BTU-Professor Spyra zu den Kampfmittelfunden in Neuhausen
Cotbus Gespannt, aber aus der Ferne, hat Professor Dr. Wolfgang Spyra die Munitionssuche an der Mühlenstraße in Neuhausen verfolgt. Wegen des Frostes ruht die Arbeit derzeit. Von der ersten Selbstdetonation am 14. Dezember an haben dort alle Beteiligten gute Arbeit geleistet, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Altlasten an der Brandenburgischen Technischen Universität. Wichtig werde jetzt eine sachliche und militärhi storische Aufklärung.
O ja, als ich in den 80er-Jahren in Berlin Leiter der Direktion Polizeitechnische Untersuchungen war, wurden einmal sieben Riegelminen gefunden. Sie lagen unter einem Einfamilienhaus in Berlin-Rudow, das nach dem Krieg dort gebaut worden war. Es war ein Riesenaufwand, sie dort zu bergen. So etwas kann immer wieder passieren, wenn Bauflächen vorher nicht untersucht werden.
Und in Oranienburg, wo Sie die Suche als Wissenschaftler begleiten?
In Städten findet man kaum Riegelminen. Sie liegen eher dort, wo im Krieg logistische Funktionen zu erfüllen waren. Sie sollten Lastwagen und Panzer außer Gefecht setzen. Und was immer wieder gefunden wird, sind Depots zur Landesverteidigung und Panzergräben, wo die Riegelminen vorm Einsatz gelagert wurden.
Warum überraschen uns die Kampfmittel 66 Jahre nach dem Kriegsende?
Munition wurde mit dem Kriegsende entsorgt, legal durch die Alliierten, die dann durch Sprengung oder Verklappung in der Ost- und Nordsee entsorgt wurden, aber auch illegal durch Vergrabungen oder Ablage in Gewässern oder aber durch einfaches Liegenlassen. Das Problem: Die Menschen damals – Soldaten und auch Zivilisten – konnten mit der Munition umgehen. Aber wir heute, wenn wir nicht gerade beruflich damit zu tun haben, können das nicht. Hinzukommt, dass mit den Jahrzehnten die Sicherheitsmechanismen der Kampfmittel nicht mehr funktionieren.
Was genau geschieht in den Bomben und Minen?
Zuerst sehen wir den Rost außen, aber auch innen findet Korrosion statt. Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit nagen am Material und schwächen den Sicherheitsmechanismus. Und plötzlich ist es nur noch ein winziger Stift, der sichert. Eine kleine Bewegung – zum Beispiel durch ein vorbeifahrendes Auto – kann dann zu einer Zündung wie in Neuhausen führen.
Das passiert also völlig unberechenbar?
Ja, das sind Zufallsereignisse, gegen die man sich nur schwer wappnen kann. Nur mit einer systematischen Gefahrenbeseitigung, wie sie in Oranienburg praktiziert wird, können wir versuchen, solche Zufallsereignisse zu reduzieren, zu verhindern sind sie nicht.
Aber das ist teuer und aufwendig. In Neuhausen geht es mit der Munitionssuche derzeit nur darum, für die Straßenreparatur die hundertprozentige Sicherheit zu garantieren. Ist das zu wenig?
Wichtig ist es erst einmal, die Infrastruktur wieder herzustellen und zwar so, dass keine Gefahr mehr für den Bürger von dieser Stelle ausgeht. Es muss nicht immer alles so glimpflich ausgehen wie in Neuhausen. Wir brauchen ein Programm, mit dem solche Gefahren mittelfristig aufgeklärt werden können. Die Materiallage dafür ist gar nicht so schlecht. Historiker müssen sich nur ransetzen, Wir wissen, wo bombardiert wurde: Standorte der Rüstungsindustrie und logistisch wichtige Zentren wie Häfen, Bahnhöfe und Flugplätze. Auch Wohngebiete wurden im Zweiten Weltkrieg bombardiert, um die Bevölkerung zu demoralisieren. Wir kennen die Verteidigungslinien, kennen die Wege, die die Rote Armee nach Berlin führte. Brücken und Bahnstrecken – alles, was für die Versorgung gebraucht wurde – waren Angriffsziele. Die Luftbilder müssen multitemporal ausgewertet werden. Wie viele Bomben sind niedergegangen – was prozentual als Blindgänger liegen bleibt wissen wir. Wo sind Trichter entstanden, wie sah es ein halbes Jahr später aus? Die Archive der Amerikaner und das TARA im schottischen Edinburg – The Aerial Reconnaissance Archive – sind da wichtige Quellen. Was wir leider kaum haben, sind Blockwartberichte von den Deutschen. Aus Angst vor den Alliierten haben die Blockwarte vieler Truppen ihre Aufzeichnungen darüber, wo was genau passiert ist, vernichtet.
Im Fall Neuhausen wurden Luftbilder verglichen, Materialien gesichtet und Bürgerhinweise ernst genommen, trotzdem wurde tagelang keine Munition gefunden.
Eine Luftbildauswertung liefert Verdachtspunkte für Einschläge von Bombenblindgängern und den Verlauf eines Panzergrabens, aber ganz selten zu konkreten Ablageorten von Kampfmitteln. Aber die Frage der Verhältnismäßigkeit darf sich hier aus meiner Sicht nicht stellen.
Was raten Sie der Gemeinde?
In Neuhausen wurde bisher alles richtig gemacht und viel Glück war auch dabei. Bürgermeister Dieter Perko lebt eine Verantwortung, die ungewöhnlich und nur zu loben ist. Doch er muss die Zeit nutzen, um jetzt das Land um Unterstützung zu bitten. Das Beste wäre, mit der bisherigen Ernsthaftigkeit Aufklärung zu betreiben und auch den Flugplatz einzubeziehen. Die Transparenz sollte beibehalten werden, damit keine Unruhe auf-kommt, sondern die Sachlichkeit dominiert. Die Bevölkerung braucht das Vertrauen, um sicher zu sein, dass alles, was notwendig ist, auch durchgeführt wird.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 07. Februar 2012, 00:00 Uhr
Geändert am: 07. Februar 2012, 11:35 Uhr
Autor: Mit Wolfgang Spyra sprach Annett Igel

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