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Politik

Zwischen Euphorie und Skepsis

Seit einem Jahr gibt es in Deutschland eine Impfung, die gegen Humane Papilloma Viren (HPV), die häufigste Ursache für Gebärmutterhalskrebs, schützen soll. Viele junge Mädchen in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land haben davon Gebrauch gemacht. Jetzt sind aber auch Zweifel und Kritik an dieser Vorsorge aufgekommen. Zahlreiche Fachleute raten trotzdem dazu.
28.02.2008
Grippe-Impfung
Umstrittener Pikser. Tausende junge Frauen in Deutschland haben sich gegen HP-Viren impfen lassen. Die Spritzen sollen einen 70-prozentigen Schutz gegen eine der häufigsten Ursachen für Gebärmutterhalskrebs liefern. Die Impfung ist in Deutschland erst seit 2006 zugelassen.

«Diese Impfung ist nützlich, aber so neu, dass wir über Langzeitfolgen noch nichts wissen»
Jörg Trinogga,
Sprecher der AOK Brandenburg

Anna hat die erste von drei Spritzen gegen HPV-Viren schon hinter sich. Die Neunzehnjährige aus dem Spree-Neiße-Kreis hatte von ihrer Mutter von dieser Schutzmöglichkeit gehört. «Meine Gynäkologin hat mich dann kurz darüber aufgeklärt, wie das geht und mir eine Broschüre in die Hand gedrückt.» Dann gab es den ersten Pikser in den Oberarm. Anna findet es gut, dass es diese Möglichkeit gibt, sich zu schützen.
So wie Anna verhalten sich viele junge Mädchen in der Region, seit die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut im März 2007 die Impfung für Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren empfohlen hat und die Krankenkassen sich kurz darauf zur Übernahme der Kosten von rund 500 Euro pro Patientin bereit erklärten. Eine Statistik über bereits verabreichte Seren gibt es nicht. Nur die Verkaufszahlen der Impfpackungen geben einen Hinweis über die Verbreitung.
Danach sind bis Ende 2007 zwei Millionen Dosen des Impfstoffes Gardasil, einem von zwei seit 2006 zugelassenen Präparaten, in Deutschland und Österreich verkauft worden. Nach Angaben des Herstellers Sanofi Pasteur MSD gingen weltweit bereits 20 Millionen Packungen Gardasil über die Apothekentische. Ein Milliardengeschäft. Die Pharmafirmen werben stark für ihre beiden zugelassenen Produkte. Für die Krankenkassen steigen durch diese mit Abstand teuerste Immunisierung die Impfkosten erheblich.
Die dreimal verabreichte Spritze wirkt jedoch nur gegen etwa 70 Prozent der verschiedenen HP-Viren und bisher ist die Dauer der Wirkung auch nur für fünf bis sechs Jahre nachgewiesen. Ob später nachgeimpft werden muss, ist noch ungewiss. Schon weil die Spritze keinen vollständigen Schutz bietet, wird die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt dadurch nicht überflüssig. Darauf weisen Frauenärzte immer wieder hin. «Auf keinen Fall dürfen Frauen da nachlässig sein, bei den Untersuchungen geht es ja um mehr» , warnt Hans-Harald Riedel, Chef der Frauenklinik im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum.
Kathrin Welz ist Bezirksvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte. Die Cottbuser Frauenärztin warnt vor Hysterie bei der Debatte über die HPV-Impfung: «Man sollte das nicht zu schnell zerreißen, das ist eine gute Geschichte.» Sie versichert, dass sie junge Mädchen und Frauen so berät, dass die Entscheidung für oder gegen die Spritze offen bleibt. Die Bemühungen der Pharmaindustrie um diesen Schutz unterstützt sie: «Ich finde es gut, dass daran geforscht wird.»
Die Aufklärung über Details der HPV-Impfung scheint je nach Arzt in der Region sehr unterschiedlich auszufallen. Das geht aus Schilderungen von jungen Lausitzerinnen hervor, die sich die Injektionen haben verabreichen lassen. Manche Frauenärzte nehmen sich für ein vorhergehendes Gespräch offenbar Zeit, andere belassen es bei einem kurzen: «Das ist gut, machen sie das mal.»
Wegen unterschiedlicher Auskünfte durch verschiedene Ärzte oder durch Veröffentlichungen sind manche Mädchen und ihre Eltern aber auch verunsichert und warten ab. Birgit und Martin Berger (Namen geändert) haben sich nach einem Beratungsgespräch mit einem Mitarbeiter ihrer Krankenkasse entschlossen, ihre Tochter vorerst nicht impfen zu lassen. «Der hat uns darauf hingewiesen, dass noch viele Fragen offen sind, wie lange das wirkt zum Beispiel» , sagt Birgit Berger. Die Gynäkologin der Tochter hatte ihr die Impfung ohne Wenn und Aber empfohlen. Für Aufregung hatten in den vergangenen Wochen auch Berichte über zwei Todesfälle junger Frauen in Deutschland und Österreich gesorgt, die kurz vorher eine HPV-Impfung erhalten hatten. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland über die Zulassung und Qualitätskontrolle von Impfstoffen wacht, versichert, dass es keinen Anhaltspunkt für einen ursächlichen Zusammenhang gebe. Nach bisherigen Kenntnissen sei von einem zufälligen Zusammentreffen von Impfung und ungeklärtem plötzlichen Tod auszugehen. Warum die jungen Frauen starben, blieb unbeantwortet.
Die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Annette Widmann-Mauz, hatte kürzlich eine Begleitstudie zur HPV-Impfung als dringend erforderlich bezeichnet, «um möglichen Schaden von gesunden jungen Mädchen und Frauen abzuwenden» . Die Antwort des Gardasil-Herstellers Sanofi Pasteur MSD ließ nicht lange auf sich warten. «Als nicht nachvollziehbar» , bezeichnete der wissenschaftliche Leiter des Pharmaunternehmens, Hans Joachim Hutt, diese Forderung. Im Rahmen des Risikomanagments liefen bereits weitere Untersuchungen.
«Diese Impfung ist nützlich, aber so neu, dass wir über Langzeitfolgen noch nichts wissen» , gibt Jörg Trinogga, Sprecher der Brandenburger AOK, eine differenzierte Einschätzung. Wie andere kritische Beobachter sagt er, dass diese Impfung «schon sehr schnell auf den Markt gekommen sei» . Dazu gehöre auch die Empfehlung der Stiko. «Ich würde gern mal sehen, dass die Mitglieder der Kommission ihre Beziehungen zur Pharmaindustrie offenlegen» , so der AOK-Sprecher.
von Simone Wendler
 
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