waren, die von der BRD freigekauft wurden, sagt Herausgeber und Museumsleiter Steffen Krestin. „Dieser Teil unserer Stadtgeschichte“, so Krestin, „wird nun erstmals öffentlich und bietet sicher Anlass, weitere Forschungen aufzunehmen.“

Dr. Tomas Kittan geht nach eigenen Worten von „mindestens 5000 Häftlings-Freikäufen direkt aus Cottbus“ aus. Diese Zahl ergebe sich vor allem aus den Aussagen von mehr als hundert Zeitzeugen – Insassen und Personal der Strafvollzugsanstalt. „Cottbus hatte unter allen DDR-Gefängnissen den höchsten Anteil Freigekaufter“, so Kittan. Da eine Reihe von Häftlingen später in andere Gefängnisse gekommen oder vor ihrem Freikauf entlassen worden sei, hält der Autor nach eigenen Worten „eine Gesamtzahl von 8000 freigekauften Frauen und Männern mit Cottbus-Bezug“ für realistisch.  „Diese Dimension und Konzentration des Freikaufs auf eine Stadt“, so Kittan, „waren einmalig in der DDR.“

Stasi-Opfer besuchen Cottbuser JVA


Cottbus sei in gewisser Weise mit Bautzen II vergleichbar gewesen. „Doch wären nicht wenige Bautzener Häftlinge“, schreibt der Autor, „auch in der Bundesrepublik . . . strafrechtlich verfolgt worden, z.B. wegen Spionage, Raub, Mord und Totschlag. Das traf auf die meisten Cottbuser nicht zu.“ Seit Ende der 60er-Jahre seien im Durchschnitt 80 Prozent der in Cottbus inhaftierten Männer aus politischen Gründen verurteilt worden. Kriminelle hätten in Cottbus seit dem Jahr 1970 immer eine Minderheit gebildet.

Im Zuchthaus Cottbus, so Edeltraud Wiegand, habe die DDR ihre Staatsfeinde, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler, Pfarrer – die kritische Intelligenz der DDR – konzentriert.  Mit den Devisen-Einnahmen aus Freikäufen der Cottbuser Haftanstalt in Höhe von etwa 500 Millionen DM habe die DDR ihre marode Wirtschaft sanieren wollen.

In der reich illustrierten Broschüre hat Kittan die Sonderrolle des Zuchthauses seiner Heimatstadt vorgestellt. Er hat dafür nach Verlagsangaben rund 10 000 Archivalien eingesehen und 1000 Zeitzeugen kontaktiert. Detailreich ist der Haftalltag geschildert. Der Leser gewinnt ein Bild von den Verwahrräumen, die teilweise mit Vierstock-Betten ausgestattet waren. In 20 berührenden Kurzporträts hat Kittan persönliche Schicksale dargestellt.

Das Heft sei vor allem den ehemaligen politischen Häftlingen gewidmet, betont der Autor. Es solle „aber auch jenen Cottbusern die Augen öffnen, die noch heute glauben, die ,Politischen' saßen zu Recht.
Titelblatt der Neuerscheinung. Repro: Regia-Verlag
Bilderstrecke Cottbus | 26.08.2009
Eindrücke aus dem ehemaligen Cottbuser Gefängnis
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Erstellt am: 10. November 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 10. November 2009, 09:32 Uhr
Autor: Von Ulrike Elsner

Von Ulrike Elsner

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