Freitag | 10. Februar | 01:49 Uhr
Such Icon

 
 
Schrift  
Cottbus

Cottbuser Familie hat Angst vor der Abschiebung

Cottbus Jean Mpaka Manuel (42) ist nervös. Er rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Seine Hände wissen nicht wohin. Denn er fürchtet sich: Er soll am 12. August abgeschoben werden, gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Die Familie soll in ein Land, das nicht mehr ihre Heimat ist. Denn, so sagen sie: „Wir sind doch in Cottbus zu Hause.“

23.07.2009
Chirac Manuel, Plamedi Manuel, Sendo Hortance Mavinga, Henoc Mavinga und Jean Mpaka Manuel (v.l.) auf ihrem Balkon. Ihnen droht die Abschiebung. Foto: Jan Selmons
Foto: Jan Selmons
Jean Mpaka Manuels Stimme überschlägt sich und die Worte purzeln durcheinander, wenn er von dem schicksalhaften Abend in Kongos Hauptstadt Kinshasa erzählt. „Ich habe das Klopfen an der Tür gehört“, sagt er. Da habe er geahnt: „Das ist die Polizei.“ Sein „Verbrechen“: Jean Mpaka war politisch aktiv. Er habe sich für verfolgte Tutsi – eine afrikanische Stammesgruppe – eingesetzt, sagt er. Dann seien die bewaffneten Polizisten in der Wohnung gewesen. Er zeigt auf die Narbe am Auge seiner Frau. Sie habe einen Schlag in das Gesicht bekommen. In einem Gefängnis habe er sich wenig später wiedergefunden, sagt Manuel und schaut schweigend auf den Boden. Sendo Hortance Mavinga (40) fasst sich an die Narbe im Gesicht: „Ich fürchtete, ihn nie wieder zusehen.“

Die Angst hat Jean Mpaka Manuel nie wieder losgelassen. Was genau in den zwei Wochen im Gefängnis geschah, sagt er nicht.  Auf dem Tisch in seiner P2-Wohnung in Cottbus Sachsendorf liegt ein Aktenordner. Er zeigt einen Bericht eines Psychologen. Angstzustände, Schlafstörungen und Schuldgefühle wegen seines auf der Flucht umgekommenen Vaters werden ihm in dem Papier bescheinigt. Deshalb ist er in Behandlung.

Stolz zeigt er Zeugnisse und Urkunden seiner Kinder. Chirac (16) ist ein guter Schüler. „Ich will gern aufs Gymnasium und später Architektur studieren“, sagt er. In seiner Freizeit spielt Chirac Fußball bei Victoria Cottbus. So steht es auf seinem Spielerausweis. Chirac: „Profi-Fußballer bei Energie wäre auch toll.“ Wenn seinem Vater die deutschen Worte fehlen, hilft er aus. Im Gegensatz zu ihm spricht er fast akzentfrei. Kongo kennt Chirac kaum. Der Kontakt mit Bekannten in dem Land sei seit ihrer Flucht 2002 abgebrochen, sagt die Familie.  „Wir wissen doch gar nicht wohin da.“

Auf der Couch im Wohnzimmer spielen Plamedi Manuel (8) und Henoc Mavinga (4). Beide seien sehr musikalisch, sagt der Vater. Er zeigt eine Urkunde der Yamaha-Musikschule, in der Plamedi Klavierspielen lernt. Dann holt er einen Stapel Blätter aus einem Umschlag. Mehrere Arbeitsverträge legt Jean Mpaka Manuel vor. Er hätte gerne den Job als Hausmeister in der Cottbuser Kita Storchennest angenommen, sagt er. Er darf das nicht. „Weil er erst eine Arbeitserlaubnis erhält, wenn er und seine Familie eine Aufenthaltserlaubnis besitzen“, erklärt Lothar Judith, Pressesprecher vom Cottbuser Aufbruch, der sich für ein Bleiberecht der Familie einsetzt.

In den Papieren der Familie steht nur: „geduldet“. Jean Mpaka würde alles dafür tun, dass dieses Wort verschwindet, „wegen der Kinder“, sagt er. Chirac weiß, was sein Vater meint: „Ich will in die Schule. Ich will mit Freunden lernen.  Das ist in Afrika ein Problem.“

Henoc Mavinga (4) ist krank. In der schriftlichen Einschätzung der behandelnden Kinderärzte heißt es: Verdacht auf Thalassämie. Das ist eine Blutkrankheit, die eine tägliche Behandlung mit Medikamenten notwendig macht. „In Afrika ist das nicht möglich“, sagt Jean Mpeka Manuel. Er fürchte um das Leben seines Kindes.

Sozialarbeiter Klaus Behrendt schüttelt den Kopf. Er schaue gelegentlich bei der Familie vorbei. Sie sei ein prima Beispiel für gut funktionierende Integration, sagt er. Behrendt: „Die Eltern machen alles selber. Beide sind in Vereinen aktiv. Jean Mpaka ist Vorstandsmitglied im Flüchtlingsverein Cottbus. Arbeiten würden sie gerne.“ Über den Abschiebetermin seien er und seine Kollegen erschrocken.

Nach RUNDSCHAU-Informationen soll Manuel seit seiner Einreise im Jahr 2002 irgendwann einmal ein Papier unterschrieben haben, in dem er behauptet, wieder nach Afrika zurück zu wollen.  Erinnern könne er sich an den Inhalt des Schriftstücks nicht: „Ich will nicht weg.“ Er habe Angst gehabt und hätte alles Mögliche unterschrieben, wenn man das von ihm verlangt hätte. Auch Behrendt ist der Vorgang nicht bekannt: „Die Familie will hier bleiben.“

Mutter Sendo Hortance Mavinga streichelt Henoc sanft über den Kopf. Für sie sei das alles wie ein böser Traum, der nicht vorbei gehen will. Sie kann nicht begreifen, warum ihre Familie aus dem Land geschafft werden soll: „Wir haben uns doch nichts zu Schulden kommen lassen. Warum dann diese Strafe?“
Von Jan Selmons
 
Lesen Sie täglich mehr in der Lausitzer Rundschau oder werden Sie ePaper-Abonnent. Jetzt hier bestellen...
Video
   

 
Jüngste Kommentare
Zu diesem Artikel sind noch keine Beiträge vorhanden
Überschrift max. 70 Zeichen
grinsen zwinkern traurig
Meine Meinung
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Sie haben noch keinen eigenen Account: Füllen Sie bitte die notwendigen Daten für eine Registrierung aus. Sie werden dann automatisch eingeloggt und ihr Beitrag wird gespeichert.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern. Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!


gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Hauptstadt von den Niederlanden?: 
Was ist Twingly? Mehr über die Blog-Suche mit Twingly.
3677274
Luft Neu Schmellwitzl
Cottbus |

Neue Universität für die Lausitz

von Von Johannes M. Fischer und Steffi Schubert
mehr [+]
3677045
Winter Schnee
Cottbus |

Zahlreiche Unfälle nach Schneefall in der Lausitz

von dapd/boc
mehr [+]
3675888
Cottbus |

Ausreißer finden in Cottbuser Werkstatt Asyl

von Von Sven Hering
mehr [+]
3676407
Cottbus |

Der Mann mit dem Speer im Kopf

von
mehr [+]
3675895
|

Zum Abschied lässt er es noch einmal krachen

von Von Andrea Hilscher
mehr [+]
Such Icon