Peter Förster ist ein alter Mann. Doch kaum einer weiß besser als der 72-jährige Professor aus Leipzig, wie junge Menschen zu DDR-Zeiten und in den Jahren seit der Wende denken. Als Mitbegründer des "Zentralinstituts für Jugendforschung (ZIJ)" startete er 1987 eine Längsschnittbefragung unter 1200 Schülern der 8. Klasse. Mit Abschluss der 10. Klasse blieben 800 Freiwillige, die auch weiterhin Auskunft geben wollten über Lebenslagen, Zukunftsaussichten, politische Ansichten und Wertvorstellungen. Mit seinen Fragebögen begleitet der Sozialwissenschaftler die damals Jugendlichen aus Zwickau, der Oberlausitz, Torgau und Leipzig bis in die Gegenwart.
"Und dabei zeigen sich Entwicklungen, die ich so nie erwartet hätte. Denn zu unser aller Überraschung gibt es bis heute bei unseren Befragten eine ganz starke Identifikation mit der DDR." Der Wissenschaftler: "Zur Wendezeit waren die Teilnehmer 16, 17 Jahre alt, hatten die Oberschule als letzter Jahrgang voll durchlaufen und waren damit über ein Jahrzehnt vom Bildungs- und Erziehungssystem der DDR geprägt worden. Zugleich waren sie noch jung genug, um sich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus neu zu orientieren, die Werte des jetzigen Gesellschaftssystems zu übernehmen oder aber sich kritisch mit ihnen auseinander zu setzen." Und gerade diese biografische Einbindung in einen gesellschaftlichen Systemwechsel macht die Studie einzigartig.
Die Trends sind eindeutig: Zu DDR-Zeiten waren die Überzeugung von der Bedeutung des Marxismus-Leninismus als Lebenshilfe (schon 1987 nur noch schwach ausgeprägt), die politische Identifikation mit der DDR und der Glaube an den Sieg des Sozialismus im Zerfall begriffen. Dennoch gab es in der Endphase des Sozialismus ein ungebrochenes Vertrauen auf eine "gesicherte Zukunft in der DDR" – 94 Prozent der Jugendlichen stimmten diesem Satz im Frühjahr 1989 zu. Selbst jene Mitglieder, die sich von der DDR politisch distanzierten, gingen mehrheitlich davon aus, dass sie ihnen eine gesicherte Zukunft biete. Eben dieser Punkt scheint rückwirkend den Kern zu bilden für eine emotionalen Verbundenheit mit der DDR.
Massenarbeitslosigkeit zermürbt
Zwar sei, so der Professor, die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer bei ihrer Bejahung der Wende geblieben, die meisten davon sogar ohne Einschränkung. Aber im Jahr 2002 stimmen nur 28 Prozent der Aussage zu, dass die damaligen Ziele der "friedlichen Revolution" heute verwirklicht sind. 14 Prozent verneinen das. 58 Prozent meinen, dass diese Ziele teilweise verwirklicht seien.
Auffällig viele betonen in ihren zusätzlichen Notizen, dass die Schließung vieler Betriebe und die Massenarbeitslosigkeit im Osten damals nicht zu den Zielen gehört habe. Peter Förster: "Gerade diese persönlichen Kommentare machen sehr betroffen. Denn mit der sozialen Angst steigt auch die Kritik am Kapitalismus. Nur 15 Prozent fühlen sich wohl im kapitalistischen System. Der Rest hat Zweifel." Für Förster kein Wunder: "Einer aus der Studie hat sich gerade geoutet: Er sitzt mittlerweile in der Magdeburger Fußgängerzone – als Bettler." Zwar schätzen die Befragten ihre persönliche Freiheit hoch ein, setzten aber "Kapitalismus" und "Freiheit" nicht gleich. Bei 70 Prozent ist eine Doppelidentität zu beobachten. Sie fühlen sich als Bundesbürger, ohne jedoch ihre Verbundenheit mit der DDR aufgegeben zu haben. Peter Förster: "Dabei geht es nicht so sehr um politische Bindungen an die untergegangene DDR. Großes Gewicht haben vielmehr tiefe lebensgeschichtliche Prägungen, vor allem das Erleben der DDR als Heimatland, die Erinnerung an eine meist sorgenfreie Kindheit und Jugend, die vielfach aufgewertet wird durch den Kontrast heutiger Alltagserfahrungen." Auch werde die positive Bewertung der sozialen Sicherheit zu DDR-Zeiten nicht politisch reflektiert. "Die Leute denken nicht darüber nach, warum es diese sozialen Errungenschaften gab und welcher Preis dafür bezahlt wurde." Peter Förster sitzt bereits über der Auswertung der 19. Befragung. "Die Trends verschärfen sich. Enttäuschung und Zweifel am Kapitalismus, zunehmender Glaube an sozialistische Ideale."
Gefühl der Ungerechtigkeit
Die verbreitete Unzufriedenheit mit dem politischen System und mit der Wirtschaftsordnung hat, so die Studie, ihre Wurzeln darin, dass sich ein erheblicher Teil der Panelmitglieder um seinen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand gebracht und ungerecht behandelt fühlt. Förster: "Das zieht sich durch, egal, ob die Befragten früher überzeugte FDJler oder Systemkritiker waren. Unterschiede gibt es nur dort, wo Leute in den Westen gegangen sind. Ihnen geht es materiell deutlich besser, sie sind integriert und haben keine Rückwanderungswünsche. Als DDR-Bürger fühlen sie sich dennoch weiterhin."
Peter Förster wird ihren Lebensweg weiter verfolgen. "Unser Institut wurde nach der Wende liquidiert. Ich selbst war ein Jahr arbeitslos, seitdem wird die Studie von verschiedenen Instituten finanziert."
Als zunehmend brisant empfindet er die Ergebnisse. "Es ist wie vor der Wende: Alle Zufriedenheits-Kurven gehen rapide nach unten. Aber wie damals interessiert sich auch heute niemand wirklich für das, was wir herausfinden."
H I N T E R G R U N D
Systemübergreifende Studie
Bei der Leipziger Längsschnittstudie handelt es sich um eine in ihrer Anlage ungewöhnliche, weil systemübergreifende sozialwissenschaftliche Langzeitforschung. Sie wurde 1987 gestartet und begleitete über die Wende im Herbst 1989 hinweg den politischen Mentalitätswandel bei jungen Ostdeutschen des Geburtsjahrganges 1972/73 bis in die Gegenwart.
Von ursprünglich 1200 Teilnehmern sind heute noch mehr als 400 involviert. Etwa 300 leben in Ostdeutschland, 100 im Westen oder im Ausland.
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