23. April 2009, 00:00 Uhr

Cottbuser Tram-Netz-Plan heftig umstritten

Pro Bahn nimmt Cottbuser Modellstadt-Bewerbung erfreut zur Kenntnis

Cottbus Einem auf „drei starke Linien“ abgespeckten Straßenbahn-Netz, wie von Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) und der SPD-/Grüne-Fraktion der Cottbuser Parlamentsrunde taufrisch in die Debatte um die Zukunft der Tram geworfen, erteilen viele Bürger eine Abfuhr.

Dieses Bekenntnis zu Tram und Bus fordern die Bürger für Cottbus weiter großflächig ein. Foto: LR-Archiv/Behnke Foto: LR-Archiv/Behnke
Pro Bahn-Landeschef Dieter Doege und der Cottbuser Dr. Michael Schierack (CDU) sehen sich deshalb in ihrer Überzeugung bestärkt, dass die Stadt mit ganzer Kraft in eine für die Nutzer bequemer organisierte Tram investieren sollte.

Dienstagabend im Cottbuser Brauhaus: Im Saal bleibt kein Stuhl leer. Das Interesse an der Informationsveranstaltung zur Zukunft der Cottbuser Straßenbahn ist groß. Da ist es „ein guter Zufall“, wie Oberbürgermeister Frank Szymanski behauptet, dass das in den vergangenen Wochen schon heftig umstrittene Gutachten zum öffentlichen Personennahverkehr nun in der Endfassung vorliegt und sorfort auf die Stadtseiten im Internet eingestellt worden ist. Gern sei er der Einladung der Veranstalter nach der „sehr, auch in der Schärfe, guten Diskussion“ der Cottbuser zur Zukunft der Straßenbahn gefolgt, so das Stadtoberhaupt. „Die klare Aussage der Bürger ist, die Tram ist eines der liebsten Kinder der Stadt“, schlussfolgert der als wortgewandt bekannte Oberbürgermeister.

Oberbürgermeister Frank Szymanski
Sein Programm arbeitet Frank Szymanski professionell ab: Er stellt fest, es habe nie eine Vorentscheidung der Verwaltung gegeben, die Straßenbahn in Cottbus abschaffen zu wollen.  Lediglich ansatzweise sei das Gutachten zur Überarbeitung des aus dem Jahr 1998 stammenden Verkehrsentwicklungskonzeptes in den Ausschüssen der Stadtverordnetenversammlung vorgestellt worden.

Visionäre Vorschläge

Das vollständige Arbeitspapier, auf dessen Basis nunmehr Investitionsentscheidungen in Höhe von 60 Millionen Euro in den nächsten Jahren für Cottbus zu treffen seien, liege erst jetzt vor. Szymanski nennt den Ausbau der Bahnhofstraße, den zweiten Bauabschnitt der Straße der Jugend, die Jessener Straße, den Anger und den Neuerwerb von 20 Straßenbahnen. Und er kritisiert: „Es ist nicht seriös, visionäre Vorschläge zu machen, die nicht finanziell untersetzt sind.“ Das Stadtoberhaupt ist diesbezüglich ganz klar im Vorteil.  Denn er kennt die Ergebnisse des von der Stadt bezahlten Gutachtens so gut wie offensichtlich sonst aus der Parlamentsrunde nur noch die Stadtverordneten von SPD und Grünen: Das zeigt sich, als er seine Vorzugsvariante für das künftige Straßenbahn-Liniennetz präsentiert. Dieses entspricht dem bereits von der Fraktion öffentlich gemachten Vorschlag mit drei verbleibenden Straßenbahnlinien (die RUNDSCHAU berichtete). Die Wirtschaftlichkeit zur Erweiterung des Netzes sei nicht gegeben, verkündet Szymanski zudem.

Pro Bahn-Experte Dieter Doege
Ernstes Bemühen vermisst

Pro Bahn-Experte Dieter Doege kontert: Bisher ließe der Tram-Zukunftsplan der Rathaus-Spitze jedes Bemühen, mehr Fahrgäste für die Cottbuser Straßenbahn zu gewinnen, schmerzlich vermissen. Cottbus sei die „Stadt der kurzen Linien“. Das Einsteigen in die Tram sei für viele Bürger unattraktiv, weil die Beförderungsmittel nicht gut miteinander verknüpft seien. Dies sei ein hausgemachtes organisatorisches Problem.  Studenten zwängten sich lieber in den überfüllten Bus zum Bahnhof, um vor der Stadthalle nicht der abfahrenden Bahn nachschauen und dann eine Viertelstunde auf die nächste Tram warten zu müssen. Denn in der Zeit seien sie mit dem Bus auch am Bahnhof angekommen. In der Stadt fahre jedes Verkehrsmittel separat vor sich hin, mit einem integrierten Taktverkehr aber ließen sich viel mehr Menschen deutlich bequemer bewegen. Mit der Strategie, Linien wie beispielsweise die nach Madlow weiter zu verkürzen, werde dagegen für den öffentlichen Personennahverkehr genau das Gegenteil erreicht.

Bürger-Veto eingelegt

Das bestätigen die Nutzer, die zahlreich im Saal sitzen und nun die Chance nutzen, sich zu äußern. Ursula Möller mahnt an, dass die Madlower Senioren auf die Straßenbahn angewiesen seien, um überhaupt noch ins Stadtzentrum gelangen zu können. Sie steige wieder ins Auto ein, wenn die Linie gekappt werde, kündigt sie an.  Edgar Seidler verweist darauf, dass etwa 4000 Schüler das Oberstufenzentrum II besuchten und die Linie 3 auf deren Bedürfnisse besser abgestimmt sein sollte. Klaus Billerbeck erklärt, dass die derzeitige Ströbitzer Linie auch künftig auf ganzer Länge gebraucht werde. Und aus der Mitte der Bürger kommt der Hinweis, dass das vom Oberbürgermeister favorisierte Drei-Linien-Konzept ausgerechnet die beiden großen Cottbuser Friedhöfe vom Tram-Netz abzukoppeln drohe. Diese Variante, so der Vorwurf, verschlechtere die Situation weiter und liefere in einigen Jahren dann guten Grund, die Tram abzuschaffen. Der Oberbürgermeister weist diese Kritik zurück. Teilstilllegungen eröffneten der Stadt beispielsweise finanziell die Möglichkeit, den Hauptbahnhof direkt an das Straßenbahnnetz anzubinden und die Tram attraktiver zu machen. Dies sei das gemeinsame Ziel, dem auch er sich verpflichtet fühle und dem er sich stelle.
„Wir haben erfreut zur Kenntnis genommen, dass die Stadtverwaltung schnell auf unseren Vorschlag reagiert hat, Cottbus als Modellstadt für Elektromobiltät ins Gespräch zu bringen“, erklärt Dieter Doege vom Verein Pro Bahn. Oberbürgermeister Frank Szymanski hatte erklärt, dass in Zusammenarbeit mit vier Professoren der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus der Förderantrag auf den Weg gebracht worden sei (die RUNDSCHAU berichtete). Der Bund hatte im Konjunkturpaket II eine Summe in Höhe von 115 Millionen Euro für sieben Modellstädte deutschlandweit zur Verfügung gestellt.

„Das Potsdamer Umweltministerium hatte uns bestätigt, dass Cottbus die Stadt in Brandenburg sei, die die größten Chancen habe, an einem solchen Modellprojekt teilzunehmen“, erklärt Doege. Denn die Feinstaubbelastung sei ausgesprochen hoch, es bestehe dringender Handlungsbedarf, positiv auf die Reinhaltung der Luft einzuwirken.  „Der Einsatz von Elektrofahrrädern ist für Cottbus interessant. Solarzapfstellen und Rad-Aufbewahrungsstationen an den Endhaltestellen der Straßenbahn könnten die Tram attraktiver machen und die Stadt viel umweltfreundlicher gestalten“, sagt Dieter Doege zur Grundidee.

Dr. Michael Schierack (CDU)
Dr. Michael Schierack sagt, er habe verwundert zur Kenntnis genommen, dass seiner Bitte auf Einsicht in das Gutachten zum öffentlichen Nahverkehr im Rathaus mit dem Verweis auf eine "ergebnisoffene Diskussion" mit den Bürgern nicht entsprochen, anderen dies allerdings gewährt worden sei. Schierack zeigt sich trotzdem "hoch zufrieden" mit der Veranstaltung. Denn die Cottbuser hätten ihre Hinweise und Kritiken sehr sachlich und klar formuliert. KaWe

 

Bilderstrecke Cottbus | 18.02.2009
Die Geschichte der Cottbuser Tram
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Erstellt am: 23. April 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 23. April 2009, 16:27 Uhr
Autor: Kathleen Weser

Kathleen Weser

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