Opferverband zeigt Cottbuser Stasi-Gefängnis als Tatort
Durch stockdunkle Kellergänge und über im Boden klaffende Löcherder früheren Cottbuser Haftanstalt sind Schüler, Politiker und ehemalige Häftlinge mit Feuerzeugen gestolpert.
Siegmar Faust (links) war in diesem Keller 400 Tage eingesperrt. Foto: Mathias Klinkmüller Foto: Mathias Klinkmüller
Im schmalen Keller der Cottbuser Haftanstalt wurde es eng. Wo früher Einzelzellen waren, wimmelte es von Besuchern, die sich den Ort des Stasi-Terrors anschauen wollten. Mit dieser Vor-Ort Besichtigung will die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) „die unmenschliche Seite der SED-Diktatur“ zeigen.„Oh Gott, so war das. Das ist beängstigend“, sagte Peter Tolksdorf (74) beim Anblick einer Zelle, in der die Betten noch so wie zu seiner Häftlingszeit standen. Vor 32 Jahren war der Arzt für zwei Jahre in Cottbus inhaftiert gewesen. Die ihm vorgeworfene Straftat: Republikflucht. Nun war er aus Hamburg nach Cottbus gekommen, um sich diesen Ort noch einmal anzuschauen. Er war einer von 60 politischen Häftlingen, die an diesem Tag ihr früheres Gefängnis besuchten. Erinnerungen wurden wach. „Weil es kalt war, bin ich den ganzen Tag in der Zelle umhergelaufen.
Dazu kam die Angst und die Panik vor den Wärtern“, berichtete Siegmar Faust, der nach eigenen Worten 400 Tage in Kellerarrest gesessen hatte und dort auch von Wärtern verprügelt worden war. Die Geschichten der ehemaligen Häftlinge ähneln sich. Auch wenn heute zahlreiche bunte Graffiti und gesprühte Herzen die bröckelnden Wände etwas bunter machen, bleiben die Erinnerungen grau. So auch der Groll auf die Wärter. Den Wunsch, einem der damaligen Bewacher heute noch einmal in die Augen zu schauen, sprachen viele Häftlinge offen aus. Andere waren distanzierter. So auch Dr. Hans-Jürgen Kühn (62) aus München. „Diese ganze persönliche Betroffenheit ist mir zu subjektiv. Man muss dies doch alles in einem großen, weltpolitischen Zusammenhang sehen“, forderte der ehemalige Häftling.
Trotz der zwei Jahre, die er im Cottbuser Gefängnis verbracht habe, sei der emotionale Abstand für ihn durch die vergangene Zeit schon zu groß. Noch mehr Abstand hatten die Schüler, welche die DDR-Geschichte nur noch aus Büchern und dem Fernsehen kennen. „Ich kann mir schon denken, dass es so war, wie die Häftlinge schildern. Aber richtig lebendig vorstellen kann ich es mir nicht“, sagte Gloria Generlich (16) von der Lausitzer Sportschule in Cottbus. Doch vor Ort, so die Schülerin, werde die Geschichte fassbarer als aus Schulbüchern. Auch ihr Mitschüler Tony Abraham (17) fand den Geschichtsunterricht im Knast lehrreich. „Der Besuch hat das, was wir im Unterricht gelernt haben, bestätigt“, sagte der Schüler nach der Besichtigung der Zellen. Dies war auch der Anreiz für den Opferverband VOS gewesen, die Zellentüren zu öffnen. „Ich habe nichts gegen gesunde Ostalgie.
Doch wir müssen den jungen Menschen auch andere Seiten des SED-Regimes zeigen – menschenverachtende Seiten“, erklärte Ronald Lässig vom Opferverband. Dass die Cottbuser Haftanstalt einem Privatinvestor gehört, der ein Hostel erbauen möchte, ärgert ihn. „Wir wollen kein Knast-Disneyland, sondern eine Gedenkstätte.“
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 24. September 2009, 00:00 Uhr
Geändert am: 24. September 2009, 01:48 Uhr
Autor: Von Mathias Klinkmüller
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