Zukunftsforscher Daniel Dettling: „Die Region braucht die Kreativen“
Zukunftsforscher Daniel Dettling über Strategien gegen Fachkräftemangel in der Lausitz
Cottbus Die Lausitz muss künftig verstärkt um die „kreative Klasse“ unter den jungen Arbeitnehmern werben. Nur so könne der drohende Fachkräftemangel abgewendet oder zumindest gemindert werden. Das sagt der Demografie-Experte und Zukunftsforscher Dr. Daniel Dettling im RUNDSCHAU-Gespräch.
Gemeint sind junge Menschen, die im Beruf auf unterschiedliche Weise kreativ sein möchten und künftig eine entscheidende Größe in der Fachkräfte-Branche darstellen. Sie drängen in den klassischen Kulturbereich, eröffnen sich aber auch neue Berufsfelder. Da gibt es die Ingenieure, Controller, Programmierer und Analysten, die ich rationale Innovateure nenne. Die kreative Mitte besetzen Moderatoren, Event-Manager oder Webdesigner. Sehr speziell muten Synthese-Berufe an. Dazu zähle ich den Wellness-Coach, den Praxis-Philosophen oder die Waldkindergärtnerin. Einen konventionellen kreativen Beruf unter neuen Vorzeichen übt der begnadete Schreiner aus, der artifizielle Architekt oder der phantastische Fotograf. Wie ist diese kreative Klasse entstanden?
Durch einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt und damit der Erwerbsbiografien. Der Anteil der kreativen, nicht körperlichen Arbeit vor allem in den Dienstleistungen wächst stetig. Dabei werden die klassischen Beschäftigungsverhältnisse mit Arbeitern, Angestellten und Beamten, die Einheitslöhne in hierarchisch wie eine Pyramide aufgebauten Unternehmen oder Behörden bekommen, zu Auslaufmodellen. Es wird künftig noch sehr viel mehr flexible Lösungen geben in Beschäftigung und Entlohnung mit befristeten Arbeitsverhältnissen, Teilzeitmodellen, Mindestlöhnen kombiniert mit Leistungszulagen oder Gewinnanteilen. Sie beschreiben einen Wandel in den Ansprüchen dieser Fachkräfte verglichen mit denen der Arbeitnehmer früher?
Es zeigt sich, dass ihnen Karriere, Status, Geld und Sicherheit weniger wichtig sind als Lebensqualität, Selbstverwirklichung, soziale Kontakte und der Spaß an der Arbeit. Sie sind oft weniger lebenslauffixiert als Arbeitnehmer früher und zum Teil jetzt noch, sie fragen sich: Was macht mich unverwechselbar? Wie will ich leben? Sie binden sich stärker an Projekte als an Unternehmen. Wichtige Standortfaktoren für sie sind ein tolerantes Klima sowie ein gutes kulturelles und auch kulinarisches Angebot. Kann sich diese kreative Klasse in der Lausitz etablieren? Welche Voraussetzungen sind dafür gegeben?
Die Lausitz kann eine Region der Talente werden. Sie hat nach der Wende einen Strukturwandel hinter sich gebracht, war anpassungsfähig und veränderungswillig wie kaum eine andere Region. Die Lage im Dreiländer-Eck Deutschland-Polen-Tschechien ist ein begünstigender Faktor. Hoffnung machen auch die jüngsten Arbeitsmarktdaten. Brandenburg verzeichnet von allen ostdeutschen Ländern den größten Anstieg bei den Beschäftigtenzahlen. Die demografische Entwicklung dagegen gibt eher Anlass zur Skepsis.
Bei der demografischen Entwicklung in den ostdeutschen Bundesländern ist nicht die Überalterung der Gesellschaft das Problem, sondern ihre Unterjüngung. Bis 2050 werden laut den Prognosen 30 Prozent weniger Menschen in Ostdeutschland leben als jetzt. In den nächsten zehn Jahren halbiert sich hier der potenzielle Bestand an Fachkräften. Dennoch können Brandenburg und die Lausitz die Lücke schließen. Was müsste aus Ihrer Sicht dafür getan werden?
Die Unternehmen allein können die zentrale Herauforderung der Zukunft nicht meistern, Fachkräfte in den Kreativbranchen zu gewinnen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich schnellstmöglich verbünden, um das Potenzial an Talenten in der Region gezielter als bisher zu fördern. Denkbar wäre zum Beispiel, ein Bildungsbündnis für die Wissensregion zu gründen. Die Region braucht die Kreativen. Brandenburg kann sich eine Unterqualifizierung so vieler junger Menschen, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben, nicht länger leisten. Es müssen mehr junge Menschen an guter Bildung und Ausbildung beteiligt werden.
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Artikel-Aktualisierungen:
Erstellt am: 08. Juli 2010, 00:00 Uhr
Geändert am: 08. Juli 2010, 09:41 Uhr
Autor: Mit Daniel Dettling sprach Daniel Preikschat

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