Die Nacht der Industriekultur im Ruhrgebiet – hier ein Blick auf die Kokerei Hansa in Dortmund – könnte auch als Vorbild für Cottbus dienen. Foto: dpa Foto: dpa
Da eine Flusslandschaft, hier eine Flusslandschaft. Michael Fehrmann, der Chef des Cottbuser Lindner Congress Hotels, arbeitete drei Jahre lang in Wuppertal, am südlichen Rand des Ruhrgebiets, bevor er in die Lausitz wechselte. So liegt es nahe, dass er einen Vergleich wagt: „Das Ruhrgebiet hat 20 Jahre gebraucht, um richtig nach vorn zu kommen“, sagt Michael Fehrmann. „In Cottbus sieht es wohl ähnlich aus.“

Dreckig und verstaubt

Ein Gedanke, den er mit anderen Hoteliers der Stadt teilt. Stephan Reichelt, General Manager des Radisson Blu am Cottbuser Bahnhof, stammt aus Wiesbaden. Er erinnert sich: „Bei uns galt der Ruhrpott früher als dreckig und verstaubt – und im vergangenen Jahr wurde Essen zur Kulturhauptstadt.“ Er zieht Parallelen zur Lausitz, in der die Menschen zum Ende der DDR ebenfalls Tag für Tag den Ruß von den Fensterbrettern wischen mussten, während der Gestank von Schwarze Pumpe bis nach Cottbus zog. „Und heute?“, fragt Stephan Reichelt. „Die Cottbuser Region hat sich unheimlich gut entwickelt, die Leute hier sind hungrig auf Neues.“

So stellt auch das Tourismuskonzept des Landes Brandenburg für die Jahre 2011 bis 2015 fest: Cottbus bietet mehr und mehr kulturtouristische Schätze. Eine Studie der ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH aus Köln unter dem Titel „Potenziale der Industriekultur im Land Brandenburg“ preist vor allem das Kunstmuseum Dieselkraftwerk – und nennt zugleich als Geheimtipp die Alte Chemiefabrik. Weiter heißt es in der Studie: „Wir schätzen, dass rund 70 Prozent der Besucher industriekultureller Einrichtungen Tagesausflügler und 30 Prozent Übernachtungsgäste sind.“ Damit allein geht nach Einschätzung der Fachleute schon ein Gesamtumsatz von 50 Millionen Euro im Land Brandenburg einher – „ein kontinuierliches Wachstums-Potenzial“.

Mit der Cottbuser Industriekultur befasst sich auch Professor Günter Bayerl, der an der Brandenburgischen Technischen Universität den Lehrstuhl für Technikgeschichte innehat. Er ärgert sich über den Abriss alter Industriekomplexe in der Stadt, wettert über verpasste Chancen – und richtet seinen Blick ebenfalls ins Ruhrgebiet: „Solche Lösungen, wie sie dort entwickelt wurden, sind eventuell auch für die Niederlausitz von Bedeutung.“

In beiden Gegenden weichen frühere Industriebezirke neuen Branchen, beide Regionen weisen noch eine Arbeitslosigkeit von mehr als zehn Prozent auf. Während in der Lausitz die Internationale Bauausstellung – kurz: IBA – den Strukturwandel begleitet hat, war es im Ruhrgebiet die „Route der Industriekultur“, die neue Akzente setzte – auch im Tourismus. Eines unterscheidet die Menschen in Cottbus jedoch von denen im Westen Deutschlands, wie der Chef des Sorat-Hotels am Schloßkirchplatz glaubt. Frank Ulrich konstatiert: „Wir hier in dieser Stadt neigen oft dazu, überkritisch mit uns selbst umzugehen, statt die schönen Seiten von Cottbus zu betonen.“

Immerhin wollen die Mitarbeiter der Stabsstelle für Stadtmarketing den Stolz auf Cottbus in die Welt tragen. Zu ihnen zählt Daniela Paulig: „Wir konzentrieren uns derzeit konkret auf Berlin, weil wir uns sicher sind, dass dort viele potenzielle Gäste unserer Stadt leben.“

Meine Pizza ist die Beste

Hotelmanager Stephan Reichelt vom Radisson Blu sieht die Stadt Cottbus damit auf dem richtigen Weg. „Wichtig ist, dass bei uns globales Denken herrscht und das alte Kirchturmdenken in Vergessenheit gerät“, sagt er – und berichtet amüsiert von seinen Italien-Reisen. „Dort sagen die Leute: Meine Mama ist die Beste, meine Pizza ist die Beste, meine Vespa ist die Beste.“ Ein Stück von diesem Selbstbewusstsein, gibt er zu bedenken, würde den Cottbusern gut tun. „Und dazu haben wir allen Grund: Gegenüber dem Schloss Branitz werden doch, in aller Bescheidenheit, andere Häuser in der Welt blass.“
So haben sich die Touristenzahlen in Cottbus entwickelt.